Historiker Thomas Ott bei seinem Vortrag in Schongau foto: fle

Wie aus einem traumatisierten Monarchen eine Kultfigur wurde

Schongau - Einen spannenden Vortrag über König Ludwig II. hat der Historiker Thomas Ott auf Einladung des Historischen Vereins Schongau gehalten.

Als Spezialist zum Thema „Wittelsbacher“ hat der in Weilheim geborene Historiker Thomas Ott bereits vielfach die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Vom Historischen Verein Schongau wurde er eingeladen, im Jahr des 125. Todestages des nach wie vor sagenumwobenen Märchenkönigs hinaus zu gehen über die allseits beliebten klischeehaften Zuordnungen. Fundiert, verständlich, nie überfrachtet, klar strukturiert und voller Sympathie für sein Thema gestaltete Ott sein reich bebildertes Referat. Wenn Geschichtsunterricht doch immer so hochkarätig und spannend wäre, wird sich wohl manch einer der zahlreichen Besucher gedacht haben.

1864 wird der neunzehnjährige Ludwig II. völlig unvorbereitet zum Thronerben. Zwischen Parlament und Ministerium zerrieben, flankiert von einer Zahl mittelmäßiger Berater und Minister, ohne überhaupt wirklichen politischen Handlungsspielraum zu besitzen, steht der junge König den Vorgängen in Deutschland, die längst nicht nur ihn überrollen, hilflos gegenüber. Der junge Monarch vernachlässigt seine Regierungspflichten, reist so gut wie nie. Er bevorzugt die Einsamkeit der Allgäuer und oberbayerischen Alpen, lebt auch seine persönliche Frömmigkeit ausschließlich privat.

Bereits im ersten Regierungsjahr beruft er den Komponisten Richard Wagner an seinen Hof, bis dahin eine gescheiterte Figur. Die Auseinandersetzung um die Person Wagners, der sich in der Münchner Gesellschaft unmöglich gebärdet, markiert den entscheidenden Wendepunkt in Ludwigs Laufbahn, endet im Eklat mit seinen Ministern und im Rückzug aus München. Von da an werden die drei Schlösser - Linderhof, Neuschwanstein, Herrenchiemsee - sein Schicksal fesseln, werden als Fluchtburgen den königlichen Elfenbeinturm beherbergen. Die Finanzen geraten völlig aus seinem Blick, der einstmals intelligente und begabte junge Monarch verstrickt sich in ein privates Labyrinth, der Märchenkönig der Berge löst eine handfeste Regierungskrise aus.

Es folgen die bekannten Ereignisse aus Entmündigung und schließlich dem tragischen Ende im Starnberger See. Für Ott entwickeln die „wenigen Fragen um seinen Tod - es sind nicht viele und ich persönlich halte keine für geeignet, die offizielle Version vom Selbstmord Ludwigs in geistiger Umnachtung auch nur ansatzweise zu erschüttern“ - ein Eigenleben und fördern dadurch die spätere Legendenbildung. So wird aus der Figur Ludwigs II., einem Monarchen ohne nennenswerte Erfolge, traumatisiert von der Regierung, behaftet mit einem politischen Minderwertigkeitskomplex, eine Kultfigur mit dem Wahlspruch „tausche glücklose Herrschaft gegen Märchenwelt“, der ihr enormes Schöpfertum zum eigenen Fallstrick wird.

Im Bildgedächtnis der Öffentlichkeit bleibt Ludwig „für immer jung - krank, verlassen, verzweifelt“. Die Gegenwelt, die sich Ludwig erschaffen hat, führt laut Ott zur „Verkitschung Bayerns“. Ludwig II. werde so „posthum zum Repräsentanten eines unbescholtenen Deutschland“. Auch darüber lohnt es sich, einmal in Ruhe nachzudenken.

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