„Die Schöpfung“ in der Wies. Von links Christoph Garbe, Julia Sophie Wagner, Andreas Hirtreiter und Thomas Stimmel.

Gänsehaut bei der Schöpfung in der Wies

Wies - Wenn man einen Ort wählen müsste, um das Oratorium „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn aufzuführen, würde man die Wieskirche wählen. Eins ist dann gewiss, man erlebt an so einem Ort ein Gesamtkunstwerk aus Musik und Architektur, aus Klang und Farben, verknüpft in gemeinsamer Harmonie.

Die Schongauer Konzertreihe „Festlicher Sommer in der Wies“ traf genau diese Wahl, und so wurde am Sonntagabend in der ausverkauften Wieskirche ein Konzert aufgeführt, das sich nicht nur durch technische Brillanz und durch höchste Konzentration aller Beteiligten auszeichnete, sondern sich vor allem durch eine Tatsache hervorhob: Es wurde mit viel Gefühl präsentiert.

Sowohl das Orchester „La Banda“, ein Ensemble aus renommierten Musikern der „Alten Musik-Szene“, als auch der Chor der Stadt Schongau zusammen mit dem Chor „TonArt Sauerlach-Holzkirchen“ und den hervorragenden Solisten Julia Sophie Wagner (Sopran), Andreas Hirtreiter (Tenor) und Thomas Stimmel (Bass) spielten und sangen mit Herzblut. Und man muss den Mitwirkenden dafür dankbar sein, denn das genial komponierte Werk findet erst in so einer lebendigen, gefühlvollen Umsetzung seinen eigentlichen Charakter.

Joseph Haydn benötigte zwei Jahre für die Fertigstellung seines Oratoriums, und er hat daran nachweislich bis zur vollkommenen Erschöpfung gearbeitet. Aber er hat auch während seiner Schaffensphase einen besonderen, einen tieferen Zugang zur Religion erfahren dürfen, und das spiegelt sich natürlich in diesem Werk wider.

Und so erlebt man die Gänsehautmomente, die hervorgerufen werden durch die Kombination von Wort und Klang. Das passiert, als der Chor „Und es ward Licht“ nahezu herausschreit und in diesem Moment tatsächlich die Sonne durch ein Fenster der Wieskirche in den Altarraum strahlt. Ein Szenarium, das nicht planbar ist, das sich damit beinahe am Rande des Kitschigen bewegt, es aber in diesem besonderen Moment überhaupt nicht ist.

Gänsehaut auch, wenn Erzengel Uriel (Andreas Hirtreiter) beinahe gehaucht mit zartesten Tönen den Mond durch „die stille Nacht hindurch“ schleichen lässt. Und auch als Thomas Stimmel, der den Erzengel Raphael verkörpert, mit samtweichem, kellertiefen Bass „In langen Zügen kriecht am Boden das Gewürm“ singt, als Julia Sophie Wagner mit kräftigem, sicheren Sopran als Erzengel Gabriel „Und Liebe girrt das Taubenpaar“ interpretiert - das sind gefühlvolle und berührende Momente an diesem Abend.

Mit einer außergewöhnlichen Kombination von Sanftheit und Unerbittlichkeit lässt Dirigent Christoph Garbe keine Fehler zu an diesem Abend. Im Gegenteil. Garbe hat die Gabe, die einzelnen Mitwirkenden zu begeistern, ihnen Freiräume zu lassen für ihre Interpretation. Das ist hohe Kunst und in gewisser Weise auch ein Wagnis, bei so vielen Mitwirkenden.

Aber Garbe behält zu jedem Zeitpunkt die unsichtbaren Fäden in der Hand und leitet sein gesamtes Ensemble mit einer unglaublichen Sicherheit und Freude.

Beim Chor hat man das Gefühl, dass bei jeder weiteren Aufführung der Spaß an den eigentlich so gefürchteten Fugen steigt. Und bei diesem Werk sind so einige zu bewältigen. Aber bewältigen ist hier absolut der falsche Ausdruck. Es ging ein Strahlen aus von der Harmonie des Chors. Jedes einzelne Mitglied scheint sich mit dem Werk, mit der Thematik intensiv auseinander gesetzt zu haben. Nur so kann man das Gewaltige, das Ausdrucksstarke dieser Komposition umsetzen. Man muss es gemeinsam hinausposaunen dürfen, das „Vollendet ist das große Werk“ am Ende des zweiten Teils. Und das durften sie!

Dirigent Garbe

mit viel Feingefühl

Der dritte Teil birgt noch ein besonders melodiöses Liebesduett zwischen Adam (Thomas Stimmel) und Eva (Julia Sophia Wagner), deren Stimmen hervorragend harmonieren. Und auch hier beweist Garbe Feingefühl, in dem er den großen Chor in den richtigen Momenten zurückhält und somit den Sängern Zeit zur Entfaltung ihrer Stimmen gibt.

Ein gewaltiges „Singt dem Herrn, alle Stimmen“ beendete ein nahezu zweistündiges, perfektes Gesamtkunstwerk, das zu stehendem Applaus führte und das für jeden Zuhörer eine nachhaltige Bereicherung sein wird.

rwg

Auch interessant

Kommentare