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Maschinisten: Willibald Geisenhof (li.) aus Burggen und Vorbesitzer Hermann Nieberle brachten den Kartoffeldämpfer wieder zum Laufen.

Neuheit beim Rosstag in Burggen

Kartoffeldämpfer erweitert fahrendes Museum beim Rosstag in Burggen

Die heiße Phase der Vorbereitungen für den Burggener Rosstag haben begonnen. Festausschuss, Vereinsvertreter und Helfer verfolgten bei einem geselligen Abend am Reitplatz die Inbetriebnahme des historischen Kartoffeldämpfers.

Burggen – Um das Warten aller Anwesenden zu verkürzen, hat Schirmherr Pfarrer Joachim Schnitzer beim geselligen Abend des Ländlichen Reit- und Fahrvereins in Burggen – erstmalig in seinem Leben – unter den wachsamen Augen von Aktien-Gebietsleiter Johann Bechteler das Bierfass angezapft. Der Geistliche bedankte sich bei Georg Kirchhofer für die Ehre der Schirmherrschaft, die er gerne übernommen habe.

Während Kirchhofer die Anwesenden an die Besonderheit des Burggener Rosstags mit „dem wahnsinnig umfangreichen Repertoire an Maschinen und historischen Gegenständen“ erinnerte, wurde hinter ihm der Kessel mit Holz angefeuert.

Stefan Erhart hatte das Glück, über einen Pferdezüchter zu erfahren, dass es in Leeder noch eine komplette Kartoffeldämpferkolonne gebe. Das Dämpfen von Kartoffeln zur Schweinefütterung war bereits früher üblich, allerdings nur in kleinem Ausmaß in Kochtöpfen oder Futterdämpfern.

In den 1930er Jahren wurde das Dämpfen und Einsäuern von Kartoffeln dann besonders propagiert wie beispielsweise in den Schriften des „Reichsnährstandes“ im Rahmen der „Erzeugungsschlacht“.

Dies wusste Georg Kirchhofer, Vorsitzender des Reit- und Fahrvereins, aus Recherchen in der Dorfgeschichte Burggens durch Annelies Götze und Bruno Faller zu berichten. Speise- und Futterkartoffel konnten auf drei Arten aufbewahrt werden: Fachgerechte Kellerlagerung, Lagern in Erdmieten und eben das Einsäuern.

Bis in die 1970er Jahre war auch in Burggen eine Dämpfkolonne aktiv, die mit Pferden von Bauer zu Bauer gefahren wurde. Der damalige Maschinist, der die Gerätschaften bediente, hieß Stefan Möst. 50 bis 60 Arbeitstage pro Jahr wurde sie in Burggen genutzt, weitere 15 Tage in Tannenberg. Für die Kinder war diese Zeit das Höchste, denn „gleich nach Schule und Hausaufgaben lief man zum jeweiligen Bauern und beobachtete das Treiben“, so war es an den Tischen der älteren Besucher zu hören. Natürlich fielen auch immer ein paar heiße, gutschmeckende Knollen für die jungen Zuschauer ab. In einem Kessel konnten sechs Zentner Kartoffel mittels Wasserdampf gegart werden. Drei Kessel waren an den großen Wasserkessel angeschlossen, so dass immer reihum neu befüllt wurde. Am Tag konnten so 80 bis 100 Zentner Kartoffel siliert werden, die mit Gummistiefeln oder großen Patschen in die Gruben gestampft und danach luftdicht verschlossen wurden. Fünf bis sechs Wochen dauerte der Siliervorgang, dann konnte der Bauer die nötige Menge säuerliche Kartoffelmasse für die Tiere zur Fütterung abstechen. Damit wurde gewährleistet, dass auch vom Herbst bis zur Mitte des nächsten Jahres immer genug Futter vorhanden war, ohne Verluste durch Mäusefraß oder Fäulnis.

Wie die nun erworbene Dämpfkolonne aus Leeder, gehörte auch die in Burggen betriebene, aber nicht mehr vorhandene Gerätschaft der Spar- und Darlehenskasse, sprich der Raiffeisenbank. Besitzer Hermann Nieberle war sehr froh über das Interesse der Burggener, denn er hatte die Maschinerie auch schon verschiedenen Bauernhofmuseen angeboten, die allerdings kein Interesse hatten.

Das Baujahr der Kolonne sei 1936, lediglich der Kessel wurde 1962 laut Typenschild ausgetauscht. Selber habe er zuletzt in den 90er Jahren auf einem Oldtimertreffen Kartoffeln gedämpft, so Nieberle. Und solange waren Kessel und Schläuche dann außer Betrieb.

Gemeinsames Kartoffel-Essen: Die noch dampfenden Kartoffeln wurden sogleich auf einem Brückenwagen mit Butter und Salz für die Gäste angerichtet.

Gesucht wurde daher ein fähiger Mann, der den Kopf und die Maschinen zur Instandsetzung hat. Und da wurden die Burggener bei Tüftler Willibald Geisenhof fündig. Am 12. Mai wurde die Kolonne samt Wagen in Leeder abgeholt, und dann vergingen Wochen, in denen sich Geisenhof den von Rost zerfressenen Teilen widmete und alles wieder in Gang brachte. „Das kann man sich nicht vorstellen, wie ich mich gefreut habe, dass alles funktioniert“, sagte der Tüftler nach dem ersten Probelauf.

Denn eine schweißtreibende Zeit lag hinter ihm. In den Kessel kam Geisenhof zum Reparieren immer nur mit einer Schulter und dem Kopf hinein. Nieberle war ebenfalls stolz und froh, dass er mithelfen konnte, seine Maschine wieder bedienen durfte und er nicht alles auf den Schrott geworfen habe.

Beim jetzigen Fest in Burggen dämpften der alte und der zukünftige Maschinist gemeinsam einen Zentner vorher gewaschener Kartoffel für die Gäste. Auf einem Brückenwagen standen Salz und Butter bereit, und alle versammelten sich um die heiße Speise, als ob es nie etwas Besseres gegeben hätte. Gut eine Stunde hatte es vom Anheizen bis zum Essen gedauert.

Beim gemeinsamen Kartoffel-Essen berichtete Kirchhofer, wie er sich freue, dass der traditionelle Rosstag in Burggen – heuer am 10. September – wieder als fahrendes Museum mit prächtigen Rössern an das Leben und Arbeiten um 1900 erinnern wird. So könne man sich auf die einfachen Dingen zurückbesinnen.

Weitere Programmpunkte in der Burggener Reithalle werden am 2. September ein Abend mit „Blech und Schwefel“ und der traditionelle Heimatabend des Trachtenvereins am 9. September sein.

Kathrin Zillenbiehler

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