Durchatmen in der Schongauer Pflege-WG

Schongau - Wenn der Zeiger an der Uhr vorrückt, ist es wieder eine Minute mehr. 60 Sekunden mehr Leben. Jeder, der im Altinum in Schongau wohnt, hat davon zu wenig. Manche der Intensiv-Pflegepatienten waren dem Tod schon näher als dem Leben. Manche haben es geschafft, wieder aufzustehen.

Das charmante Haus in der Blumenstraße neben der AOK ist seit einem halben Jahr eine kleine Heimat für Menschen, die woanders nicht mehr Leben können: In diese Wohngemeinschaft dürfen ausschließlich Bewohner einziehen, die schwerst krank sind und 24 Stunden am Tag überwacht werden müssen. Alle, die hier leben, haben eine Trachealkanüle, also einen offenen Schnitt in der Luftröhre. Täglich muss abgesaugt werden, damit der lebenswichtige Sauerstoff seinen Weg über ein Beatmungsgerät in die Lungen findet. „Unsere Patienten sind ständig in einer lebensbedrohlichen Situation“, erklärt Altinum-Leiterin Stephanie Lalic. Die Kanüle in der Luftröhre könnte sich verlegen. Akute Atemnot, Ersticken kann die Folge sein. „Diese Menschen benötigen permanent Hilfe.“

Gerade wegen der erforderlichen Rund-um-die-Uhr-Betreuung gibt es kaum Betreuungsmöglichkeiten für diese Intensivpatienten. Das Altinum in Schongau ist inzwischen Anlaufstelle für Menschen aus dem gesamten bayerischen Raum. In einem normalen Pflegeheim können und dürfen diese hochgefährdeten Patienten wegen des erforderlichen Fachpersonals nicht versorgt werden. Versteht sich von selbst, dass mit der häuslichen Pflege meist auch die Angehörigen völlig überfordert sind. Treffen kann es jeden. Die verschiedensten Erkrankungen können dazu führen, sich an der Beatmungsmaschine wiederzufinden. Die Lungenerkrankung COPD beispielsweise, eine neurologische Erkrankung wie eine Hirnblutung, Multiple Sklerose im Spätstadium, aber auch Tumorerkrankungen, die Hals, Zunge oder die Lunge befallen haben.

Heimlich, still und leise hat sich die Lungenerkrankung auch in das Leben von Brigitte Gober (57) geschlichen. Mit ganz normalem Asthma hat es vor 20 Jahren angefangen. Irgendwann dann die Diagnose COPD. Die Sauerstoffmaschine wurde zu Brigitte Gobers ständigem Begleiter. Immer wieder kam die Patientin aus dem Großraum Augsburg ins Krankenhaus. Wieder nach Hause. Wieder ins Krankenhaus. Bis zum totalen Kollaps im vergangenen Sommer. „Ich bin im Krankenhaus Schwabmünchen auf der Intensivstation mit einem Luftröhrenschnitt aufgewacht.“ Erinnern kann sich Brigitte Gober sonst an nichts. Sie weiß nur eines: Mit diesem Moment beginnt der düsterste Abschnitt ihres Lebens.

Im Krankenhaus macht sie keine medizinischen Fortschritte. Sobald die Beatmungsmaschine weg ist, kommen die Angstzustände, Erstickungsanfälle. Auch in der Lungenfachklinik in Gauting wissen die Experten nicht weiter. Sie entlassen Brigitte Gober als hoffnungslosen Fall. Sie bekommt Luft. „Aber die Angst schnürt einem die Kehle zu. Todesangst.“ Brigitte Gober kann nicht sprechen. Mit Händen und Füßen versucht sich die gebrechliche Frau zu verständigen. „Man kriegt alles mit, kann sich aber selber nicht äußern. Die totale Auslieferung.“ Das Zittern vereitelt großteils auch diese hilflosen Verständigungsversuche. „Ich war nervlich am Ende“, sagt die gezeichnete Frau heute. Das Krankenhausnachthemd auf der Intensivstation: für sie ein „Totenhemmadle“.

Als sie ein Zimmer in der Wohngemeinschaft Altinum bekommt, ist sie „einfach nur froh“. Für sie ist das Ankommen in der Einrichtung in Schongau ein echtes Ankommen. Möbel von Zuhause geben ein Gefühl der Geborgenheit. Hier lebt man wie in einer Familie. Jeder in seinem eigenen kleinen Reich. Und doch gemeinsam in der gemütlichen rot gestrichenen Küche. Auch mit Atemgerät: Die Athmosphäre hier vermittelt ein Gefühl der Behaglichkeit und der Normalität.

Als Brigitte Gober wegen einer Lungenembolie zwei Wochen ins Peißenberger Krankenhaus muss, kritzelt sie dort mit zittriger Hand auf einen Zettel: „Ich will zurück nach Schongau. So schnell wie möglich.“ Das Altinum: Eine Art zweite Heimat. „Hier sind alle freundlich. Schatzele, Engel! Wie geht’s dir denn heute? So wird man hier in der früh begrüßt.“ Nach einigen Monaten hat das Altinum-Team das geschafft, was die Ärzte für unmöglich gehalten hatten: Brigitte Gober sitzt am Frühstückstisch, löffelt ein weiches Ei und erzählt. Mit seelischen Narben, aber ganz ohne Beatmungsgerät. Ein Paradebeispiel, wie auch Stephanie und ihr Mann Denis Lalic finden. „Weaning“ heißt das in der Fachsprache. Das lernen, was selbst ein Baby eigenständig ohne üben kann: Atmen.

Vor zehn Jahren haben sie in Ohlstadt den Pflegedienst „BlauWeiss“ gegründet, vor drei Jahren kam die Betreuung von Intensivpflegepatienten in der häuslichen Umgebung dazu. Eine Marktlücke. Den Heimen fehlen die Fachkräfte für die Intensivpflege. „Wir arbeiten nur mit Fachkräften, seit 2005 sind wir auch Ausbildungsbetrieb und arbeiten mit den Heimerer Pflegeschulen in Schongau zusammen“, so Stephanie Lalic.

Die Pflegedienst-Chefin selbst ist vom Fach, hat früher auf der Intensivstation in Murnau gearbeitet. Dass ihr Pflegedienst „BlauWeiss“ Intensivpflegepatienten betreut, hat sich schnell herumgesprochen. Viele Anfragen kamen auch von Krankenhäusern. Denn wohin mit den Menschen, die nach der Entlassung nicht alleine zu Hause sein können, aber auch in keinem Heim willkommen sind?

Die Idee zur Wohngemeinschaft wurde geboren. „So etwas gibt es ja im gesamten Raum Garmisch, Bad Tölz und Schongau nicht.“ Durch die Kooperation mit den Heimerer Schulen ergab sich der Kontakt zu Immobilienbesitzerin Christine Fremmer (siehe Kasten). Entstanden ist so eine gemütlich-freundliche Wohngemeinschaft mit insgesamt sechs Appartments. Jeweils ein bis zwei Zimmer mit eigenem Bad, gemeinsamer Küche, Gemeinschafts-Wohnzimmer, viel Privatsphäre und liebevoller Betreuung. Sogar ein behindertengerechtes Fahrzeug für Ausflüge in die Normalität gibt es. Essen gehen. Einkaufen. Für die meisten, die hier einziehen, ist daran nicht zu denken. Aber manche, schaffen es: das scheinbar Unmögliche. Den Weg, in ein halbwegs normales Leben ohne Beatmungsgerät.

Seinen Teil trägt dazu auch Notarzt Dr. Jiri Faltis bei. Alle Ärzte im Schongauer Raum haben Stephanie und Denis Lalic angeschrieben. Wer betreut die Intensivpflegepatienten in der Wohngemeinschaft? Keiner wollte. Lohnt sich nicht. Schließlich gibt es auch für diese Patienten nur 35 Euro im Quartal. Dr. Jiri Faltis hat schließlich eingewilligt. Nicht nur einmal pro Woche betreut der Internist und Notarzt die pflegeintensiven Patienten. Sechs Behandlungen darf er pro Quartal verschreiben. Für Menschen, die eigentlich täglich Krankengymnastik oder Logopädie benötigen, ist das, als müsste sich ein Hund im Tierheim 100 Gramm Trockenfutter für die ganze Woche einteilen.

Also verschreibt Dr. Jiri Faltis einfach mehr. Überschreitet sein Budget, zahlt selbst drauf. Und streitet sich mit Krankenkassen. Für die wäre es zwar langfristig günstiger, den Patienten weg von der Trachialkanüle zu bekommen. Aber so ist das nun mal mit dem Gesundheitssystem und einer „ausreichenden“ Versorgung für den Patienten, die wiederum Auslegungssache ist. „Ausreichend: Das ist Note vier. Das ist traurig“, sagt Jiri Faltis.

So ist es letztlich doch das Menschliche, was diese einzigartige Wohngemeinschaft in Schongau zu etwas ganz Besonderem macht. Ihren Teil dazu trägt auch Judith Gabel aus Peiting bei. Seit Anfang November arbeitet die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin in der Intensivpflege in Schongau. Immer zwölf Stunden am Stück. Immer mit der Gefahr im Nacken. Hier kann es jeden Augenblick um Leben und Tod gehen. „Hier zu arbeiten ist schon anders“, sagt Judith. Im Krankenhaus ist immer ein Arzt da. In der Wohngemeinschaft nicht. „Man muss Selbstbewusstsein und Fachwissen haben, ganz schnell Entscheidungen fällen können und man darf nicht nervös sein.“

Und noch etwas macht für Judith Gabel den gewaltigen Unterschied zum Krankenhaus oder zum Heim aus. Nicht etwa der Betreuungsschlüssel von einem Pfleger auf zwei Bewohner. Im Altinum bauen Personal und Bewohner eine echte Beziehung auf. Man erzählt sich Dinge aus dem Leben, weiß viel voneinander. Judith Gabel: „Wir Mitarbeiter fühlen uns beim Pflegedienst ,BlauWeiss‘ geschätzt und bestätigt. Und den Menschen gibt das Altinum ein Zuhause.“

Für Menschen wie Brigitte Gober. Dass sie den Start ins neue Jahr zu Hause verbringen konnte. „Daran hätte ich im Sommer nie geglaubt.“ Ein Sommer, in dem sie nicht sprechen, nicht laufen konnte und künstlich ernährt werden musste. Für die 57-Jährige ist das Altinum eine zweite Heimat geworden. Eine Heimat, die ihr viel von dem gegeben hat, was zum Leben so wichtig ist wie die Luft zum Atmen: Hoffnung und neuen Lebensmut.

(bas)

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