Gut besucht war der Vortrag von Militärpfarrer Thomas Balogh. foto: lk

Früherer Birkländer Pfarrer Balogh berichtet über seine Zeit in Afghanistan

Peiting/Birkland - Früher fuhr Pfarrer Thomas Balogh mit dem Beichtmobil in seiner Pfarrei Birkland umher. Jetzt erzählte der Militärpfarrer an alter Wirkungsstätte über seine Zeit in Afghanistan.

Es sei immer am Besten, wenn man Informationen von jemandem erhalte, der vor Ort gewesen ist, sagt eine der rund 50 Zuhörer im vollbesetzten Neuwirt von Birkland. Den ganzen Abend über stellen sie Balogh Fragen, sie wollen wissen, wie es der Bevölkerung und den Soldaten in Afghanistan geht. Und vor allem, ob der ganze Krieg einen Sinn macht.

Anschaulich erzählt Balogh über die Geschichte des Landes, über das Leben in den Militärcamps und die Bemühungen, den Afghanen zu helfen und dabei ihre Kultur zu berücksichtigen. In guter Erinnerung ist dem Pfarrer eine Sitzung beim Ältestenrat geblieben. Einmal, nachdem mit den Männern gesprochen worden war, wurde er ins Nebenzimmer geholt. Das Zimmer des Ältestenrates der Frauen. „Die saßen da alle unverschleiert, die Soldatin und ich saßen inmitten von zwölf unverschleierten Frauen, so sehr haben sie uns vertraut.“ Für deutsche Verhältnisse mag es nicht der Rede Wert sein, aber in einem Land, in dem man nur rasch vorbeihuschende, schwarze Silhouetten sieht, ist der Anblick einer normalen Frau etwas Besonderes.

Das Leben als Militärpfarrer ist gefährlich. Die Seelsorger machen alles mit, was normale Soldaten machen müssen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie keine Waffe tragen. Aus diesem Grund hat jeder Militärseelsorger einen Schutzsoldaten. „Meiner hat mit Religion nichts am Hut“, lächelt Balogh. Alltag in Afghanistan heißt, während der Fahrt auf mögliche Autobomben zu achten. Wenn die Autos hinten herunter hingen, sei dies ein Anzeichen für eine versteckte Bombe. „Aber die sind ja auch nicht blöd, die bauen die Autos so um, dass man das nicht mehr erkennt.“ Aus diesem Grund erfreue sich das Militärfahrzeug „Fuchs“ bei Soldaten großer Beliebtheit. Denn dort sitze man in Hängestühlen. Bei einer Detonation sei das Kreuz in einem Fahrzeug mit normalen Sitzen schnell kaputt. „Im Hängestuhl kann manche Bombe kommen, und Du wippst noch“, beschreibt der Pfarrer den Alltag deutscher Soldaten in Afghanistan.

Alle vier bis fünf Monate wird die komplette Mannschaft des Camp Marmal ausgewechselt. Während der Übergangszeit befinden sich 4400 Soldaten dort. Das militärische Sammellager in Afghanistan erstreckt sich über sechs Quadratkilometer. Es gibt große Sammellager, wie Camp Marmal, das in etwa so wie München sei. Dann gebe es kleinere Lager, so wie Schongau, sagt Balogh. Aber ganz vorne an der Front seien die Soldaten, die in Camps wie Birkland lebten. Diese Camps an vorderster Front, wo gekämpft wird, sind mit ein bis zwei Ärzten ausgestattet. „Ungefähr acht Soldaten sind notwendig, damit einer vorne schießen kann“, erklärt der Pfarrer die Front-Situation.

Immer wieder muss er Soldaten betreuen, die Tote und Verwundete bergen, die mit halb weggeschossenen Gesichtern konfrontiert werden. Es ist nicht einfach, immer erreichbar zu sein, immer alles aufzufangen. Auf die Frage, wie er das alles aushalte, verweist Balogh gerne auf seinen ganz großen „Chef“, bei dem er sich aussprechen könne. Zum Gottesdienst ins große Kirchenzelt kommen viele Soldaten. Das Lager ist international. Rund 48 Nationen sind dort im Einsatz. Auch internationale Priester. „Es ist etwas ganz Tolles, wenn man dort drüben erlebt hat, was Internationalität ist“, begeistert sich Balogh. Die Pfarrer der unterschiedlichen Länder treffen sich und geben ihren Soldaten Bescheid, wenn ein Gottesdienst für eine bestimmte Glaubensrichtung ansteht. Es gibt evangelische, katholische, jüdische, muslimische Gottesdienste, und auch Mormonen und die Zeugen Jehovas sind im Camp Marmal vertreten.

Das Problem in Afghanistan seien die vielen verschiedenen Glaubens- und Interessensgruppen. Vor allem die verschiedenen islamischen Glaubensgruppen bekämpfen sich untereinander, und auch die am Reißbrett gezogene Grenze von 1895 zwischen Afghanistan und Pakistan sei ein Problem. Pakistan störe willentlich die Friedensbemühungen in Afghanistan. „Pakistan spielt eine ganz schwierige Rolle“, sorgt sich der Priester. Er hört selten von Dingen, die gut funktionieren. „Ganz, ganz viele Soldaten zweifeln am Sinn. Weil sie einfach keinen Fortschritt sehen.“ Trotzdem appellierte Balogh, die Arbeit der Soldaten mehr zu schätzen. „Uns als Normalbürgern ist ja oft nicht bewusst, was im Hintergrund alles läuft, damit es bei uns in Deutschland so gut funktioniert.“

Thomas Balogh im Kurz-Interview:

-Herr Balogh, wie passen christlicher Glaube, der durch Nächstenliebe und Toleranz geprägt ist, und Militär zusammen?

Das ist eine berechtigte Frage. Denn eigentlich haben Sie ja mit der Religion mit Friede, Versöhnung und so weiter zu tun, und beim Militär sind Sie mit Krieg konfrontiert. Aber ich habe auch als Christ die Möglichkeit und auch die Aufgabe, mich zu verteidigen.

-Wenn jemand eine Extremsituation durchlebt hat und mit dem Gedanken spielt, mit der Bundeswehr zu brechen, würden Sie ihn dann in seinem Entschluss unterstützen?

Wir sind in dem Fall nicht die absoluten Spezialisten, sondern die erste Anlaufstelle. Bei einer Sanitäterin, die mit den Toten nicht klar kam, habe ich nicht angefangen, an ihr herumzudoktern, sondern ich war nur derjenige, demgegenüber sich die Soldatin mal geöffnet hat. Der Oberstleutnant und ich haben sie dann zu einem Facharzt nach Hamburg geschickt. Da darf ich nicht anfangen, Hobbypsychologe zu spielen. Außerdem muss man fairerweise sagen, dass die Bundeswehr da unabhängig von mir davor schon längst schaut.

-Wo ist der Punkt, an dem der Alltag von Soldaten abnormal wird?

Ein schönes Beispiel ist die Zeit, in der Deutschland das E 10-Problem hatte. Wir sind drüben gehockt und haben gedacht: Glückliches Deutschland, das keine Probleme hat. Im Einsatz geht es um Leben und Tod, und dann kommt ein Soldat heim und wird mit diesem Benzin-Problem konfrontiert. Da versteht er die Welt nicht mehr.

-Vielleicht wäre es gut, wenn mehr Austausch da wäre zwischen normaler Bevölkerung und Soldaten.

Das ist eine ganz schmerzliche Erfahrung, die ich machen musste, als ich zurückkam vom Einsatz. Da weißt Du genau, es gibt Leute, die Dich ganz gerne mögen und wirklich wissen wollen, wie es Dir geht. Aber viele sagen: „Ach, jetzt bist Du ja wieder da. Gott sei Dank. Aber in der Heimat ist es doch am Schönsten.“ Damit war für die das Thema quasi erledigt. Als würde der Reset-Knopf gedrückt und man müsse wieder funktionieren. Es war kaum die Bereitschaft da, zuzuhören. Und das macht die Soldaten wieder einsam. Sie ziehen sich dann zurück in ihre Kreise, die sie verstehen. Dann kommt der Soldat heim zu seiner Frau oder Freundin und sie versteht ihn nicht mehr. Das ist ganz schwierig.

-Was während Ihres Vortrags oft gefragt wurde: Versinkt das Land nach dem Rückzug der Truppen im Jahr 2014 im Chaos? Haben Sie Angst davor?

Meine Angst geht eher in die Richtung, dass sich die religiösen Gruppen untereinander zerfleischen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass in einem Land, in dem 30 Jahre Krieg herrschte, es immer auch Gruppen gibt, die daran gut verdienen. Die freuen sich überhaupt nicht, dass da plötzlich Friede sein soll.

Das Gespräch führte Lisa Klotz

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