Der Vortrag zum Thema Trisomie 21 lockte viele Zuhörer in die Grundschule Altenstadt. Foto: lk

Down-Syndrom-Vortrag in Altenstadt: "Hochachtung statt Mitleid"

Altenstadt - „Hochachtung statt Mitleid“ fordert Lore Anderlik, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und Montessori-Therapeutin, bei ihrem Vortrag über Trisomie 21 in Altenstadt.

„Trisomie 21 ist etwas Wunderbares“, lacht die ältere Dame und provoziert damit in der großen Runde ein mehrstimmiges Räuspern und Murmeln. Der Verein „einfach mehr“, mit seiner ersten Vorsitzenden Sigune Echter, hat die Montessori-Pädagogin und Therapeutin Anderlik eingeladen, um Interesse zu schaffen für Themen wie Inklusion und Trisomie 21.

„Wir sind extrem überwältigt, wie viele Menschen gekommen sind“, begrüßt Echter die Zuhörer im übervollen Raum in der Grundschule Altenstadt. Die Menschen drängen sich und sind neugierig auf das Thema, die Stühle stehen bis weit in den Gang hinaus.

Einfach mehr bedeute einfach mehr Sorgen, einfach mehr Krankheiten und einfach mehr Situationen, in denen man sich rechtfertigen müsse, so Echter. Auch sie hat ein Kind mit der Diagnose Trisomie 21. Inklusion, so die Vorsitzende, sei wichtig für die Entwicklung der Gesellschaft. „Wir gehören dazu. Wir haben Euch auch etwas zu geben“, sagt Echter mit Blick in die Runde. An Landrat Friedrich Zeller und den Bürgermeister von Altenstadt, Albert Hadersbeck, ist vermutlich die Bitte gerichtet, die Bedingungen an der Regelschule so zu ändern, dass alle Kinder in ihrer normalen Umgebung daran teilnehmen können.

Eines der wichtigsten Anliegen von Anderlik scheint zu sein, dass Kinder mit Trisomie 21 weitaus mehr können, als man ihnen zutraut. „Mit ihrem phantastischen Einfühlungsvermögen haben sie uns allen etwas voraus“, stellte die Pädagogin fest.

Der Ansatz der Montessori- Pädagogik sei, in den sensiblen Phasen Anreize und Motivationen zu schaffen. Kinder mit dem Down-Syndrom entwickelten ihr Denken genauso schnell wie gesunde Kinder. „Bedingung ist, dass sie gefordert werden.“ Lediglich die motorische Entwicklung vollziehe sich langsamer. Deshalb seien motorische Reize und Übungen des praktischen Lebens für alle Kinder enorm wichtig.

Für alle Eltern hat Anderlik einen Tip: „Die Kinder beim Bravsein und beim Fleißigsein erwischen!“ Dann, wenn sie sich gut verhielten, seien Motivationen und Lob enorm wichtig. Ebenso aber auch Forderungen. Kinder mit Down-Syndrom müssten ebenso die Regeln des Zusammenlebens lernen und gehorchen. Die vorgeschobene Entschuldigung, das Kind könne ja nicht anders, weil behindert, behindere dessen Entwicklung.

Im Alter von etwa dreieinhalb bis vier Jahren entwickelten alle Kinder eine sensible Phase für Buchstaben und Symbole. Am Beispiel eines nervösen Kleinkindes bei der Vorbeifahrt an einem McDonald’s-Schild illustriert Anderlik diese Phase. Sobald man als Elternteil merke, dass das Kind Symbole oder Buchstaben erkenne, sei es bereit dazu, diese zu lernen. Im Montessori-Kindergarten fahren die Kinder mit ihren „Schreibfingern“ den Buchstaben nach und lernten den Laut dazu. Dieser Entwicklungsschritt vollziehe sich zwar im Vorschulalter, aber es sei sehr wichtig, auch für Kinder mit der Diagnose Trisomie 21, von den Eltern und Erziehern dahingehend gefördert zu werden, dass sie genügend Anreize in ihren sensiblen Phasen erhielten. Anhand von Spielen im Alltag, wie der Suche nach dem Buchstaben W, z.B. an Autokennzeichen oder im Supermarkt, bietet Anderlik kreative Möglichkeiten, der kindlichen Neugierde gerecht zu werden. Egal, ob eingeschränkt oder nicht.

„Wir leben in einer Zeit, in der mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik die Wahrscheinlichkeit eines Fötus, an Trisomie 21 zu erkranken, bei Frauen ab 35 Jahren vorgenommen wird“, so die Referentin. 95 % der Frauen, deren Kind einer solchen Wahrscheinlichkeit unterliege, nähmen eine Abtreibung vor. Auf die Frage nach ihrer persönlichen politischen Forderung unter diesen Umständen wird Anderlik ernst. „Ich fordere, dass der freie Wille absolut respektiert wird und man nicht gezwungen wird, bei Schwangerschaften diese Kontrolle vorzunehmen.“

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