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Bademeister Robert Zwick überprüft ständig per Laptop die aktuelle Wasserqualität im Peitinger Wellenfreibad.

Esoterik oder Wunderwaffe?

Granderwasser macht die Welle weich

Peiting - Esoterischer Schrott oder eine der brillantesten Erfindungen des Jahrhunderts: Beim Granderwasser scheiden sich die Geister. In Peiting wird seit sechs Jahren das Wellenfreibad mit dem „belebten“ Wasser betrieben.

Granderwasser: Die meisten haben davon schon mal gehört. Durch eine Anlage soll Wasser besondere Informationen erhalten, die wiederum bestimmte Eigenschaften des Wassers positiv verändern. Wissenschaftler halten dies für Humbug, Granderwasser-Kunden hingegen für grandios.

Ein Granderwasser-Kunde ist: die Gemeinde Peiting. Sie setzt im Wellenfreibad auf die Wunderwirkung des Granderwassers. Noch länger ist dies in Trauchgau beim Alpen-Freibad der Fall. In beiden Bädern wurden Metallzylinder eingebaut, in denen sich „Informationswasser“, also „Wasser höherer Ordnung“, befindet. Das „normale“ Leitungswasser fürs Bad fließt am „Granderwasser“ vorbei. Das reicht angeblich schon aus, um die guten Informationen zu übertragen und die Strukur des normalen Wassers positiv zu verändern. So weit, so gut.

Findet man zumindest bei der Gemeinde und auch im Bad. Schließlich hatte man in Peiting im Jahr 2009 durch den Einbau der Anlage Schlimmeres verhindern können. Wie auch immer das funktioniert hat: das weiß man nicht so genau. Tatsächlich aber spricht man im fürs Bad zuständigen Peitinger Bauamt und auch im Bad von einer deutlich verbesserten Wasserqualität, seitdem die Anlage ihre „Informationen“ auf das Badewasser überträgt.

Rückblick: Vor sechs Jahren sieht man sich im Peitinger Bad mit einem schlechten PH-Wert konfrontiert. Mögliche Lösung: Eine Wasseraufbereitungs-Firma soll ein Dosiersystem einbauen, das Schwefelsäure zusetzt. Das hätte eine Menge Geld gekostet. „Und wir hätten jedes Jahr 600 Kilo Schwefelsäure ins Badewasser eingeleitet“, erklärt Bernhard Ditschek, bei der Gemeinde Peiting zuständig für das Wellenfreibad. So viel Schwefelsäure für ein kleines Gemeindebad. Zu viel, entschied Ditschek – und machte sich auf die Suche nach einer schonenden Alternative.

So ergab es sich, dass ein kleiner Wasser- und Bad-Trupp aus Peiting sich auf den Weg zum Trauchgauer Bad machte. Der Beginn einer wundersamen Geschichte.

In Trauchgau berichtete man davon, dass seit Einbau einer Granderwasser-Anlage weniger Flockungsmittel, Algenmittel und Chlorgas dem Badewasser zugesetzt werden müssten. „Es funktioniert – die Philosophie ist sicher schwer zu erklären“, sagt Bernhard Ditschek und grinst dabei ein bisschen verlegen als warte er auf die nächste Frage, die ihn in die Esoterik-Ecke drängen wollte.

Fakt ist: Als die Gemeinde Peiting sich prompt entscheidet, im Zuge einer kostenlosen dreimonatigen Testphase eine Granderwasser-Anlage im Bad einbauen zu lassen, macht sich das sofort bemerkbar. „Die Frühschwimmer sind auf uns Bademeister zugekommen, was wir mit dem Wasser gemacht hätten“, erinnert sich Bademeister Robert Zwick an die ersten Reaktionen nach Inbetriebnahme der Anlage. Die Badegäste wunderten sich über weichere Haut. Und das, obwohl die Anlage heimlich eingebaut worden war, also keiner etwas hatte wissen können.

Nicht, dass Bademeister Zwick ein Esoterik-Fan ist. Im Gegenteil. „Ich bin gelernter Elektriker, da war ich eher vorsichtig.“ Eine Anlage, die ohne Strom betrieben wird, die keine Verschleiß-Erscheinungen zeigen soll, keine Wartung braucht: das erschien dem bodenständigen Bademeister dann doch auf den ersten Blick ein wenig komisch.

Tatsächlich waren die Ergebnisse, bestätigt er, ganz erstaunlich. „Schon im ersten Jahr haben wir ein Viertel von dem Flockungsmittel gebraucht, was sonst üblich war. Die Wasser-Zusätze im Peitinger Wellenfreibad konnten nach unten angepasst werden, mit dem Chlor konnte man auf einen Minimalwert fahren.“

Besonders auffällig: der bombastische Redox-Wert – ein Wert, der beziffert, wie schnell Keime im Wasser abgetötet werden. Der lag vorher zwischen 650 und 750, aktuell ist er bei minimal 850. Und der Redox-Wert, „der ist das A und O“, betont Bernhard Ditschek.

Zurück ins Bad: Dort kontrolliert Robert Zwick ständig am Laptop, ob die Wasserwerte noch passen. Bei ihm ist die Skepsis der Erkenntnis gewichen: Da ist was dran. Was auch immer es sein mag. Das Wasser sei angenehmer, prickelnder. Nach dem Baden muss man sich weniger eincremen. „Das merke ich selber nach dem Schwimmkurs“, sagt mit Zwick definitiv einer, der es wissen muss. Ob das wiederum daran liegt, dass man mit der „kompletten Chemie an der Untergrenze“ fahren kann oder an der Anlage? Wer war zuerst da: die Henne oder das Ei? Irgendwie ist jetzt zumindest alles besser.

Finanziell hat sich das Experiment für den Markt Peiting bereits in vier Jahren gerechnet. Eingespart werden können Zusätze im Wert von zirka 700 Euro im Jahr. Die Anlage hat 7055 Euro gekostet. In zehn Jahren ist sie damit abgeschrieben. Die Haltbarkeit: unbegrenzt. Dann hat der Gemeinderat ja rückblickend alles richtig gemacht, der damals mit 22:0 für das Wunderwasser-Projekt gestimmt hat.

Auch einzelne Bäckereien und Hotels – auch in Peiting und Schongau – schwören auf ihr Granderwasser. Und auch die Kristalltherme in Schwangau hat inzwischen wunderlich aufgerüstet. Sei’s wegen der Kosten. Wegen des Werbe-Effekts.

Humbug? Geldverschwenung? Bernhard Ditschek zuckt die Schultern. „Das kann man so und so sehen.“ Der Gemeinde-Angestellte hat sich inzwischen zu Hause selbst eine Granderwasser-Anlage einbauen lassen. Und möchte sie nicht mehr hergeben. Ob es der Glaube ist, der Berge versetzt? Oder ob tatsächlich was dran ist am Granderwasser, das für einen Wissenschaftler so viel ist, wie für einen Mediziner das Warzen-Abbeten bei Vollmond?

Bis das geklärt ist, dürfte noch viel Granderwasser ins Peitinger Bad fließen. Und am besten hält man es in dieser Angelegenheit mit der Redensart: Hilft’s nicht, schadet’s auch nicht.

Barbara Schlotterer-Fuchs

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