Sportwissenschaftler Andreas Rinesch (oben) demonstriert den Kursteilnehmern die sogenannte Black-Roll, eine Schaumstoffrolle, mit denen die Faszien wie hier am seitlichen Oberschenkel trainiert werden können. Sein Gesichtsausdruck ist nur deshalb so entspannt, weil er die Rolle seit geraumer Zeit regelmäßig nutzt. Trainings-Anfänger werden zunächst starke Schmerzen verspüren.Gegen Schmerzen und Verspannungen hilft auch ein gezieltes Taping mit speziellen Pflasterstreifen. Fitnesstrainerin Sabine Seelos (Mitte links) verhilft einer Teilnehmerin zu mehr Beweglichkeit im Nackenbereich.Faszien sind im Grunde ein Bindegewebe, das alle Zellen im menschlichen Körper umhüllt und miteinander verbindet.Das zeigt Rinesch (unten links) am Körper von Aktiv-Team-Fitnesstrainerin Irmgard Kränsel. fotos: oliver sommer

Faszination Faszien

Peiting - Mit einem Abend zum Thema Faszien hat das Peitinger Aktiv Team einen Nerv getroffen.

„Würden Sie nicht auch gerne morgens aus dem Bett springen, federnden Schrittes durchs Leben gehen und sich rundum wohl fühlen in Ihrem Körper?“, begrüßte Irmgard Kränsel die Anwesenden. Die meisten Menschen schleichen eher, anstatt lockeren Schrittes zu schreiten und, mal ehrlich, sich richtig wohl fühlen tun wir uns doch auch erst, wenn der Körper sich langsam warm gelaufen hat. Kurz nach dem Aufstehen sieht das noch ein wenig anders aus. Doch all diese Details passen zusammen, wenn man das Stichwort Faszien in die Runde wirft.

Bis vor einigen Jahren konnte man sie in keinem medizinischen Lehrbuch finden. Doch es scheint, als bestehe der Körper aus mehr als nur Knochen, Muskeln und Fleisch. Wann immer unser „Gestell“ schmerzt und nicht so richtig mitspielt, könnte es an den Faszien liegen. Die sind mehr als nur „Verpackungsmaterial, so Dr. Cornelius Pahl, Notfallmediziner im Landkreis und darüber hinaus Osteopath und Akupunkteur, der eine eigene naturheilkundliche Praxis in Birkland unterhält.

Früher im Studium, so der Mediziner, habe man alles wegschneiden müssen, bis man zu den Muskeln gekommen sei. Heute betrachten viele Mediziners den Organismus als Ganzes, man sehe die innere Schönheit. Denn ohne Bindegewebe könnten die Muskeln auch nicht viel ausrichten. Was die Faszien auszurichten vermögen, konnten Kränsel und ihr Team sehr schnell aufzeigen.

Stellen Sie sich doch einmal mit geschlossenen Beinen hin und beugen sich nach vorn, wobei Sie mit ihren Händen versuchen, den Boden zu berühren. Allerdings nur so weit vorbeugen, wie das ohne Schmerzen möglich ist. Dazu forderte Sabine Seelos das Publikum auf.

Und holte sich eine Dame nach vorn, die angab, doch erhebliche Schmerzen zu haben. Nachdem Seelos, die gerade einen Kurs zum Faszien-Tapen absolviert hat, ihre Künste mit den speziellen „Pflasterstreifen“ an der Frau angewendet hat, kann diese sich tatsächlich knapp zwei Handbreit tiefer bücken und nach einem dritten Tape, das sich über ihren Rücken spannt, erreicht sie sogar fast den Boden. Es sind Beispiele wie dieses, die beweisen, dass Faszien tatsächlich eine lange unbeachtet Quelle des Wohlbefindens, oder besser für ein Unwohlbefinden sein können.

Das weiß auch Pahl aus seiner Praxis zu berichten, wo er als Osteopath nur mit seinen Händen die Menschen behandelt und ihnen Linderung verschafft. Das alles gehe nicht von heute auf morgen oder innerhalb von ein paar Wochen, so Pahl. Aber wer sich regelmäßig in seine Hände begibt, selbst einmal mit der Black-Roll, wie eine Schaumstoffrolle heißt oder im Kurs der aktiven Peitinger mitarbeitet, der kann nach einem Jahr von sich sagen: Mir geht’s gut.

Dabei hatte Pahl zuvor auch klar gemacht, dass, nur wer seine Faszien nutzt, beispielsweise mit Sport, Stretching und Dehnen, diese auch trainiert. „Use it or loose it“, also nutze sie oder verliere sie, so Pahl, sei hier das Motto. Was dabei herauskommt, wenn man sie nutzt, das führte Sportwissenschaftler Andi Rinesch vor, der wie ein gespannter Flummi über die Bühne hüpfte und dabei die Kraft für die Sprünge nur aus seinen Sprunglenken holte.

Dazu erläuterte Pahl, dass man davon ausgehe, dass etwa Antilopen ihre akrobatischen Sprünge weniger aus den Muskeln heraus vollführten, sondern eben auch mit Hilfe der Faszien aus dem Stand drei oder vier Meter hoch und weit springen können. Wer die Faszien nicht nutzt, bei dem verkümmern, vielmehr verkleben und verdrehen sich dieses Faserstränge, die dann ein Osteopath beispielsweise in langwieriger Handarbeit wieder lösen muss.

Ein sehr schmerzhafter Vorgang, so Pahl, den seine Patienten aber erdulden, weil sie das Ergebnis überzeuge. Auch die Black-Roll zeigt auf, wie sehr die Faszien vernachlässigt wurden. Wer die Schaumstoffrolle benutzt, spürt den Zustand sofort - je untrainierter, desto schmerzhafter. Was sich aber im Laufe des Trainings bessert.

Tatsächlich, so zeigte sich, wussten viele der Anwesenden schon Bescheid über diese besondere Faser, hatten zum Teil selbst schon eine Behandlung hinter sich oder behandeln andere dahin gehend. Dabei hatte so manche, denn es waren überwiegend Frauen im Saal, durchaus lange Wege auf sich genommen. Eine Dame kam aus Immenstadt am Alpsee, viele waren auch aus der Landeshauptstadt angereist, um den Vortrag Pahls zu hören.

Der ist Mitglied der EFDMA, der europäischen Gesellschaft, die sich mit dem Fasziendistorsionsmodell (FDM) auseinandersetzt. Wer die Abkürzung im Internet sucht, findet auch schnell weitergehende Informationen dazu, nicht nur über die Theorie, sondern auch über die Ärzte, die sich damit beschäftigen - und den Patienten helfen können.

Das tut auch das Aktiv Team Peiting, das unter anderem ein Faszien-Workout im Zegala anbietet.

Weitere Informationen

dazu finden sich auf der Homepage aktiv-team.com oder zegala.de.

Oliver Sommer

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