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1992 wurde der Arbeitskreis zur Erhaltung der Dorfgeschichte ins Leben gerufen. Dabei sind heute noch acht Mitglieder, darunter v.l. Bruno Faller, Erwin Mayer, Margot Frerking-Ehlich und Anneliese Götze.

Arbeitskreis forscht im Gemeindearchiv

Die Dorfgeschichte bewahren

Wie sah das Leben in Burggen in den vergangenen zwei Jahrhunderten aus, welche Entscheidungen wurden getroffen? Darüber geben alte Protokolle der Gemeindeversammlung und des Gemeindeausschusses, und nach 1920 des Gemeinderates Auskunft.

Burggen – In akribischer, jahrelanger Kleinarbeit wurden die Schriften vom Arbeitskreis zur Erhaltung der Dorfgeschichte kopiert, übersetzt, in 14 Ordnern katalogisiert, zudem digital gesichert. Die älteste Aufzeichnung stammt aus dem Jahr 1838.

Man schreibt den 14. Mai 1838: „In der heutigen Sitzung erscheint der ledige Mathias Eiband von Geisenried…und zeigt an, dass er sich mit der ledigen Bauren Tochter Maximiliana Schuster, welche von ihrem Vater Johann Schuster das Anwesen übernommen, verehelichen und ansässig machen wolle, dieweil er aber nach laut Vermögen und Leumund Zeugniß…mit einem Vermögen von 1000 Fl. und guten Leumund ausgewiesen hat, und auch die oben gemeldete Tochter auch einen guten Leumund besitzt. So wurde durch allgemeine Stimmung beschlossen, dass sie als Gemeindeglieder aufgenommen werden…“ - ein „Protocoll“, wie es vor rund 180 Jahren verfasst wurde.

„Damals schrieb der Bürgermeister noch selbst. Und alles in Sütterlin“, erklärt Margot Frerking-Ehlich vom einzigen Arbeitskreis im Dorf, der von vielen anderen anlässlich des 200 Jahrestages 1995 ins Leben gerufenen Arbeitskreise noch heute fortgeführt wird. Die 69-Jährige war von Beruf Lehrerin und zog 1981 aus Oldenburg nach Burggen.

Viele der Protokolle waren gut zu lesen, viele andere eher nicht, sagt sie. Und manchmal habe man direkt gesehen, wie mit zunehmendem Alter des Bürgermeisters auch die Schrift nachgelassen habe.

Anneliese Götze ist im Kreis zuständig für das Transkripieren von der alten Deutschen Schrift nach Sütterlin in die heutige lateinische Schrift. Die 88-Jährige gebürtige Burggenerin ist dafür die Spezialistin im Team.

Seit 2003 haben die Mitglieder an dem nun fertig gestellten Katalog gearbeitet. „Schon allein die Sichtung war ein ernormer Arbeitsaufwand“, so Bruno Faller, 74 und ehemals im Landratsamt tätig. Von 1837 bis 1854 wurden die Protokolle von Gemeindeausschuss und Gemeindeversammlung chronologisch aufgezeichnet.

„Stimmberechtigt waren damals in der Regel knapp 90 Bürger – anwesend davon meist 70“, so Faller. Dazu gab es einen Beschluss „dass jedes stimmberechtigte Gemeindeglied bey den Gemeindeversammlungen erscheinen soll...“, wer unentschuldigt fehlte, „hat, eine Strafe mit 15xr zu dem Lokal (Armenfond) zu entrichten“.

Danach gibt es eine Lücke: für den Zeitraum von 1854 bis 1888 seien bisher keine Protokollbücher auffindbar. Ab 1889 wurde die Aufzeichnungen von Versammlung und Ausschuss in getrennten Büchern niedergeschrieben, dann wiederum fanden sich Protokolle der Versammlung bis 1921 in eigenen Büchern und endeten dort.

Protokolle des Ausschusses sind von 1837 bis 1854 und ab 1889 vorhanden. Ab 1935 bis Kriegsende gibt es keine Abstimmungen des Gemeinderates mehr, sondern Entschließungen des Bürgermeisters.

Nicht nur Eheschließungen bedurften früher der amtlichen Zustimmung, im Jahr 1894 geht es beispielsweise um den Nachfolger und Besoldung von Nachtwächter Johann Lory, der erklärte, dass er wegen vorgerückten Alters und zeitweise Kränklichkeit den Nachtwachdienst nicht mehr versehen könne, oder „die Beschlußfassung Vertheilung von Gemeindebrunnen“, der unter anderem bei den zu ersteigernden Brunnen regelte, „…damit ein Schloß hingemacht werden und kein Unfug getrieben werden kann. Jedenfalls wird wo thunlich ist eine Theilsäule angebracht“.

Schön auch das Protokoll vom 20. Dezember 1899 zur Einführung der Straßenbeleuchtung durch die „Aktiengesellschaft für elektrotechnische Unternehmungen“, dass in den „Wintermonaten morgens von 5 bis 7 Uhr die Straßenbeleuchtung einzuschalten wäre“. Und im April desselben Jahres fiel der Beschluss der „Ausdehnung der Gemeinde Krankenversicherung für Dienstboten betreffend“. Darin heißt es: „Bei Krankheiten, welche die Beteiligten sich vorsätzlich, oder durch schuldhafte Betheiligung bei Schlägereien oder Rauschhändel…oder geschlechtliche Ausschweifungen zugezogen haben, ist das Krankengeld gar nicht oder nur theilweise zu gewähren“.

Dienstboten kamen in das Armenhaus

Wenn Dienstboten alt wurden, kehrten sie meist in ihr Heimatdorf zurück (Heimatrecht) und wurden dort von der Gemeinschaft in ihrer Existenz unterstützt; sie lebten im Armenhaus und wurden jeden Tag von einer anderen Familie im Dorf verköstigt. Ebenso finden sich Protokolle über Grundstücksverteilung oder Zuchtstiere, Prämien fürs Mäusefangen oder Kartoffelkäfersammeln.

In einem ersten Schritt wurden vom Arbeitskreis alle Protokolle kopiert und aus Sicherheitsgründen wieder an die Gemeindeverwaltung zurückgegeben. Bis 1956 reichen die Aufzeichnungen in der alten Deutschen Schrift, den letzten handschriftlichen Eintrag auf diese Art machte Bürgermeister Michael Faller. Jahrelang tüftelte die Arbeitsgruppe dann an der Transkription. Einer der 14 erstellten Ordner beinhaltet einen Stichwortkatalog, besonders interessant aber sind zwei Ordner, „die allerdings für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind“, so Erwin Mayer. Der 85-Jährige ehemalige Justizbeamte aus München lebt seit 40 Jahren in Burggen.

In den beiden Ordnern sind Aufzeichnungen über die Vermittlungsstelle von 1852 bis 1902 enthalten. Das entspricht den späteren Sühneverhandlungen. „Meist endeten sie damit, dass sich die Beteiligten entschuldigten“, so viel verrät Mayer.

Die Mitglieder des Arbeitskreises sind sich einig darin, dass es viel Aufwand war, doch auch sehr viel Freude bereitet hat. Für alle ist ein Treffen einmal pro Monat Pflicht, der harte Kern trifft sich einmal wöchentlich im Gebäude der alten Gemeinde. Dort haben sie zwei Räume, gefüllt mit Zeugnissen der Vergangenheit, unter anderem findet sich an der Wand das Urkataster von 1816/18, auf dem Bodenverteilung, Flurnamen und Hausnamen zugeordnet sind.

Über die mittlerweile 22 Jahre andauernde Arbeit zur Erhaltung der Dorfgeschichte wurden nicht nur die Protokolle unter die Lupe genommen, es wurden zahllose Fotos zugeordnet und digitalisiert, z.B. über 1000 Sterbebilder gesammelt und geordnet. Jedes Mitglied hat sich zudem ein eigenes Thema erarbeitet.

Einige Zusammenfassungen über das Leben in Burggen waren auch im „Historischen Fenster“ ausgestellt, derzeit sei jedoch keines in Planung. Jedoch, so versichern Bruno Faller, Erwin Mayer, Margot Frerking-Ehlich und Anneliese Götz, gibt es immer noch jede Menge zu tun.

Myrjam C. Trunk

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