Beratung für Hartz IV-Empfänger in allen Lebenslagen bietet Christian Meier (mit Bart) von Herzogsägmühle. mg

Bewerbungstraining statt Arbeitsplatz

Schongau - Wer Hartz IV-Empfänger ist, muss mit vielen Vorurteilen leben. Oder ist das überhaupt noch ein Leben, wenn das Geld kaum mehr zum Leben reicht?

„Ich bin keine faule Sau, die mit der Bierflasche vor dem Fernseher sitzt und sich vom Staat aushalten lässt“, stellt Walter M. klar. Der 58-jährige Schongauer bezeichnet es vielmehr als seinen größten Wunsch, wieder in das Arbeitsleben integriert zu werden. Seit nunmehr fünf Jahren lebt er von Hartz IV, genauer gesagt, er muss davon leben. Von den 399 Euro, die er vom Staat bekommt, bleiben nicht mehr viel übrig, denn davon gehen auch die Stromkosten, die Ausgaben für Kleidung, Möbel, Hausrat, Friseurbesuch usw. weg. „Für Essen sind eigentlich nur 190 Euro vorgesehen“, rechnet der 58-jährige vor. In Supermärkten hält er immer nach dem Billigsten und nach Sonderangeboten Ausschau. Nur an Weihnachten hat er sich einmal einen Schweinebraten mit Knödel und Kraut geleistet - selbstverständlich selber zubereitet.

In Gaststätten kommt Walter M. so gut wie nicht mehr rein, obwohl er früher dort jahrelang als Kellner sein Brot verdient hat. Doch diese Zeiten sind schon lange vorbei. Einmal in Hartz IV gefallen, zu einer Nummer abgestempelt, ist es auch für ihn nicht einfach, wieder Fuß zu fassen.

Hat der 58-jährige Schongauer überhaupt noch eine Perspektive? Wer stellt schon einen so alten Kellner an? Dabei fühlt sich Walter M. gar nicht alt. Er ist gerne unter Leuten und hat sich immer wieder beworben. „Doch in der Gastronomiebranche erhalten meistens jüngere Leuten den Vorzug“, so die Erfahrung eines Hartz IV-Empfängers, der sich jetzt schon um seine Rente Sorgen macht. Die Altersarmut droht und hängt wie ein Damokles-Schwert jetzt schon über ihm.

Wie ist er nur in diese prekäre Situation hineingeraten? Auch das fragt sich Walter M. immer wieder. Er stammt aus München, hat früher als Verkäufer für Sportartikel bei Hertie gearbeitet und dann zum Kellnern angefangen - in München, in Rüdesheim, am Tegernsee, in Wiesbaden und auch in der einstigen Bundeshauptstadt Bonn.

Doch dann ist seine Beziehung zerbrochen, er hat seine Arbeit verloren, musste sich zu allem Übel noch einer Darmoperation unterziehen und war mit der anschließenden Reha fast ein Jahr lang außer Gefecht. „Wieder in eine feste sozialpflichtige Arbeit zu kommen, ist ein schwerer Weg“, hat Walter M. erfahren müssen. Seinen Radius musste er stark einschränken, von gesellschaftli chen Veranstaltungen ist er mehr oder weniger ausgeschlossen. Konzerte, um ein bisschen Abwechslung zu haben, kann er sich schon lange nicht mehr leisten, weil er jeden Cent viermal umdrehen muss.

Und weil der 58-Jährige einmal ein Arbeitsvermittlungsangebot (Vorstellungstermin) verpasst hat, ist ihm das Hartz IV-Geld um 30 Prozent gekürzt worden (für drei Monate). Dann ist ihm nichts anderes übrig geblieben, als die Tafel in Schongau aufzusuchen, und dort um Essen zu bitten.

Nun soll Walter M. bereits zum dritten Mal ein Bewerbungstraining (in Weilheim) machen. Ob’s was hilft? „Die Angebote im Gastronomiebereich sind dünn gesät“, sagt er. Hinzu kommt noch, dass er kein Auto besitzt und keinen Führerschein hat. Wie soll er als Kellner abends dann heimkommen, wenn sein Arbeitsplatz nicht in unmittelbarer Nähe liegt?

Rat holt sich der 58-Jährige regelmäßig bei Christian Meier, seit 1990 Sozialberater in Herzogsägmühle. Der kennt die prekäre Situation der Hartz IV-Empfänger. „Jeder will da rauskommen und wieder am Arbeitsleben teilnehmen“, bestätigt Meier. Mit Hartz IV sei das nicht gewährleistet.

mg

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