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Wenn der Spaß Ernst wäre... Prüfling Boris Forstner (rechts) ist mit Fahrlehrer Armin Huber (links) und Prüfer Christian Beer (hinten links) in Schongau unterwegs.

Würden Sie es schaffen?

Führerschein, die Zweite: Ein Selbstversuch nach 25 Jahren 

Vor 25 Jahren hat Boris Forstner, Leiter unserer Redaktion in Schongau, den Führerschein gemacht. Jetzt wollte er wissen: Würde er die Prüfung wieder schaffen? Ein Selbstversuch in Theorie und Praxis.

Schongau – „Sie haben keine Chance“, sagt Uwe Hippmann. Als der Leiter der zuständigen TÜV-Niederlassung Wolfratshausen von meinem Vorhaben hört, ist er zwar von der Idee begeistert. Bestehen werde ich aber ohne größere Vorbereitung nicht, prophezeit er mir. Meine Kenndaten: Einmal, als 19-jähriger Frischling, mit Mutters Auto kopfüber in einem Acker gelandet, weil auf einem Feldweg aufs Bankett gekommen, ansonsten unfallfrei. Fünf, sechs Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens, bei mehr als 15 000 Kilometern Fahrstrecke jährlich verschmerzbar.

Weil ich nicht völlig unvorbereitet in die Prüfung gehen will, schaue ich einige Tage zuvor in der Theoriestunde der Schongauer Fahrschule Huber vorbei, auch um die Stimmung aufzusaugen. „Du kannst gleich einen Testbogen ausfüllen“, sagt Fahrlehrer Armin Huber gut gelaunt. Tatsächlich: Er hat noch die alten Bögen, die ich damals vor meiner Theorie-Prüfung bis zum Exzess durchgeackert habe (erfolgreich übrigens, null Fehlerpunkte). „Natürlich läuft heute alles über Computer und Handy-App“, sagt Huber. Er wollte die Bögen abschaffen, weil sie viel Arbeit machen. „Aber die Jugendlichen wollen das, also arbeitet jeder vor der eigentlichen Stunde einen durch.“

Flugs fülle ich die ersten der insgesamt 30 Fragen aus – bebilderte Verkehrssituationen, wer hat Vorfahrt, wer muss blinken, kein Problem. Wie lange dauert es, bis Alkohol abgebaut ist? 0,1 Promille pro Stunde, Haken dran. Hubers Kollegin Susann Dolge legt die Korrekturschablone an, fetzt mit dem Rotstift drüber, gibt mir den Bogen zurück und sagt: „Das war nix.“ Ich schaue belämmert: 24 Fehlerpunkte, höchstens zehn sind erlaubt, mit Pauken und Trompeten durchgefallen. „Das ist gar nicht schlecht“, baut mich Huber auf, doch das hatte ich mir anders vorgestellt. Ich bleibe die Stunde da, es geht um Führerscheinklassen – ich hatte ganz vergessen, wie langweilig Theoriestunden sein können. 14 Besuche sind Pflicht.

Daheim setze ich mich an den Computer und logge mich bei www.fahren-lernen.de ein, das mir Huber freigeschaltet hat. Dort kann ich hunderte Fragen üben und erfahre gleich, ob ich richtig lag. Sogar Filme laufen ab, ich muss die Situation richtig beurteilen. Bei der sogenannten Drivers Cam sind zudem knifflige Situationen rund um Schongau bereitgestellt, viel anschaulicher geht es nicht – kein Vergleich zu den an die Wand geworfenen Folien von früher.

Gut vorbereitet in die theoretische Theorieprüfung

Mich packt der Ehrgeiz: Blamieren will ich mich bei der Prüfung schließlich nicht. Frage für Frage klicke ich durch, zwei Abende stundenlang. Bestimmt 500 Fragen sind es am Ende. Huber, der auf alle Online-Aktivitäten Zugriff hat, ist zufrieden: „Schön, dass Du es ernst nimmst.“ Er schickt mir eine Prüfungs-Simulation zu, ich bestehe locker mit nur drei Fehlerpunkten und fühle mich für den Ernstfall gerüstet.

Der kommt zwei Tage später. Christian Beer, groß gewachsen, schelmisches Lächeln, empfängt mich im Prüfungszimmer des Schongauer TÜV. Ganz allein sitze ich vor den zehn Tablets, an denen die Theorieprüfung abgelegt wird – den Test mit anderen Fahrschülern abzulegen, ist aus rechtlichen Gründen nicht gestattet. Beer, der den schönen Titel „Fahrerlaubnisverantwortlicher“ trägt, hält die Einweisung „wie ein Flugbegleiter“, wie er selber sagt. Nicht, dass hinterher jemand vergisst, den zusätzlichen Prüfungsbogen B auszufüllen, was immer wieder vorkommt.

Dann schaltet er die Prüfung frei, die in 13 Sprachen absolviert werden kann – unter anderem Arabisch. Doch meine erste Frage ist auch auf Deutsch schwer: Darf man eine Straßenbahn links überholen? Nur in einer Einbahnstraße, oder nur, wenn die Schienen ganz rechts sind? Hm, verzwickt. Auch die nächste Frage („Was muss man beachten, wenn man ein Auto mit Bremskraftverstärker abschleppt?“) ist happig. Zefix, ich werde doch nervös.

Verzwickt! Bei der theoretischen Prüfung...

Der Rest flutscht gefühlt ganz gut, nach knapp 15 Minuten tippe ich auf den Abgabe-Knopf. Prüfer Beer hat die Auswertung sofort auf dem Schirm. „Das war nicht schlecht“... beginnt er – na also, frohlocke ich innerlich – und fährt mit den Worten fort: „Aber leider durchgefallen.“ Ungläubig schaue ich ihn an. Echt jetzt? Kann nicht sein! Doch der Computer irrt nicht, das Ergebnisprotokoll zeigt 15 Fehlerpunkte an. Vier Fragen habe ich falsch. „Manche brauchen mehr als einen Versuch“, tröstet Beer. Es hilft nichts, ich fühle mich mies, während hinter mir Kollege und Fotograf grinsen.

...arbeitet Boris Forstner die Fragen am Tablet ab.

Dann muss es eben die praktische Prüfung rausreißen! Direkt vor dem TÜV steige ich in den 1er-BMW des Fahrlehrers und mache mich schlau, wie Licht und Scheibenwischer angehen. Wo ist der Autoschlüssel? Ah, funktioniert mit Startknopf. Gang rein, Kupplung vorsichtig kommen lassen und los geht’s. Jetzt fühle ich mich wirklich 25 Jahre zurückversetzt. Extrem vorsichtig biege ich vom Industriegebiet auf die Hauptstraße Richtung Schongau ein, immer den Tacho im Blick – bloß nicht zu schnell.

Die erste Herausforderung lässt nicht auf sich warten: An der hochkomplizierten Lechvorstadt-Kreuzung mit zwei Bahnübergängen und sieben abgehenden Straßen staut es sich, das Bahnsignal ist auf rot. Ich lasse Abstand zum Vordermann, damit Autos queren können. „Richtig?“, frage ich nach hinten. Zustimmendes Nicken. Ohne Lücke hätte ich den Verkehr behindert und wäre schon durchgefallen. Das baut auf. Es geht weiter, Blinker, Schulterblick, alles passt. Plötzlich steige ich in einer engen Straßen in die Eisen. „Ist das eine Straße?“, frage ich mit Blick nach rechts. Und viel wichtiger: Gilt hier Rechts vor Links? Tut es nicht, der Prüfer notiert ein erstes Minus auf seinem bis dahin leeren Blatt. Weiter geht’s über den Kreisverkehr, am Straßenrand parkende Autos meistere ich brav: Blinken, Schulterblick, Spur wechseln, blinken, Schulterblick und zurück auf die rechte Seite.

Rückwärts einparken? Geschenkt, das hab ich drauf!

„Hinter dem silbernen Auto bitte rückwärts einparken“, sagt Prüfer Beer. Der Klassiker, das habe ich perfekt drauf. Obwohl die Lücke voller Schnee ist, parke ich in einem Zug ein. Fahrlehrer und Prüfer nicken anerkennend.

Zwischendurch herrscht Stille im Auto. Ganz anders als bei meiner Prüfung vor 25 Jahren, da haben sich beide meiner Erinnerung nach ständig unterhalten. Ich starte etwas Smalltalk. Ob er eine feste Route hat, frage ich den Prüfer. Nein, die sei immer anders. „Wichtig ist nur, dass der Anteil innerorts und außerorts stimmt und alles zusammen 45 Minuten dauert.“ Ansonsten ist Beer kurz angebunden, er konzentriert sich. Mache ich auch wieder.

In Altenstadt lauert plötzlich eine 90 Grad-Biegung, ich setzte den Blinker – und bin verunsichert. „Fiese Kurve, hab ich alles richtig gemacht?“ Beer schweigt und greift zum Stift. Kein gutes Zeichen. In Hohenfurch geht es auf eine vereiste Nebenstraße, die Gefahrenbremsung steht an. Ich trete auf Kommando voll ins Bremspedal, das ABS stottert, es dauert, bis der Wagen zum Stillstand kommt. Es geht weiter, allerdings ohne Blick über die Schulter und in den Rückspiegel – das nächste Minus.

Das Wenden in zwei Zügen klappt dafür problemlos. „Heimlich geübt?“, fragt Huber. Ich muss lachen. Bei so einer Prüfung hat man einen ganz anderen Blick auf den Verkehr, nimmt Situationen sensibler wahr. Wie die Kinder in einer Schongauer 30er-Zone, die wie bestellt neben der Straße im Schnee toben. Vorsichtig fahre ich an den neugierig schauenden Mädchen vorbei, Beer notiert ein Plus. Dann ist es schon vorbei. „Parkfertig abstellen“, lautet das letzte Kommando des Prüfers. Ich ziehe die Handbremse, vergesse aber, das Lenkradschloss einrasten zu lassen. „Das macht der BMW automatisch“, beruhigt mich Huber grinsend. Glück gehabt.

Trotzdem der bange Blick nach hinten: Ist die praktische Fahrprüfung bestanden? Beer lächelt wie nach der Theorieprüfung. Er wird doch nicht...? Nein, alles gut: Bis auf Kleinigkeiten hat alles gepasst. Den Führerschein darf ich übrigens trotz meines Theorie-Versagens behalten, war ja nur ein Test – das hatte ich als allererstes gefragt.

Mitarbeit: Christoph Peters

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