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Spektakulär: Ein Einfamilienhaus wird am Samstag mitten durch Schongau transportiert.

Menschenmassen verfolgen Aktion

Hier wird ein Haus durch Schongau transportiert

Schongau - Es hat sich verzögert, es hat viel länger gedauert als geplant – und doch war die Aktion ein Erfolg: Der spektakuläre Transport eines Einfamilienhauses mitten durch Schongau hat am Samstag wahre Menschenmassen angezogen.

Die Armbanduhr von Daniel Gehring zeigt genau 16.30 Uhr, als er seinen Sattelzug in Bewegung setzt. Auf dem Tiefbettanhänger befindet sich eine ganz besondere Fracht: Ein komplettes Musterhaus, das kurz zuvor noch hinter der Möbelcentrale gestanden ist. Nicht ganz komplett allerdings, Wintergarten und Eingangsvorbau sind vorher abgetrennt und auf einen separaten Sattelzug gehoben worden.

Auch woanders wird fleißig gearbeitet. Markus Reßle etwa rammt mit einer kleinen Truppe auf dem Gnettner-Areal 16 Eichenpfähle mit einem Durchmesser von zirka 40 Zentimeter in die Erde. Die Pfähle sind das Fundament für das Holzhaus. „Venedig lässt grüßen“ erklärt Firmenchef Helmut Reßle. Seine Häuser sind nämlich erdbebensicher, auch wenn dieser Nutzen in Schongau überschaubar ist.

Hier wird ein Haus durch Schongau transportiert

Hier wird ein Haus durch Schongau transportiert

Weil es an dem Schwertransport mit acht Metern Breite kein Vorbeikommen gibt, muss jedes Hindernis entfernt werden. Verkehrsschilder aller Art werden demontiert, und das von einer lustigen Truppe. 20 Freunde, fast ausnahmslos vom Schongauer Faschingsverein. An der Spitze Präsident Sigi Müller. Für seine Mannschaft selbstverständlich, schließlich war Andreas Reßle (einer der beiden Söhne des Chefs) vor zwei Jahren Faschingsprinz. Sogar Gardemädchen Denise hatte an diesem Tag Gardekostüm gegen Arbeitshandschuhe und Blaumann gewechselt.

In Schongau West herrscht am Vormittag Hochbetrieb. Das Haus wird an ein eigens angefertigtes Eisengerüst angehängt, damit die Seitenwände durch die Gurtspannung nicht eingedrückt werden – alles gut durchdacht. In Zentimeterarbeit hebt der Kran schließlich das Haus an, durch einen wahrhaft monströsen 400-Tonnen-Autokran. Die Fäden dieses 1,8 Millionen teuren Geräts der Firma Mayer aus dem Allgäu hat Stefan Walk in der Hand, besser gesagt den Joystick.

Verkehrspolizeiinspektion Weilheim im Einsatz

Inzwischen sind auch die beiden Beamten der Schwerverkehrsgruppe der Verkehrspolizeiinspektion Weilheim eingetroffen. Bewaffnet mit Maßband, Tabellen und jeder Menge technischer Daten im Kopf. Sie sind für den technischen Zustand der Transportfahrzeuge und die genaue Beladung der Lasten verantwortlich. Alles muss stimmen. Die Verantwortung ist groß – und leider auch das Gewicht des Hauses: Beim Anheben hat der schlaue Kran die Überschreitung festgestellt. Jetzt drängt die Zeit, schließlich war der Start des Konvois für 13 Uhr geplant – und die Uhr zeigt bereits 15 Uhr. In Windeseile werden alle Fenster und Türen des Hauses ausgebaut. Die Verglasung wiegt schwer. Nächster Gewichtstest: Das Abspecken war erfolgreich, die Polizei gibt grünes Licht. Kranführer Walk lupft das Haus von seinem Pfahlfundament ab und setzt es sachte auf den Tiefbettanhänger. Die Zuschauermenge fiebert mit, mehr Kameras und Fotohandys haben vermutlich nur Japaner auf Neuschwanstein dabei. Unter den Schaulustigen steht, ebenfalls mit Kamera bewaffnet, Christin Bruder, die neue Besitzerin des Hauses. Ihr fehlen die Worte. Nur eins bringt sie heraus: „Unglaublich!“

Unter den neugierigen Augen der Menge setzt sich der Konvoi schließlich in Bewegung. An der Spitze ein Streifenwagen der Polizei, Dienststellenleiter Rudolf Fischer sitzt selbst am Steuer. Es folgt ein Lastwagen mit Hebebühne – wohlweislich, zum Entfernen herunterhängender Äste im Fahrbahnbereich. Er wird noch oft gebraucht an diesem Tag. Dann das Flaggschiff mit der besonderen Fracht, gezogen von 660 Pferdestärken. Der Tieflader mit Wintergarten und Eingangsvorbau reiht sich schließlich noch dahinter ein – beide Tieflader müssen auf der Strecke von Möbelcentrale bis Gnettner-Areal zusammen bleiben, eine Auflage der Polizei. Die will Teilstrecken nicht mehrmals sperren.

Problem: Kreisverkehre an Marktoberdorfer Straße

Fahrer Gehring hat seinen Nikotinspiegel ins Gleichgewicht gebracht, jetzt fährt er in gemäßigtem Schritttempo. Sehr zur Zufriedenheit der Zuschauer. Die begleiten den Konvoi zu Fuß. Die Ausfahrt auf die B 17 bei stimmungsvollem Sonnenuntergang: problemlos. Doch die beiden Kreisverkehre an der Marktoberdorfer Straße haben ihre Tücken. Zu weit links, und die Unterkante des Eisenrahmens schrammt auf, zu weit rechts stehen Bäume und Laternenmasten im Weg. Gehring meistert es ganz ruhig. Notgedrungen hektischer ist da Helmut Reßle: Kniestand, Bauchlage, Sprung nach rechts, Sprung nach links. Am zweiten Kreisel überschlägt sich seine Stimme. Ein Laterne droht gekappt zu werden. Gehring bleibt die Ruhe selbst, die Lampe bleibt unbeschädigt – die Zuschauer spenden Szenenapplaus.

Auf dem Rößlekellerberg hat das Vorauskommando alle Hände voll zu tun. Äste müssen abgesägt werden, möglichst schonend – auf Schadensbegrenzug wird geachtet. An der Spinne warten schon Mitarbeiter der Lechwerke, und das seit Stunden. Jetzt können sie endlich die Ampelanlage außer Betrieb setzen, die Verkehrsregelung übernimmt auch hier die Polizei. „Wenn du die Nerven verlierst, hast Du schon verloren“, war eine Äußerung von Helmut Reßle zu Beginn der Aktion. Er hat die Nerven behalten, so wie jeder in seiner Mannschaft.

Viereinhalb Stunden Fahrt

Der Endspurt steht an, auch der funktioniert. Um 21 Uhr trifft der Konvoi schließlich auf dem Gnettner Areal ein. Viereinhalb Stunden dauerte die Fahrt, viereinhalb Stunden volle Konzentration – Polizeichef Fischer lag mit seiner im Vorfeld geäußerten Hoffnung, nach einer dreiviertel Stunde werde alles vorbei sein, kräftig daneben. Kranführer Walk ist in der zwischenzeit mit seinem Gefährt angekommen. Eigentlich sollte er mit seinem Riesenkran schon auf dem Weg nach England sein, aber was hilft’s: Das Haus muss noch aufgestellt werden. De Arbeiter mobiliseren ihre letzten Kräfte, Barbara Reßle und Christin Bruder mobilisierten heißen Eintopf. Das Termometer sinkt kräftig unter Null – für die Männer kein Problem. Bei hellem Vollmondschein ist die Uhrzeit am Handgelenk von Helmut Reßle einwandfrei abzulesen. Genau 2 Uhr morgens zeigt sie, als der Ausleger des Krans wieder auf dem Fahrzeug liegt. Feierabend. Endlich.

Von Hans-Helmut Herold

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