„Seelisch bin ich nie befreit worden.“ Der Abba Naor (82) schilderte im Gymnasium seine Kindheit und Jugend während des Zweiten Weltkriegs. Schüler und Lehrer hingen gleichermaßen gebannt und geschockt an seinen Lippen. Foto: preller

Holocaust-Überlebender zu Schongaus Gymnasiasten: "Ihr seid die nächsten Zeitzeugen"

Schongau - Die Aula des Schongauer Welfen-Gymnasiums, gefüllt mit Schülern und Lehrern, hing gebannt-geschockt an den Lippen von Abba Naor, der von seiner Kindheit im Zweiten Weltkrieg erzählte.

Es kommt selten vor, dass ein mit Menschen gefüllter Saal so leise ist, dass der Redner ohne Mikro sprechen kann. Doch genau das war am Freitag beim Vortrag des Holocaust-Überlebenden Abba Naor der Fall. Die Aula des Welfen-Gymnasiums, gefüllt mit Schülern und Lehrern, hing gleichermaßen gebannt wie geschockt an den Lippen des 82-jährigen Litauers, der von seiner Kindheit im Zweiten Weltkrieg erzählte.

„Worte für das Grauen finden: Ein schwieriges Unterfangen!“ So eröffnete Wilfried Funke, der unter anderem Geschichte unterrichtet, die Veranstaltung und traf damit genau ins Schwarze. Denn wohl niemand im Saal hätte mit dem gerechnet, was einen Tag nach dem Holocaust-Gedenktag zu hören war. „Ich will und kann niemandem seinen Glauben ausreden. Aber nach dem, was ich erlebt habe, kann ich nicht mehr an Gott glauben.“

Naors Zeitzeugenbericht begann mit glücklichen Kindheitserinnerungen, damals war er ein unbeschwerter 13-Jähriger, beschreibt seine Zukunftsträume, das schöne Leben mit der Familie und seinen Wunsch, möglichst schnell erwachsen zu werden. Davon ausgehend wechselte er nahtlos zu den ersten Ereignissen, die sein Leben bis heute entscheidend prägten. „Man führt quasi ein Doppelleben: Tagsüber ist alles normal, aber nachts spielen sich Szenen aus Arbeitslager, KZ und Flucht vor einem ab“, sagte Naor.

Er lieferte den Schülern geschichtliche Rahmeninfos, die für das Verständnis seiner Geschichte erheblich waren und streute sogar teilweise humorvolle Bemerkungen ein, die sich oft auf das Leben von Jugendlichen beziehen. In solchen Momenten lockerte er die angespannte Stille. Doch spätestens, als er von den Erlebnissen im Juden-Ghetto von Kaunas erzählte, in dem zirka 30 000 Menschen, unter ihnen seine damals noch fünfköpfige Familie, in ständiger Angst und mit Hunger vor sich hinvegetierten, spürte man tiefe Betroffenheit im Publikum.

1941 fiel das erste Familienmitglied den Nazis zum Opfer. Naors älterer Bruder verstieß gegen die Regeln, „er wollte einkaufen“. Nach und nach seien immer mehr Juden ermordet worden. Sie hätten sich entkleiden und zu den Gruben laufen müssen, wo sie dann erschossen wurden. „Die Gruben haben tagelang gewackelt, weil nicht alle tot waren“, berichtete Naor.

Er wurde zusammen mit seiner Familie in ein Vernichtungslager nach Polen deportiert. „Das war die Hölle.“ In Baracken, die im Normalfall ein paar 100 Menschen gefasst hätten, wurden tausende Juden auf engstem Raum nachts eingeschlossen. „Zu sitzen, geschweige denn zu liegen, war unmöglich.“ Dabei sah das Konzentrationslager von außen schön aus, „mit Blumenkästen an den Fenstern“. Männer und Frauen wurden getrennt, seine Mutter und den kleinen Bruder sah Naor das letzte Mal durch einen Zaun.

An dieser Stelle merkte man, wie schwer es dem 82-Jährigen fiel, diese Erinnerungen immer wieder und wieder bei seinen Vorträgen zu wiederholen. Doch er machte weiter, erzählte von seiner Zeit in einem der Außenlager von Dachau, und wie er mit Hilfe seiner drei dort gewonnenen Freunde Möglichkeiten fand, zu überleben. „Drei Dinge waren wichtig, um eine Chance zu haben: Freunde, schnelle Organisation und absolute Wachsamkeit.“

Einmal, außerhalb des Lagers, habe er eine Schweinezucht gesehen. „Die Schweine und wir waren in der gleichen Situation: Wir alle waren dem Tod geweiht, nur hatten sie es besser, denn sie bekamen Kartoffeln“, erklärte der Litauer. Er und seine Freunde griffen zu, stahlen sich ein paar Kartoffeln. „Das war lebensgefährlich, aber lebensnotwendig.“ Ende April/Anfang Mai 1945 befreiten die Amerikaner das KZ Dachau und seine Außenlager - und damit auch Naor. „Seelisch bin ich aber nie befreit worden“, sagte er.

Zum Schluss beantwortete er in Schongau Fragen über seinen Vater und die drei Freunde, die alle überlebt haben. Über seinen Hass auf die Deutschen, und wie er ihn überwunden hat. „Glaubt mir, es ist viel schöner, ohne Hass zu leben.“ Naor bekam in Schongau viel Applaus und Dank, auch Lehrer Funke war ergriffen. „Die Begegnung mit Zeitzeugen übertrifft alles an Authentizität, was irgendein Unterricht oder Film tun kann. Man ist schlichtweg sprachlos.“ Abba Naor selbst schickt die Schüler mit folgenden Worten nach Hause: „Ich halte diese Vorträge, weil ihr die nächsten Zeitzeugen seid. Nutzt das, was Ihr heute gehört habt, und erzählt später Euren Kindern davon.“

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