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Da, dort und hier: Gleichzeitig prasselten die Vorschläge auf Moderatorin Eva Bruns (mit Brille) ein.

100 Bürger bei Ideen-Workshop

Bürger wollen noch größere Fußgängerzone

Schongau - Bei einem dreistündigen Workshop haben rund 100 Schongauer am Donnerstagabend an Plänen für die Fußgängerzone gearbeitet. Dabei war die Mehrheit für einen noch größeren verkehrsberuhigten Bereich. Prompt drohten Geschäftsleute mit Ladenschließungen.

An Tisch eins wird gedeutet, gefuchtelt und diskutiert. Eine Bürgerin zeichnet eine große Freifläche vor dem Jeans-Café ein, ein anderer fragt: „Wie soll man denn künftig in die Ballenhausstraße einfahren?“ An Tisch vier ist einem Besucher klar: „Die Gastronomie muss viel mehr Raum bekommen“, während an Tisch zwei fleißig Sitzbänke eingezeichnet werden. An Tisch drei ist sogar eine Bühne aufgemalt. Und zwischendurch schlendern die Mitarbeiter der Bauverwaltung, zahlreiche Stadträte und Bürgermeister Falk Sluyterman von Tisch zu Tisch und hören sich zufrieden die Diskussionen an. Denn die Stadt- und Partei-Vertreter sollten sich an diesem Abend zurückhalten – den „normalen“ Schongauer Bürger hatte Sluyterman bei seiner Begrüßung als Hauptakteur des Abends begrüßt.

Dass die Fußgängerzone kommt, ist seit der Stadtrats-Abstimmung im April klar. Dass die Pläne nach dem sogenannten Konzept 5 schon älter sind, war der kurzen Einführung von Stadtbaumeister Ulrich Knecht zu entnehmen – auf seiner Präsentation stand unten rechts nämlich noch das Datum Juni 2010. Damals war das Projekt noch abgelehnt worden, jetzt schien die Zeit reif – nicht, weil ein Investor gedrängt habe, wie Sluyterman betonte: „Sondern weil acht Geschäftsaufgaben innerhalb kürzester Zeit bewiesen haben, dass es so wie jetzt nicht weitergehen kann.“

Knecht skizzierte kurz das Vorhaben, den Marienplatz zum Verweilen einzuladen, aber nicht zu überfrachten. Außerdem müsse man flexibel sein wegen der vielen Veranstaltungen wie Schmankerltage und Weihnachtsmarkt sowie neuen Events, die sicher kommen werden mit der Fußgängerzone. 38 Veranstaltungen seien es dieses Jahr, „aber wir wollen dort keine Partymeile“. Die Geschäftsleute sollen partizipieren, auch die Bewohner seien wichtig – „wir müssen alles unter einen Hut bekommen und die Balance finden“, so Knecht.

Planer Jochen Baur zeigte im Vorfeld Fußgängerzonen-Beispiele anderer Städte wie Weilheim und ging auf einige markante Schongauer Punkte ein. Zum Beispiel wichtige Blickbeziehungen vom Polizeidienerturm am Lindenplatz zur Stadtpfarrkirche Mariae Himmelfahrt und umgekehrt. Am Jeans-Café sei es eng, die Bäume am Marienbrunnen zu hoch, er lieferte auch Beispiele für die Einfahrt in den Marienplatz, die nicht zweigeteilt sein müsse wie jetzt. Auch ob die bis zu 16 Parkplätze vor dem Marienbrunnen bestehen bleiben müssten, ließ er offen, so wie es der Stadtrat im April getan hatte.

Doch schon in den Diskussionen an den einzelnen Projekt-Tischen kristallisierte sich heraus, dass die überwiegende Mehrzahl der Bürger dort keine Parkplätze haben will. Sogar über die Notwendigkeit, die Rentamtstraße weiter zu befahren, wurde munter diskutiert – das geht sogar noch über das Konzept 5 hinaus.

Bei der abschließenden Präsentation der einzelnen Ergebnisse (siehe Kasten) kam das alles aufs Tablett. Deshalb wollte Franz Köpf, Chef der Werbegemeinschaft Altstadt, einiges klarstellen. Obwohl stets gegen eine komplette Sperrung des Marienplatzes, habe man sich letztlich doch einverstanden erklärt mit dem Konzept 5. Aber die Parkplätze am Marienbrunnen, die die Bürger weghaben wollen, seien für ihn lebenswichtig: „Wenn die weg sind, bin ich auch weg“, drohte er mit der Schließung seines Ladens. Ein Euronics-Kollege in der Murnauer Fußgängerzone habe auch kürzlich geschlossen. Rene Repper, der komplett gegen das Konzept 5 ist, wurde noch dramatischer: „Ich brauche Parkplätze vor dem Haus, so wird uns die Geschäftsgrundlage entzogen. Sonst muss ich mein Geschäft verlegen und mein Haus verkaufen.“ In einem Schreiben, das der SN-Redaktion vorliegt, drohte Repper wie bereits in einem Leserbrief vor einigen Monaten erneut mit rechtlichen Schritten und kündigte eine Unterschriftensammlung für ein Bürgerbegehren an. Köpf appellierte an die Stadt, einen Kompromiss zu finden, „der uns leben lässt“.

Die umsichtige Moderatorin Eva Bruns versuchte zu beschwichtigen und betonte, alle hätten betont, wie wichtig das Gewerbe für das Herz Schongaus sei. Und auch Sluyterman betonte, eine tolle Fußgängerzone bringe ohne Geschäfte nichts. Da dürfte noch hart diskutiert werden.

Die Vorschläge im Überblick:

-Tisch eins brachte die Idee einer Baum-Allee zum Marienbrunnen auf, dort, wo bisher noch Autos parken – „das wäre eine schöner Raum für die Cafés dort“, sagte Sprecherin Daniela Puzzovio. Ihre Gruppe sprach sich für viele Bänke aus, die zwar mobil sind, um sie bei Festen umzustellen, aber zu schwer, um sie wegzutragen. Am Ballenhaus sollte es eine feste Bepflanzung geben, auch die restlichen Pflanzen auf dem Marienplatz sollten im selben Stil sein. Der ganze Marienplatz sollte mit einem verstellbaren Sonnensegel beschattet werden können.

-Tisch zwei sprach sich für ein Angebot für Kinder aus, das mit Wasser zu tun hat. Der Platz vor dem Jeans-Café sollte weitgehend freigehalten werden, die Zufahrt sollte nur über die Seite des Hotels Alte Post erfolgen, auch für Busse. Ganz visionär war die Idee, wie an der Münchner Schrannenhalle ein Dach an das Ballenhaus anzubauen und somit darunter eine öffentliche Fläche zu schaffen. An den Eingängen zur Fußgängerzone müssten Radlparkplätze stehen. Ein Vorschlag der Jugend war ein Subway-Fastfood-Restaurant. Exotisch klingen Ideen wie Sand- oder Eisplatz, eine Bocchiafläche oder ein öffentliches Klavier vor der Musikschule, „was es in anderen Städten schon geben soll“, so Sprecherin Johanna Hentschke. Und geschlossene Läden zur Mittagszeit seien bei einer Fußgängerzone ein Ding der Unmöglichkeit.

-Auch an Tisch drei war die Mehrheit dafür, nur noch auf einer Seite auf den Marienplatz einfahren zu dürfen. Rund Bänke um die Bäume seien eine gute Idee, weil das gleichzeitig für Schatten sorgt – das Thema trieb viele um. Auch dieser Tisch könnte sich ein Sonnensegel über den Marienplatz, das einfach rauf- und runtergezogen werden kann, gut vorstellen. Eine kleine überdachte Bühne vor dem Marienbrunnen sei wichtig für Veranstaltungen. Die weiteren Vorschläge von den Sprechern Wolfgang Markus und Christine Kuisel waren Blumen- und Kräuterhochbeete, ein flexibler Minispielplatz und Wasserdüsen aus dem Boden als kleine Attraktion. Kuisels Sohn Phillip (14) wünschte sich einen überdachten Zylinder mit Sitzsäcken, dort könnten Schüler gemütlich Mittagspause machen.

-Tisch vier war beim Thema Verkehr „die radikalste Gruppe“, so Sprecher Georg Ruhland. Dort seien alle gegen Parkplätze und ein Befahren der Rentamtstraße gewesen. „Der Preis für Parkplätze dort ist zu hoch, optisch und wegen des Verkehrs, der sonst wieder hereingeführt wird.“ Die Gastronomie habe absoluten Vorrang, dort müsse man alle Wünsche erfüllen. Die Freischankfläche am Ballenhaus-Café könnte etwas zurückgefahren werden, um mehr Platz für den allgemeinen Platz zu bekommen, dafür könnte man deren Plätze an der Seite erweitern. Auf der noch mit Autos befahrbaren Ballenhaus-Seite würden sich Behinderten-Parkplätze anbieten, mobile kleine Bäume könnten als Schattenspender dienen.

Boris Forstner

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