Das alte Flussbett des Lechs vor dem Bau der Staustufe 8 (rot umrandet). In die Karte eingezeichnet sind auch Wohnhaus, Brennofen und Seilfähre sowie alter und neuer Weg zum Lech (ab 1941) .
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Das alte Flussbett des Lechs vor dem Bau der Staustufe 8 (rot umrandet). In die Karte eingezeichnet sind auch Wohnhaus, Brennofen und Seilfähre sowie alter und neuer Weg zum Lech (ab 1941) .

Als bei Hohenfurch noch eine Seilfähre den Fluss querte

Für 10 Pfennige ging es über den Lech

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es noch gar nicht so einfach, den damals vielerorts noch wilden Lech zu überqueren. Eine Möglichkeit dazu bot die beliebte Seilfähre bei Hohenfurch. 1910 fiel sie allerdings einem verheerenden Hochwasser zum Opfer.

Hohenfurch – Es ist nicht einfach, Genaueres über die Hohenfurcher Seilfähre am Lech herauszufinden, weil die Quellenlage eher dürftig ist. Genauere Daten finden sich nur verstreut in mehreren Aufzeichnungen, einiges kann nur indirekt aus dem spärlichen Material erschlossen werden.

Eine wichtige Quelle stellt die Gerichtsakte mit Zeugenaussagen aus dem Jahr 1910 dar. Dabei geht es um eine Schadensersatzklage des späteren Besitzers Georg Schilcher, der ab 1907 die Hofstelle am Lech samt Fährrecht zusammen mit seiner Frau Maria übertragen bekommen hatte. Er verklagte darin die Kinsauer Papierfabrik Hegge auf Zahlung einer Entschädigung für den Verlust seines Fährkahns 1909 und auf eine Entschädigung für Einnahmeausfälle wegen Störung des Fährbetriebs durch Eisrückstau, ausgelöst durch den neuen Triebwerkskanal in Kinsau.

Die Auswirkungen des strengen Winters 1908

Der Birkländer Pfarrer Andreas Schneller berichtet für den Januar 1909 von einer „außerordentlich großen Eisanstauung, sodass die Eisblöcke zerklüftet und in Schluchten an den Ufern bis zu drei Meter in die Höhe ragten. Die Eisansammlung hat noch weit über die Fähre des Klägers hinaufgeragt“. Auch Martin Ritter, Landwirt und Jäger aus Hohenfurch, gibt zu Protokoll: Im Winter 1909 „schoben sich die Eismassen an den Ufern bei der Fähre ganz grenzenlos aufeinander, sodass sie zwei bis zweieinhalb Meter Höhe und einen halben Kilometer in der Länge und beinahe 40 Meter Breite erreichten.“

Hintergrund: In Kinsau waren 1906 von der Papierfabrik Hegge ein neuer und höherer Triebwerkskanal sowie ein neues Wehr gebaut worden, um genügend Wasser für die neue Turbine zu erhalten. Das führte in den Augen des Klägers in strengen Wintern zu einem Eisrückstau, der bis Hohenfurch reichte und den Fährbetrieb erheblich störte. Dabei ging die Seilfähre zu Bruch. Für deren Verlust erhielt Georg Schilcher 40 Mark zuzüglich einer nicht näher bezifferten Summe für entgangene Fähreinnahmen in den vorherigen Wintern.

Wie funktionierte die Seilfähre?

Xaver Schrimp, Flussmeister im Straßen- und Flussbauamt Weilheim, wohnhaft in Schongau, erinnert sich 1910: „Früher ist man, wo jetzt die strittige Fähre ist, mit dem Stechruder übergefahren.“ Also mit einem Ruderboot. Etwa um 1890 errichtete der Kalkbrenner Johann Schmid eine Seilfähre an der engsten Stelle des Lechs. Dazu wurde beidseitig des Lechs je ein Fundament für das Spannseil gesetzt, das in größerer Höhe über den Fluss führte, ohne den Floßverkehr zu stören. Das Fährboot hing mit einem kurzen Seil an einer Rolle, die im langen Stahlseil beweglich eingehängt war. Durch ge- schicktes Betätigen des Ruders stellte man das Boot etwas schräg in die Strömung. Dadurch wurde ein Vortrieb Richtung anderes Ufer erzeugt, das man dann ohne großen Kraftaufwand und eigenen Antrieb relativ schnell erreichen konnte. Die kleine Insel oder Sandbank, die man dabei zuerst erreichte, war wohl mit einer Art Steg mit dem festen Ufer verbunden, damit man den Lech trockenen Fußes überqueren konnte.

Für eine Überfahrt musste der Fahrgast 10 Pfennige berappen, was einem heutigen Wert von 60 bis 70 Cent entsprechen dürfte. Wer die Fähre von Hohenfurch aus in Anspruch nehmen wollte, konnte sich über die Glocke der Kalkbrenner-Kapelle bemerkbar machen. Sie war zwischen 1892 und 1895 ungefähr 100 Meter westlich des Hofes an einer Quelle erbaut worden. Auf der anderen Seite des Flusses dürfte sich auch eine Glocke befunden haben, mit der man den Fährmann rufen konnte.

Hochwasser 1910 zerstörte die Seilfähre

Die für die Überquerung des Lechs so wichtige Seilfähre fiel 1910 einem verheerenden Hochwasser zum Opfer. Davon berichtet Sebastian Brömauer, Landwirt aus Hohenfurch. Sein Vater, der 1895 geborene Sebastian Brömauer, habe ihm des Öfteren davon erzählt. Lediglich einen Teil des Fundaments habe er als Jugendlicher in den 1930er Jahren noch am Lechufer auf Hohenfurcher Seite vorgefunden. Ähnlich erging es auch dem Sägewerk beim Greißl an der Schönachmündung, zirka 500 Meter weiter oberhalb. Es wurde ebenfalls von den reißenden Fluten des Lechs fortgespült. Fundamente von dem Sägewerk sind heute noch an der Schönachmündung erkennbar.

In der Folge gab es nur noch wenige Überfahrten, meist mit normalem Ruderboot. Wobei auch private Boote, wie das selbst gebaute Faltboot von Paul Schratt, zum Einsatz kamen. Ein späterer Besitzer des Kalkbrenner-Anwesens, Johann Ertl, schreibt dazu in einem Brief an das Amtsgericht Schongau von 1966: „...das Fährgeschäft wurde nach dem 1. Weltkrieg aufgegeben ...“ Und obwohl faktisch keine Fähre mehr bestehe, vertritt er vehement die Auffassung, dass dieses urkundlich erwähnte Recht mit dem Haus Nr. 84 zur Hälfte fest verbunden sei und „dass das Recht auf Überfahrt noch nicht gegenstandslos ist“. Auch der jetzige Besitzer des ehemaligen Kalkbrennerhofes, der Bildhauer Egon Stöckle, geht davon aus, dass ein eingetragenes Fährrecht noch existiert.

Quellen:

Bedanken möchte ich mich für wertvolle Informationen bei Sebastian Brömauer (geboren 1924), der sich als Kind und Jugendlicher oft am Lech aufhielt und mehrfach mit einem Boot übersetzte, um seine Verwandten in Birkland zu besuchen. Mein Dank gilt auch Herrn Stöckle, der mich zu diesem Aufsatz anregte und mir die Prozessakte und andere Schriftstücke zur Auswertung zur Verfügung stellte.

PETER SCHRATT

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