Vier Stolpersteine in Schongau verlegt - „Es ist wichtig, nicht zu vergessen“

1942 ist das Schongauer Ehepaar Moritz und Rosa Kugler in Theresienstadt ermordet worden, die Söhne Norbert und Joseph überlebten den Krieg nur, weil sie rechtzeitig emigrierten. Nun erinnern am Marienplatz Schongau vier Stolpersteine an das Schicksal.
Schongau – Michel Kugler ist, wie er selbst sagt, kein Mann der großen Emotionen. Doch sichtbar bewegt nahm der Urenkel des ermordeten jüdischen Ehepaars Moritz und Rosa Kugler am Mittwoch gemeinsam mit Bürgermeister Falk Sluyterman die Enthüllung der Stolpersteine am Schongauer Marienplatz vor.
„Ich bin gekommen, um meine Familie bei der Zeremonie zu vertreten und das Andenken zu ehren“, so Kugler, der in Kolumbien lebt. „Es ist wichtig, nicht zu vergessen.“ Auch bedankte er sich bei der Stadt Schongau und allen, die etwas dazu beigetragen hätten, für den Wunsch nach Gerechtigkeit. Bürgermeister Sluyterman hatte sich schon zuvor in seiner Rede gewünscht, dass sich Michel Kugler wieder in Schongau aufgenommen fühle, stellvertretend für seine Familie.

Mit seinen beiden Söhnen Norbert und Jospeh lebte das Ehepaar Moritz und Rosa Kugler in den ehemaligen Schrimpfhäusern – heute Marienplatz 12 –, wo es ein Geschäft für Herrenausstattung betrieb. Bei damals 2500 Bürgern in Schongau sei es nicht unbemerkt geblieben, dass einige verschwanden, so Sluyterman. 1935 wurde das Ehepaar von Schongau nach München übergesiedelt – vermutlich auf Veranlassung des damaligen Schongauer NS-Bürgermeisters. Beide wurden dann 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie im Abstand von nur wenigen Tagen starben.
Die Söhne konnten rechtzeitig nach Frankreich fliehen und überlebten. Norbert Kugler hatte sich der Résistance angeschlossen und kam mit seiner Frau Mira nach dem Krieg sogar noch einmal für ein paar Jahre nach Schongau zurück, wurde aber offenbar nicht mehr heimisch. Er starb 1982 in Ost-Berlin. Joseph Kugler wurde ebenfalls französischer Staatsbürger und starb 1948 bei einem Autounfall.
Die beiden Kinder von Joseph und Herta Kugler, Roger und Simone, leben heute in Toulouse. Roger hat zwei Söhne: Michel und Jean-Pierre.
„Die Stolpersteine sind dort, wo Menschen jeden Tag vorbeikommen, sie sollen helfen, die Erinnerung an die Familie Kugler zu bewahren und festzuhalten“, so Sluyterman. Er erinnerte an das besondere Datum: Am 15. September 1935 waren die Nürnberger Rassegesetze erlassen worden, die die Grundlage für die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden bildeten. In seinem Abschlusswort zitierte Sluyterman den Talmud: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

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Altlandrat Luitpold Braun war es gewesen, der durch seine Erinnerung an die Familie Kugler und seine Recherche für das Schongauer Jahrbuch des Historischen Vereins „Der Welf“ das Gedenken erst angestoßen hatte. Er umriss für die Gäste der Feier noch einmal das Leben von Moritz Kugler und seiner zweiten Frau Rosa Blumenstein, die er 1905 heiratete.
Er verdeutlichte in seiner Ansprache, welche Stellung die Familie in Schongau hatte. „Sie waren wirklich angekommen in der Stadt“, so Braun, hätten inmitten der Gesellschaft gelebt. Braun schloss seine Ausführungen, in dem er den Journalisten Jacques Schuster zitierte: „Hitler und die Seinen haben ganze Arbeit geleistet: Sie haben die Juden physisch ermordet und die Deutschen psychisch.“
Musikalisch sorgten die beiden Schongauer Musiklehrer Manuel Wolf an der Klarinette und Manuel Draxler am Klavier für eine würdevolle Atmosphäre, unter anderem hatten sie das Thema aus Steven Spielbergs Film „Schindler’s Liste“ gewählt.
Corona hatte die Verlegung der Stolpersteine – ein Vorschlag von Grünen-Stadträtin Bettina Buresch – lange verhindert, auch Künstler Gunter Demnig konnte nicht selbst vor Ort sein. Erinnert wird durch das mittlerweile europaweite Kunstprojekt an die Vertreibung und Vernichtung aller Opfer des Nationalsozialismus.
Am Dienstag soll im Bau- und Umweltausschuss über eine zusätzliche Informationstafel beraten werden mit weiterem Hintergrund zur Familie Kugler (21. September, 17 Uhr, Ballenhaussaal). Auch ist die Stadt dabei, die NS-Zeit in Schongau weiter aufzuarbeiten und auch sichtbar zu machen.
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