Ein Pfleger des Klinikums Schongau macht nach dem Corona-Ausbruch seinem Ärger Luft.
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Ein Pfleger des Klinikums Schongau macht nach dem Corona-Ausbruch seinem Ärger Luft.

Facebook-Post

Nach Corona-Ausbruch in Klinikum: Pfleger appelliert an Mitmenschen - „Wir sind zu Aussätzigen geworden“

  • Franziska Konrad
    vonFranziska Konrad
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Nach dem gravierenden Corona-Ausbruch im Klinikum Schongau macht ein Pfleger auf Facebook seinem Ärger Luft. Er fühlt sich vom Held zum Aussätzigen gemacht.

Schongau - In den letzten Wochen grassierte das Coronavirus am Klinikum in Schongau (Landkreis Weilheim-Schongau). Auch 88 der rund 600 Mitarbeiter des Krankenhauses infizierten sich mit dem Virus und mussten in Quarantäne. Die restlichen Angestellten gelten als Kontaktpersonen ersten Grades. Sie dürfen ihr Zuhause nur verlassen, um zur Arbeit zu gehen. Zusätzlich dazu haben die Pfleger mit Anfeindungen und absurden Behauptungen aus der Bevölkerung* zu kämpfen, wie Merkur.de* jüngst berichtete.

Kürzlich gaben zudem die Klinikverantwortlichen in Schongau zu, dass sich die gestorbenen Patienten in der Klinik mit Corona infiziert haben. Jetzt ermitteln Kripo und Staatsanwaltschaft, während die Pflegekräfte weiter ihre Arbeit tun.

Anstieg der Corona-Zahlen: Schwierige Situation für Klinikangestellte

Auf Facebook hat nun ein Pfleger der Schongauer Klinik zu dieser mehrfach schwierigen Situation der Angestellten nun einen offenen Brief an seine Mitmenschen veröffentlicht. Er postete den Brief in der Facebook-Gruppe „Du kommst aus Schongau, wenn...“ am Montagabend. Dort hat der Post bereits 117 Reaktionen und wurde 32 Mal geteilt (Stand: Dienstag, 14.38 Uhr).

Corona-Ausbruch in Schongau: Krankenpfleger schreibt offenen Brief - über Lage der Klinikangestellten

Sein Ziel: Auf eine Stimmung im Landkreis zu reagieren, „welche sich zunehmend manifestiert.“ Lars Cramer ist seit 21 Jahren in der Pflege tätig. „Ich habe sehr viel erlebt in dieser Zeit, (...) und ich möchte mich zu der derzeitigen Situation aus Sicht eines Mitarbeiters der Krankenhaus GmbH äußern. Wir Pflegekräfte stehen an der Front, wir kämpfen für uns alle im Landkreis und das nicht erst seit Corona*“, stellt er darin klar.

Was Cramer in dieser Hinsicht jedoch großen Mut macht: dass sich im Frühjahr die Bevölkerung C. zufolge nahezu „vollumfänglich“ hinter die Pflegekräfte und Ärzte gestellt hätte. „Ich persönlich empfand es als eine große Wertschätzung dem Pflegepersonal gegenüber, dass tagtäglich unter manchmal sehr schweren Bedingungen arbeiten muss.“ Er betont auch: „Uns in Weilheim und Schongau geht es sehr gut, denn wir haben einen sehr großen und konstanten Personal-Pool.“

Lars A. Cramer nimmt Stellung: Der Leserbrief auf Facebook.

Schongau: Ansehen von Pflegern in Bevölkerung und Presse habe sich geändert - „Aussätzige geworden“

Doch dieses Ansehen bei den Mitbürgern habe sich inzwischen gewandelt. „Wir sind aus der Sicht der Bevölkerung und der Presse in den letzten Wochen von den Helden des Frühjahres zu Aussätzigen geworden.“

Hinzu komme eine psychisch belastende Selbstisolation: Viele der Krankenhausmitarbeiter seien in Ihrer Freizeit sozial nicht mehr aktiv und können, aus Rücksicht auf die Patienten, nicht mehr so Urlaub machen, „wie es in weiten Teilen der Bevölkerung trotz der Bedrohung durch Corona* üblich war und ist.“

Nach Corona-Ausbruch in Schongau: psychisch belastende Selbstisolation für viele Krankenhausmitarbeiter

Weiter schreibt er: „Uns trifft es besonders hart, denn wir sind nicht nur systemrelevant, sondern diejenigen in der Pflege- und Ärzteschaft, die sich für alle Bürger und Bürgerinnen 8-12 Stunden am Tag und in der Nacht FFP2 Masken, Voll-Isolationsschutzkleidung und Serientestungen aussetzen.“

Auch ihre Arbeitspausen verbringen die Mitarbeiter Cramer zufolge aus Infektionsschutzgründen isoliert. „Viele Bürger und Bürgerinnen können sich nicht vorstellen, wie isoliert man als Pflegekraft derzeit lebt, um die höchste Patientensicherheit zu gewährleisten.“

„Viele Bürger können sich nicht vorstellen, wie isoliert man als Pflegekraft derzeit lebt“

Cramer stellt klar, dass nicht nur die Patienten, sondern genauso seine Kollegen „psychisch im Moment sehr stark angegriffen sind.“ Er bedauert zwar den Corona-Ausbruch im Schongauer Klinikum. Gleichzeitig betont er jedoch: „Wir als Pflegepersonal benötigen gerade jetzt den Rückhalt der Bevölkerung, zum Wohle unserer Patienten. Wir sind für Sie 24 Stunden, an 7 Tagen die Woche über 12 Monate im Jahr für Sie da. Seien Sie nun auch unsere Stütze.“

Offener Brief auf Facebook nach Corona-Ausbruch in Schongau: Viel Verständnis in der Bevölkerung

Die Reaktionen unter dem Facebook-Post sind positiv: „Sehr schön formuliert! Danke für Euren Einsatz!“, schreibt eine Userin. „Danke für deine Worte. Urteile sind schnell gefällt und die Angst die geschürt wird, macht es nicht besser! Ich bin froh, ein Krankenhaus in meiner Nähe zu haben und hoffe, dass es noch viele Jahre diesen Standort mit so viel freundlichem Personal gibt. Egal ob Krankenschwester, Pfleger, Arzt, Putzfrau.....alle Angestellten!“, kommentiert eine andere. *Merkur.de und tz.de sind Teil des zentralen Ippen-Redaktionsnetzwerkes.

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