Wandmalerei und Glaskunst

Hubert Distler – ein Künstler aus Schongau

Seine Kindheit und Jugend verbrachte Hubert Distler in Schongau, wo er für die evangelische Kirche jeweils frühe Werke aus dem Bereich der Wandmalerei und Glaskunst schuf. Ein Blick auf Leben und Werk des Künstlers.

VON HARALD SCHARRER

Schongau – Betritt man die frisch renovierte evangelische Dreifaltigkeitskirche in Schongau, fallen einem sofort die drei in leuchtenden Farben gehaltenen Glasfenster hinter dem Altar ins Auge. Sie haben Weihnachten, Karfreitag und Pfingsten zum Bildthema. Entworfen wurden die Fenster vom heute für seine kirchliche Kunst hochgeschätzten Hubert Distler.

Distler, geboren am 13. Juli 1919 in Lindau, kam im März 1926 als Sechsjähriger mit seinen Eltern und seinen Geschwistern nach Schongau, wo sein Vater Georg als Lokomotivführer bei der Reichsbahn arbeitete. Er besuchte die Schongauer Volksschule bis zur sechsten Klasse und zeigte hier bereits ein beachtliches künstlerisches Talent. Gerne wäre er auf eine weiterführende Schule gewechselt, was aufgrund der finanziellen Verhältnisse der Familie nicht möglich war. Außerdem hatte sein Vater für Hubert eine Laufbahn bei der Bahn vorgesehen.

Schon in der Schule fiel er durch sein Zeichentalent auf

Nur mit Mühe konnte Georg Distler doch dazu überredet werden, dass Hubert als Fahrschüler von 1931 bis 1937 die Realschule in Weilheim besuchen durfte. Auch dort fiel er durch sein Zeichentalent auf, das schon so weit ausgebildet war, dass er durch den Verkauf von Zeichnungen sein Taschengeld aufbessern konnte.

Nach Beendigung der Schulzeit wusste Hubert Distler nicht so genau, was er werden wollte – vielleicht Architekt, Ingenieur oder Maler. Daher entschied er sich erst einmal zu einem zweijährigen Militärdienst. 1938 kam er zum Reichsarbeitsdienst, und mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er Soldat. Während eines Studienurlaubs studierte er im Sommer 1942 ein Semester an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Prof. Franz Klemmer. Einschneidend für Hubert Distlers gesamtes weiteres Leben war der 23. Oktober 1943. An diesem Tag zertrümmerte ihm bei einem Partisanenangriff in der Nähe der ukrainischen Stadt Nikolajew ein Explosivgeschoss den linken Oberschenkel. Ihm musste das linke Bein abgenommen werden und er rang tagelang mit dem Tod. Distler überlebte und tröstete sich: „Ich habe ja noch meine Hände zum Malen.“

Ein Studium an der Akademie in München

Noch vor Kriegsende heiratete Hubert Distler im Februar 1945 in Schongau die Krankengymnastin Hildegard Krisp. Ab 1946 studierte er wieder an der Akademie in München mit dem Schwerpunkt Monumentalmalerei und Wandgestaltung mit Berücksichtigung christlicher Kunst.

Bereits als Student erhielt er seinen vermutlich ersten Auftrag für eine Wandmalerei in einem öffentlichen Gebäude. Der Kirchenvorstand der Evangelischen Kirche in Schongau hatte beschlossen, die drei Fenster im Chor verschließen und die gesamte Chorbogenwand mit einem Wandbild, das die Seligpreisungen aus der Bergpredigt zeigen sollte, bemalen zu lassen. Distler, der selbst der evangelischen Gemeinde in Schongau angehörte, malte insgesamt acht Personengruppen. Mit Spruchbändern verbunden, versinnbildlichten sie die einzelnen Seligpreisungen. In der Mitte über dem Chorbogen mahnte ein zentrales Spruchband „Himmel und Erde werden vergehen / aber meine Worte werden nicht vergehen“, Lukas 21,33.

Nach Hochzeit Nummer zwei wird er selbstständiger Künstler

1951 siedelte Hubert Distler nach München über und schloss mit dem Wintersemester 1951/52 sein Studium ab. Nachdem seine erste Ehe geschieden worden war, heiratete er 1952 seine Kommilitonin Eva Beer und arbeitete fortan als selbstständiger Künstler. Über die Jahrzehnte entwickelte er sich zu so etwas wie einem „Hausmaler“ der Evangelischen Kirche in Bayern. Er hatte „eine Form- und Bildersprache erfunden, die gekennzeichnet ist sowohl von der Zerrissenheit und Bedrohung, Qual und Leiden, als auch der Sehnsucht und Hoffnung nach Heilung im Heil“, so Bernhard Bach im Heft 4-1989 der Zeitschrift „Das Münster“.

Diese Elemente finden sich auch in seinen Glasfenstern in der Dreifaltigkeitskirche aus dem Jahr 1961, eine seiner ersten Glasarbeiten überhaupt. Distler selbst veranlasste in diesem Zusammenhang die Übermalung seines Wandbildes, da er es nun als künstlerisch fragwürdig empfand – eine typische Selbsteinschätzung zum eigenen künstlerischen Frühwerk – und es die Wirkung seiner neuen Farbglasfenster beeinträchtigt hätte. Für die evangelische Kirche in Peiting schuf er 1980 das Glasfenster „Sonne und Kreuz“. Hubert Distler starb, ausgezeichnet u. a. mit dem Kunstpreis der Evangelischen Landeskirche Bayern und dem Bundesverdienstkreuz am Bande, im Jahr 2004 in Wildenroth.

Zum Autor und zum Welf

Der Münchner Harald Scharrer ist Vorstandsmitglied im Historischen Verein Schongau Stadt und Land und regelmäßig Autor in den Jahrbüchern. Der neue Welf ist eben erschienen. Ausführlich haben sich Scharrer und Jost Herrmann, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde, in einem Aufsatz mit der Ausstattungsgeschichte der Kirche seit den Anfängen auseinandergesetzt. Der Verkauf erfolgt bei Schreibwaren Seitz in Schongau und im Kaufhaus Bögle in Rottenbuch. Bei Buch am Bach Peiting kann er telefonisch oder per Mail geordert werden. Nach dem Lockdown liegt der Welf auch in der Büchergalerie Schongau aus. Er kostet 15 Euro und hat 179 Seiten.

Die Farbglasfenster im Chor der Schongauer Dreifaltigkeitskirche von Hubert Distler mit den Bildthemen Weihnachten, Karfreitag und Pfingsten (von links nach rechts). 
Blick auf die Chorbogenwand mit dem Wandbild von Hubert Distler, das die Seligpreisungen aus der Bergpredigt darstellt.
Hubert Distler beim Entwurf eines Glasfensters.

Rubriklistenbild: © Barbara Krausse

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