Versuch der Wiederbelebung (einer Puppe): Auch hier wurden die Jugendlichen mit in das Szenario eingebunden. hh

Blech, Blut, Schreie: "Discofieber" gegen Alkohol am Steuer

Peiting - Mit einem besonderen Projekt zur Verkehrserziehung will der Verein „Die Brücke Oberland“ junge Fahrschüler informieren und wachrütteln, um gegen Alkohol am Steuer anzukämpfen.

Projekt „Discofieber“: Musik flutet den Unterrichtsraum der Feuerwehr, dann eine jähe Unterbrechung durch schockierende Bilder auf einer Großleinwand. Das Ende einer feuchtfröhlichen Nacht - einer Disconacht. Lichtkegel auf der Landstraße, lachende Gesichter auf dem Rücksitz, eine kleine Unaufmerksamkeit des Fahrers, das Auto kommt von der Straße ab und überschlägt sich. Blutverschmierte Gesichter - Stille im Raum. Polizist, Verkehrserzieher und Moderator der Veranstaltung, Werner Hoyer, tritt vor die Gruppe von etwa 30 Jugendlichen. Mit ruhiger, sonorer Stimme trägt er die bewegenden Gedanken zweier Mütter vor, die ihre beiden Töchter bei einem Verkehrsunfall bei Pähl verloren haben. Beide Mädchen 21 Jahre jung. Das Leben hatten Caro und Marlene noch vor sich - viele Pläne, Erwartungen und Träume. Diese wurden ausgelöscht. Von einer Sekunde auf die andere. Durch einen alkoholisierten Fahrer.

Der Aufruf der beiden Mütter bewegt, setzt Emotionen frei. Werner Hoyer stellt das „Warum?“ in den Raum, dann konkretisiert er. Er nennt Fakten. 70 Prozent dieser Unfälle sind Alleinunfälle, also ohne Fremdbeteiligung. Zu schnell unterwegs, cool sein wollen, das Auto nicht im Griff und - Alkohol. Zwischen zwei und fünf Uhr morgens ereignen sich die meisten Discounfälle. Was immer bleibt sind Trauer, Fassungslosigkeit und Schmerz. Und die quälende Frage nach dem Warum? Dann der nächste Spot auf der Leinwand. Dieser endet damit, dass ein Polizist die Leiche abdecken muss.

Diese schreckliche Erfahrung muss auch immer wieder Sandra Sturm machen. Die Polizistin erzählt mit viel Gefühl über schockierende Erfahrungen aus ihrem Arbeitsleben. Persönliche Erinnerungen: Wochenlang begegnet ihr auf dem Weg zur Arbeitsstelle ein Handbikefahrer. Ein täglich gewohntes Bild. Man winkt sich zu, immer ein freundlicher Gruß. Dann dieser schwere Verkehrsunfall, zu dem die Polizeihauptmeisterin gerufen wird. An der Unfallstelle ein verheerendes Bild. Ein völlig zerstörtes Handbike. Der Fahrer hatte keine Chance. Nie mehr wird Sandra Sturm ihm zuwinken können. Ein ausgelöschtes Leben - der Alkohol fordert Opfer. Der Gang zu der Familie, um die Todesnachricht zu überbringen, ist quälend, belastend. Für jeden Polizisten. Sie sind auch Menschen, mit Familie, mit Gefühlen.

Markus Di Egidio von der Rettungswache Schongau schildert seine Handgriffe, wenn er als erster an einen Unfall kommt. Die Lage überblicken, dann Erstmaßnahmen beim Verletzten, Stabilisieren, Sauerstoff, Zugang legen, warten auf den Notarzt. Dieser ist woanders in dieser Nacht gebunden, Sekunden werden zu Stunden. Die Schreie des Verletzten gehen durch Mark und Bein, Di Egidio geht durch die Hölle der Gefühle. Und Gefühle muss Notarzt Dr. Jürgen Brüderle unterdrücken, wenn es um die Beurteilung mehrerer Verletzter an einer Unfallstelle geht. Dann zählt nur medizinisches Wissen und Beurteilung auf Überlebenschancen. Der leitende Notarzt des Landkreises Weilheim-Schongau klärt ernüchternd auf, dass es in den Städten Schongau, Weilheim und Penzberg jeweils nur einen Notarzt gibt. Und nach dem Unfall: Quälende Fragen, ob seine Entscheidung der Selektierung richtig war.

„Es kostet schon viele Nerven, jemanden aus einem Trümmerhaufen herauszuschneiden“, schildert Rudolf Schropp. Über 20 Jahre ist er Kommandant der Peitinger Feuerwehr, hat schon viel Not und Elend mit ansehen müssen. Jeder Einsatz ist anders, bei jedem Einsatz wird man mit neuen Situationen konfrontiert. Blech, Blut, Schreie - gerade die jungen Wehrmänner müssen das erst mal verkraften. Das tiefe Loch entsteht nach der Bergung, wenn die Ruhe kommt, dann fahren Gedanken Achterbahn. Dann hört man in sich noch lange das Kind nach seinen Eltern schreien, die es nie mehr sehen wird. „Dann kommen die Momente, wo es plötzlich ganz still ist, wo niemand mehr spricht“, sagt Notfallseelsorger Dirk Wollenweber. Dann spricht der Pfarrer ein letztes Gebet, sucht eine letzte Berührung zu dem Verstorbenen. Und steht den Rettungskräften bei der Verarbeitung des Geschehenen bei.

Den Abschluss bildet eine Übung aller Rettungs- und Notfallkräfte. Es gilt, sechs Verletzte aus ihren Fahrzeugen zu befreien. Das Besondere: Teilnehmer der Veranstaltung wurden mit eingebunden. Dabei erkannten diese sehr schnell ihre Grenzen. Erstaunlich, wie wenige überhaupt eine Unfallmeldung abgeben können. Die Organisatoren Tobias Bihlmair und Petra Keller können nur hoffen, dass keiner aus der Runde einmal die Frage nach dem „Warum?“ stellen muss. Denn am Schluss bleiben nur die Gedanken, die man dem Verunglückten sagen wollte: „Du fehlst!“

Hans-Helmut Herold

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