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Ein Wintertraum: Genesungswünsche von Jochberg in Tirol erhielt Renate Wudy jetzt: 27 Jahre später.

Postkarte aus dem Jahre 1988

Grüße aus der Vergangenheit

Schongau - Wem haben Sie vor 27 Jahren eine Postkarte geschrieben? Wer jetzt nur ahnungslos den Kopf schütteln kann, weiß, wie es Annemarie Fürst ging, als ihr eine ehemalige Arbeitskollegin für eine alte Postkarte dankte. Die war jetzt erst angekommen – abgestempelt wurde sie aber im März 1988.

Wer an die Post denkt, denkt heuer häufig auch an Streik. Im nächsten Zuge sind Attribute wie Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit und Verzögerung nicht weit. Dass man im Kopf aber gleich auch die Eigenschaften Loyalität, Ehrlich- und Großzügigkeit hinzufügen kann, beweist Renate Wudy.

Wudy lebt mit ihrem Mann Adolf in Schongau-West. Der ging an einem gewöhnlichen Dienstagmorgen an den Briefkasten und fischte neben Zeitung und Rechnungen auch eine Postkarte heraus – immer eine Freude. Beim ersten Blick darauf, schoss dann aber direkt die erste Augenbraue in die Höhe. Die Vorderseite zierte eine blau-weiße Bergkulisse. Schnee, wohin das Auge reichte. Jetzt, wo bei uns die Tropen einziehen, fährt jemand in den Skiurlaub?

Wirklich dubios wurde es aber erst, als er sich die Adresse genauer anschaute. Die Karte war an seine Frau adressiert, allerdings ins Krankenhaus. „Wann warst du denn im Krankenhaus?“, fragte er beim Eintreten ehrlich verwundert. „Da bin ich wirklich erschrocken“, erzählte der Pensionär im Nachhinein. Dann hätten die beiden die Karte aber genauer inspiziert. „Beim Blick auf Briefmarke und Poststempel kam’s mir dann langsam“, schmunzelte Renate. Der papierene Gruß hatte eine lange Reise hinter sich: Mehr als 27 Jahre.

Erst dann konnte die 70-Jährige die Genesungswünsche und die „Haufen Grüße“ aus dem Skiurlaub in Jochberg (Tirol) entgegennehmen. Geschickt wurden die von einer alten Arbeitskollegin. Annemarie Fürst arbeitete mit der Schongauerin in der gleichen Filiale der Volksbank, beides Bankangestellte. Am 8. Januar 1988 war für Wudy der erste Tag eines über zweimonatigen Krankenhausaufenthaltes. Sie war zu der Zeit schwer erkrankt und musste insgesamt ein halbes Jahr aussetzen. „Damals haben mir viele Arbeitskollegen Briefe geschickt oder mich besucht“, erzählt sie. Schön sei das gewesen, ein Zeichen, „dass man nicht vergessen wird“.

Jetzt, mehr als 27 Jahre später, sah das schon etwas anders aus. „Als ich anrief, um mich für die Karte zu bedanken, war die erste Frage: Wer sind Sie denn?“, lacht Wudy. Fürst und sie sind schon lange keine Arbeitskolleginnen mehr, auch privat trennten sich die Wege. Nach ein paar klärenden Sätzen, war die Gaudi aber groß. „Lesen’s mir mal vor, was ich da g’schrieben hab’“, soll Fürst ausgerufen haben. Von einem „ganz pfundigen“ Urlaub kann Wudy dann referieren, mit „guatem Weizen und Schnee meterweise“. Fazit: „bärig“.

Dass die Karte überhaupt angekommen ist, ist aber eine Aneinanderreihung von glücklichen Fügungen. Renates Mann Adolf hat 36 Jahre lang bei der Deutschen Post gearbeitet, demnach schon einiges erlebt und da so seine Theorie. Er glaubt, die Karte ist beim Sortieren der Briefe über die Kante des Verteilergestells gerutscht. Und dann einfach unterhalb liegen geblieben. Jetzt wurde vielleicht ein Möbelstück verrückt und die Karte kam plötzlich wieder zum Vorschein. Der Ehrlichkeit und Loyalität der Deutschen Post zum Dank, verschwand die nicht in der hinteren Hosentasche, sondern landete – trotz fünf-Schilling-Briefmarke – beim zuständigen Postboten.

Das war aber immer noch nicht das Ende der Fahnenstange: Erst als ein Mitarbeiter vom Krankenhaus die Adresse der Wudys herausgefunden, auf den Papperdeckel geschrieben und abermals in den Postkasten geworfen hatte, trat das Papier seine letzte Reise an. So die Theorie.

Ob die Karte jetzt zur Wiedervereinigung der einstigen Kolleginnen beiträgt? „Auf einen Kaffee treffen wir uns schon“, meint Adolf. Wer weiß, was sich da ergibt. Eins aber, sagt Renate, wäre jetzt noch fällig: Ein großes Lob an die Post. „Wenn was gefunden wird, wird das immer weiter befördert“, erklärt Adolf. Dass es der Post also wirklich ein Anliegen ist, dass jede Botschaft ihren Bestimmungsort finde, hätte sie damit eindrucksvoll bewiesen.

Elena Wlacil

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