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Gibt nach insgesamt 37 Jahren die Kawasaki-Ranch auf: Peter Schleich aus Epfach-Neuhof. Hier sitzt er auf einem Miele-Liebhabermotorrad. Auf solch einem Gerät hat er das Fahren gelernt.

Die Kawasaki-Ranch von Peter Schleich in Epfach

Das Ende einer Motorrad-Ära

Nach 37 Jahren ist Schicht im Schacht in der Kawasaki-Ranch in Epfach-Neuhof: Der Motorradhändler, -mechaniker und -Rennfahrer Peter Schleich blickt zurück auf eine Biker-Ära. Eine Geschichte über Technikbegeisterung, Legenden, Siege – aber auch über Niederlagen.

Epfach – Der erste, der einen stets begrüßte, war Tino. Laut, aber freundlich. Der zehn Jahre alte Mischlingshund lief Motorradkunden bellend entgegen – war aber harmlos. Erst dann traf man auf den Chef: Oft mit schwarzen Händen, immer im Overall. Seit einigen Wochen hängt an der Tür ein Schild: „Aus die Maus. Dieses Geschäft ist geschlossen.“ Die Kawasaki-Ranch in Epfach-Neuhof von Peter Schleich ist zu. Damit ist eine echte Institution des oberbayrischen Motorradsports verschwunden.

„Es hat halt gereicht“, sagt der 64-Jährige. Und sieht dabei eigentlich recht heiter aus. Den ersten Benzinkontakt kriegt Schleich in den 1960er-Jahren im Alter von zwölf Jahren. Auf der 100 Kubikzentimeter-Sachs vom Vater. Heimlich, wenn der nicht da ist, übt der Bub mit den Brüdern auf der Wiese. Bald darauf: das erste „richtige“ Motorrad, eine 200er Zündapp, Zweitakter. Unglaublich: Der 14-Jährige kriegt das Ding geschenkt.

Und das war so: Schleich fährt mit dem Vater auf dem Bulldog zum Futterholen. An der B 17 treffen sie zwei Burschen aus Bielefeld, die mit dem Krad liegen geblieben sind. „Die sagten: ‚Wir schenken Dir das Ding, wenn Du uns zum nächsten Bahnhof fährst’“, erzählt Schleich. „Sie wollten nur, dass ich ihnen später schreibe, was das Problem war.“ Und das findet er bald: ein Loch im Kolben. Mangels Ersatzteil dreht er eine Zehnerschraube rein. „Die ist gleich wieder gelaufen“, sagt Schleich und scheint heute noch darüber zu staunen.

Es folgen Jahre, in denen er mit seinem Vater alte Motorräder kauft und herrichtet. Vater Josef – sein großes Vorbild. „Der hatte technisch unglaublich viel drauf“, sagt Schleich. Nach dem Krieg baut sich der Landwirt einen Traktor – aus einem ausgebrannten Jeep, den die Amis an der B 17 stehen ließen. „Ohne Schweißgerät, nur mit dem Kurbelhandbohrer. Alles geschraubt.“

Das Bild zeigt Schleich in Aktion: Immer Tagesschnellster zu sein war bei den Rennen sein Ziel. Mit der selbst gebauten Seitenwagen-Maschine mit 150 PS holte er zahlreiche Siege.

Das Gerät leistet gute Dienste in der kleinen Landwirtschaft. Ab 1967 macht Schleich in Altenstadt eine Lehre zum Maschinenbauer. Und bald geht es los „mit der Rennerei“. Zuerst bei Grasbahnrennen. Schleich kauft ein Gespann – doch sein Beifahrer kommt noch vor dem ersten Einsatz ums Leben. Bruder Sepp springt ein. „Die Mutter sah das nicht gern, aber wir waren so euphorisch“, erinnert sich Schleich.

Nach zwei Unfällen reicht es jedoch mit der Grasbahn. 1975 startet Schleich auf dem Eis. Eisbahnrennen, Skijöring – das ist in den 1970ern das große Ding im Winter. In Altenstadt, Schongau, Reichling, Weilheim, Peißenberg: Überall laufen die Rennen, und überall ist Peter Schleich vorne dabei. Auch überregional, einige Berg- und Straßenrennen, ein paar Rallyes im Sommer. Aber im Winter hat er einfach besser Zeit. Bis 2009 fährt er mit seinem Gespann vorne mit. Österreichischer Meister, Sieger Internationaler Allgäu-Alpenpokal und, und, und.

Wer sich bei Schleich in der Werkstatt und zuhause umsieht, erblickt ein Meer aus Pokalen und Siegerkränzen, etwa 450 Stück. Da steht nicht selten „Tagesschnellster“ drauf. „Das war immer mein Ziel“, sagt Schleich. Weil er wissen wollte, dass die Technik seines selbst gebauten Gespanns (1100 Kubik-Kawasaki-Motor mit 150 PS) überzeugte. Zum anderen, weil er den anderen nicht hinterher fahren wollte.

Leider müssen er und seine Frau Petra bei der Rennleidenschaft zwei schlimme Schicksalsschläge hinnehmen: 1996 verunglückt Sohn Christian, damals 20 Jahre alt, bei einem Rennen auf dem Österreichring. Bis heute ist er durch die Verletzungen beeinträchtigt. Später stürzt dann der jüngere Sohn Thomas, 21 Jahre alt, bei einer Trainingsrunde auf dem Salzburgring – und stirbt. Schleich war bei beiden Rennen dabei, es trifft ihn schwer.

Nach Thomas’ Tod zieht Peter Schleich sich zurück. Will alles hinschmeißen, das Geschäft, die Rennen, überhaupt: die Motorräder. Er macht aber irgendwann weiter. „Ich dachte mir: Die Situation ändert sich nicht dadurch.“ Und Klagen helfe nicht: „Man muss sein Schicksal annehmen.“

Schleich heute: „Es ist okay, irgendwie.“ Seine Frau Petra habe weitaus mehr damit zu kämpfen. Und: „Der Thomas fehlt halt einfach an allen Ecken.“ Man merkt dem ohnehin ruhigen Mann an, wie ihm der Verlust nahe geht.

Wie ist Peter Schleich zu seinem Motorradgeschäft gekommen: Zufall. Über eine Zeitungsannonce sucht Kawasaki im Jahr 1978 nach Vertragshändlern. Ein Freund schreibt für Schleich einfach hin. Der hat zu der Zeit einen guten Job bei Hirschvogel. Die Kawasaki-Leute kommen – und gehen wieder, weil Epfach-Neuhof ihnen zu abgelegen war. Ein Jahr später kommen sie wieder – die Kawasaki-Ranch ist geboren. In den 1980-er Jahren tobt ein Motorradboom. Kawasaki ist auf dem technischen Höhepunkt, die GPZ-Reihe verkauft sich wie geschnittenes Brot. Ohne Probefahrt, gleich aus dem Prospekt. Die Kunden kommen zu Schleich bis aus Österreich. Nicht zuletzt, weil Schleich seit Jahren eine besondere Freundschaft pflegt: mit Rennfahrer Toni Mang. Schleich und der begnadete Motorradfahrer und Schrauberkönig begegnen sich 1972. Verstehen sich auf Anhieb, sind Seelenverwandte. Dass der fünffache Motorrad-Weltmeister öfter auf der Kawasaki-Ranch vorbei schaut, spricht sich rum. „Das hat dem Geschäft durchaus Auftrieb gegeben“, sagt Schleich. Aber Schleich ist Mechaniker, kein Geschäftsmann: Dass die Ranch über die Jahre so gut läuft, ist auch seiner Gattin zu verdanken. Sie macht die Buchhaltung, kümmert sich um den Papierkram. „Ohne Petra wär das nicht gegangen“, sagt Schleich.

Und nun? Noch stehen einige Motorräder bei Schleich rum, unter anderem eine neuere Z 750, eine Zephir 750 aus den 1990ern, und die Z 1300, das legendäre Dickschiff von Kawasaki. „Im Sommer werde ich die eine oder andere Ausfahrt machen“, kündigt Schleich an. Aber nur, wenn er Zeit hat: In seinem Schuppen stehen noch zwei betagte Bulldog und ein Gabelstapler – die brauchen eine kundige Mechanikerhand.

Klaus Mergel

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