Das Buch „1847“ ist eine Übersetzung des Original-Tagebuchs (beides Bild links) des Münchner Studenten Valentin Rost aus den Jahren 1847 bis 1849 in alter deutscher Schrift.

„1847“: tagebuch eines Münchner studenten

Ein historischer Schatz von der Müllkippe

Weilheim-Schongau - Ein Schatz. Gefunden auf einer Müllkippe. Von zwei Pimpfen im Alter von zwölf Jahren. So geschehen vor zirka 30 Jahren. Der Schatz: Das Original-Tagebuch eines Münchner Studenten, der Einblick ins Münchner Hofleben des 19. Jahrhunderts gewährt.

Es ist einer dieser Tage, an denen Georg und sein bester Freund Armin das tun, was zwölfjährige Buben eben am liebsten tun: Abenteuer erleben. Während der Papa am Fischweiher zwischen Schwabbruck und Huttenried arbeitet, erforschen die beiden einmal mehr die Müllkippe nebenan – ein wild ausgehobenes Loch mit noch wilder abgeladenem Krempel, den kein Mensch mehr braucht. Oder?

„Das war jedenfalls der beste Abenteuerspielplatz.“ Eine schöne Kindheitserinnerung von Georg Werner. „Da hat man immer interessante Sachen finden können.“ Einen Militärgürtel zum Beispiel, „den habe ich heute noch“. Alte Orden. Und ein altes Tagebuch. Mit Abstand das beste Fundstück, sagt er heute. „Aber das wussten wir damals noch nicht.“

Ein wahrer literarischer Schatz

In wilden Jugendjahren tauscht Georg Werner das Buch mit unschätzbarem Wert ein – gegen ein altes Telefon aus den 70er Jahren. „So eins wollte er schon immer haben“, sagt sein Schwager Ernst Dopfer, noch heute lachend. Er war damals 22, Student. Lesen konnte er die Texte in dem schlicht-schwarz gebundenen Buch zwar nicht – eine alte deutsche Schrift. „Aber einzelne Wörter wie König Ludwig oder Lola Montez. Und das hat interessant geklungen.“

Weit mehr als 30 Jahre ist das inzwischen her. So lange hat es gedauert, bis das Buch – das Tagebuch des Studenten Valentin Rost aus München – übersetzt und als Book-on-Demand-Projekt herausgebracht werden konnte. Ein wahrer literarischer Schatz – auch aus historischer Sicht.

Tagesaktuell gibt der damals 20-jährige Student Valentin Rost Einblicke ins Münchner Hofleben des 19. Jahrhunderts. Das Tagebuch erweitert die Geschichte um interessante Perspektiven – war doch die Tante des Schreibers Zofe am Königshof, zeitweise gar von Lola Montez, der Geliebten selbst. So gibt es Geschichten von Ludwig und seiner Lola, Vorgänge an der Universität bis hin zur Schließung durch den König, aber auch Klagen eines Gelehrten über den ausufernden Tabakkonsum seiner Studenten.

Auch dem kleinen Ludwig II. begegnet Valentin Rost: „Es ist ein Kind von 3 Jahren mit ungemein starken Haupte und großen blauen Augen, jedoch fehlt seinen Wangen die Frische, ohne welche kein Kind schön ist.“

Auf 223 Seiten, sortiert nach Tages-Einträgen ins Tagebuch, spiegelt sich nicht nur der Zeitgeist wider, es zeichnet sich ein unmittelbares Bild der Geschichte des 19. Jahrhunderts – ebenso authentisch und geradlinig, wie es Valentin Rost vor immerhin 169 Jahren selbst in sauberster, zackiger Handschrift mit Tinte zu Papier brachte.

Sogar den kleinen Ludwig II. hat Valentin Rost getroffen 

Eben dieses Papier brachte Ernst Dopfer mehr als drei Jahrzehnte immer wieder um den Verstand. Denn: Bis das Tagebuch als Book-on-Demand erscheinen konnte, hatte der Peitinger zahlreiche Versuche hinter sich, das Werk übersetzen zu lassen.

Ein professionelles Schreibbüro engagieren: Das hätte ein Vermögen gekostet. „Wir haben immer gehofft, dass wir jemanden finden, der die Schrift in einen lesbaren Text überträgt“, erzählt er. Er findet eine interessierte Historikerin aus Südtirol. Die Sache verläuft im Sand, das Buch verschwindet einmal mehr in der Schublade. Für weitere zehn Jahre. Irgendwann stößt Ernst Dopfer auf die „Sütterlin-Schreibstube“ eines AWO-Seniorenzentrums in Konstanz am Bodensee. Ältere Heimbewohner haben es sich zum Hobby gemacht, gegen Spenden ans Heim alte Texte zu bewahren.

Sagenhaft kurze drei Monate arbeiten Anke Gaier, älter als 80 Jahre, und ihr Mann an der Übersetzung. „1847“ ist geboren. „Das Buch hat sich mir selber aufgedrängt, dass ich das Projekt fertigmachen soll“, sagt Ernst Dopfer heute, warum er einen so langen Atem bewiesen hat. Und auch Finder Georg Werner freut sich: „Wenn ich es nicht gefunden hätte, wäre diese interessante Geschichte für immer verloren und Valentin Rost vergessen gewesen.“

Das Tagebuch

von Valentin Rost mit dem Titel „1847“ kann in Schongauer und Peitinger Buchläden für 10,99 Euro erworben werden. Eine Lesung aus dem Buch mit Kreisheimatpfleger Helmut Schmidbauer und zum Thema „Münchner Biedermeier zwischen Hofklatsch, Bock-Keller und Universität“ hat der Kulturverein Schongauer Land für den heutigen Donnerstag (19 Uhr) organisiert. Musikalisch begleitet wird die Veranstaltung in der Ballenhaus-Ratsstube von Stubenmusik. Beginn: 19 Uhr. Es gibt noch Restkarten!

Barbara Schlotterer-Fuchs

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