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Für sie ist es ein Fremdkörper: Das Smartphone haben Joseph Schuster (l.) und Josef Taffertshofer (r.) nach dem Foto an der Litzauer Schleife schnell wieder zur Seite gelegt. 

„Das brauchen wir nicht“

Glücklich ohne Smartphone: Zwei Bürgermeister aus dem Schongauer Land verzichten gerne aufs Handy

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Keine Verbindung zu diesen Bürgermeistern: Josef Taffertshofer aus Wildsteig und Joseph Schuster aus Burggen verzichten aufs Handy - ganz bewusst.

Burggen/Wildsteig– Josef Taffertshofer (59) und Joseph Schuster (66) verbindet nicht nur der gleiche Vorname. Die Bürgermeister aus Wildsteig und Burggen haben auch beide eine gepflegte Abneigung gegen jede Art von Mobilfunk. Mit einem Handy zu telefonieren, das kommt für sie nicht in Frage. Tatsächlich sind die zwei die einzigen beiden Rathauschefs im Altlandkreis Schongau, die sich Handy und Smartphone komplett verweigern. Mitten in der Natur, hoch über dem Lech an der Litzauer Schleife, erzählen sie uns von ihrem entschleunigten Leben und warum man auch als Bürgermeister gut und gerne aufs Handy verzichten kann.

Herr Schuster, Herr Taffertshofer, Hand aufs Herz! Warum haben Sie keine Handys?

Josef Taffertshofer: Meine Gesundheit ist mir wichtiger als das Handy. Was ist mit der Strahlung? Ich setze mich doch keinem Risiko aus, wenn ich nicht muss. Außerdem ist es eine Frage der Glaubwürdigkeit. Wir haben uns in Wildsteig jahrelang erfolgreich gegen die Mobilfunkmasten gewehrt.

Joseph Schuster: Das gilt auch für mich. Wir sind hier Mastgegner in Burggen. Und wir haben als Gemeinde eine Vorbildfunktion, damit sich auch die Privaten keine Antennen auf die Dächer stellen lassen. Auch ich habe Angst vor der Strahlung. Man weiß doch gar nicht, was sie im Kopf und im Gehirn alles auslöst.

Trotzdem telefoniert es sich in Burggen mit recht guter Netzqualität. Und in Wildsteig – es ist bislang ja ein heilloses Funkloch – wird nach langem Hin und Her demnächst der erste Mobilfunkmast gebaut. Wie konnte es dazu kommen?

Taffertshofer: Die Antenne der Telekom entspricht unseren Vorgaben. Sie wird 25 bis 30 Meter hoch sein und 500 Meter weg von der nächsten Wohnbebauung stehen. Wichtig war uns, dass wir die Masten im Ort verhindern, das haben wir erreicht.

Schuster: Bei uns ist der Empfang so gut, weil auf dem Weichberg (westlich von Tannenberg, Anm.d.R.) ein Funkturm steht. Deshalb brauchen wir gar keine weiteren Antennen.

Und was ist mit dem Mobilfunk der fünften Generation (5G), der bald an den Start gehen soll? Für ihn wird alle paar 100 Meter eine Antenne aufgestellt werden müssen. Wie wollen Sie das in Ihren Gemeinden verhindern?

Taffertshofer: Ich habe mich mit einem Techniker der Telekom unterhalten. 5G wird im ländlichen Raum lange Jahre noch kein Thema werden. Die Technik ist viel zu aufwändig.

Kommen wir zurück zu ihrer persönlichen Abneigung gegen die Mobilfunkgeräte. Was stört Sie an Handys und Smartphones am meisten?

Schuster: Man muss sich doch nur mal die Besprechungen anschauen. Wir konzentrieren uns auf das Thema, die anderen sind ständig abgelenkt. Entweder klingelt es, oder sie hantieren am Handy. Das ist respektlos gegenüber den anderen.

Taffertshofer: Auch die Landrätin tippt.

Schuster: Außerdem verkümmert die Gesellschaft sprachlich. Es werden nur Fragmente in das Handy getippt und keine Sätze gebildet. Und es wird nicht bewusst telefoniert, sondern nur um das eigentliche Thema herum geredet.

Taffertshofer: Mich nervt, wie die Jugend an die Geräte gefesselt wird. Die ganze Kreativität, der Blick für die Natur gehen komplett verloren. Die Kinder sitzen mit ihren Handys teilnahmslos im Auto und schauen gar nicht mehr zum Fenster heraus. Sie verlieren völlig den Bezug zu ihrer Umgebung. Sie sind regelrecht gefangen. Das gilt leider auch für meine zwölfjährige Tochter, die sich per WhatsApp mit ihren Freundinnen austauscht. Das geht dann bis abends um 10. Frühmorgens hat sie dann schon wieder 20 Nachrichten.

Schuster: Oder schauen Sie doch mal in die Restaurants. Da sitzen vier Leute an einem Tisch, drei spielen am Handy. Sie unterhalten sich nicht, sie sind separiert.

Taffertshofer (nickt): Es ist eine menschenunfreundliche Zeit, in der wir heute leben. Materiell sind wir zwar gut versorgt, aber seelisch sieht es anders aus. Wer baut denn heute noch ein Baumhaus?


Warum sind Sie froh, kein Handy zu besitzen?

Schuster: Ich habe meine persönliche Freiheit. Mit dem Handy bist du getrieben und kommst nicht zur Ruhe.

Taffertshofer: Wenn ich in der Früh die Kühe melke, bin ich froh, kein Handy zu haben und nicht gestört zu werden. In den zwei Stunden bin ich völlig frei. Das ist meine kreative Zeit, da lege ich mir die Strategie für den Tag zurecht. Genauso ist es beim Schlepperfahren.

Gab es für Sie jemals den Moment, in dem Sie dachten, jetzt wäre ein Handy praktisch?

Schuster: Einmal ist mir mit dem Bulldog mitten in der Prärie der Sprit ausgegangen, ich musste drei Kilometer laufen.

Taffertshofer (lacht): Und ich bin mit dem Bulldog in ein Biberloch gefahren. Bei mir waren es fünf Kilometer, die ich heimgehen musste.

Seien Sie ehrlich, haben Sie zumindest mal mit dem Gedanken gespielt, ein Smartphone zu kaufen?

Schuster: Nein, ich brauche keins. Meine Infos bekomme ich auch aus dem Computer.

Taffertshofer: Ja, ich habe darüber nachgedacht. Bis dato überwiegen aber die Vorteile keines zu haben.

Und wo liegen die Nachteile der „Handylosigkeit“?

Taffertshofer: Na ja, wenn du an der Straße stehst und eine Panne hast, bist du schon etwas der Außenseiter. Es hält auch keiner an, weil alle denken, du hast ja ein Handy.

Schuster: Und die Telefonhäuschen und Sprachsäulen sind ja mittlerweile auch alle abgebaut worden. Bei uns am alten Gemeindehaus stand auch eine Säule. Wir haben lange für sie gekämpft, aber jetzt ist sie weg.

Aber als Bürgermeister sollten Sie doch erreichbar sein. Bleibt nur die Frage: Wie bekommt man Sie im Notfall ans Telefon?

Schuster: Was kann im Leben so wichtig sein? Wir wohnen am Dorf, ich habe einen Anrufbeantworter. Ich muss nicht immer erreichbar sein, so wichtig nehme ich mich nicht.

Taffertshofer: Genau! Man braucht nicht überall den Bürgermeister, die Ehrenamtlichen können das auch ohne uns. Wir verwalten doch nur das Eigentum der Gemeinde. Außerdem will ich gar nicht wissen, was alles im Dorf geredet wird. Deswegen brauche ich kein WhatsApp.

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Und hier gibt es weitere Nachrichten aus Schongau und Umgebung.

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