Hinter der Garage wird der Wasserstoff in 60 Flaschen gelagert, bis er gebraucht und wieder in Strom umgewandelt wird.
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Hinter der Garage wird der Wasserstoff in 60 Flaschen gelagert, bis er gebraucht und wieder in Strom umgewandelt wird.

Ein Innovatives Zuhause

In Birkland steht ein Wasserstoff-Haus

  • Christoph Peters
    VonChristoph Peters
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Ein Haus, das seine benötigte Energie ausschließlich aus der Kraft der Sonne bezieht: Klingt zu schön, um wahr zu sein? In Birkland hat sich Thomas Mayer diesen Traum erfüllt. Möglich macht es eine Technik, die auf Wasserstoff als Speichermedium setzt.

Birkland – Von außen gleicht das Haus von Thomas Mayer den anderen im Birkländer Neubaugebiet. Weiß gestrichene Wände, Satteldach, rote Ziegel. Doch unter der Haube enden die Gemeinsamkeiten ziemlich schnell. Als Mayer 2018 mit den Planungen für das Mehrgenerationenhaus loslegte, das Platz für seine Familie und die Schwiegereltern bieten sollte, schien noch alles den üblichen Gang zu nehmen.

Mayer nahm Kontakt mit einem Fertighaushersteller auf, der als Heizungsanlage zur Luft-Wärmepumpe riet. Doch den Birkländer überzeugte das Konzept nicht. Durch Zufall stieß er bei Recherchen im Internet auf das Berliner Startup „Home Power Solutions“ (HPS), das für eine Anlage warb, die ein Haus das ganze Jahr über mit CO2-freiem Strom versorgen könne. Der heute 49-Jährige war sofort begeistert von der Idee und nahm Kontakt zur Firma auf. Der Startschuss für das Projekt eines sich selbst mit Energie versorgenden Hauses war gefallen.

Der Solarstrom wird zu Wasserstoff

Das Prinzip dahinter ist schnell erklärt. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach produziert tagsüber Strom, der für den Hausbedarf genutzt wird. Überschüssige Solar-Energie landet in einem Batteriespeicher, der den Sonnenstrom bei Bedarf, etwa in der Nacht, wieder zur Verfügung stellt. Das Problem solcher Anlagen: In den Sommermonaten wird viel mehr Strom erzeugt als verbraucht und gespeichert werden kann, während in der dunklen Jahreszeit der Ertrag vom Dach nicht ausreicht und Strom aus dem Netz bezogen werden muss.

HPS geht mit seinem System deshalb einen Schritt weiter und wandelt den Stromüberschuss im Sommer in Wasserstoff um, der im Winter per Brennstoffzelle wieder in Strom verwandelt wird. Bis zu 1250 KWh ließen sich in dieser Form komplett emissionsfrei speichern, erklärt Firmenvertreter Boris Spatz stolz, der das Projekt in Birkland begleitet hat.

Thomas Mayer vor dem Herz der Anlage: In dem blau-weißen Schrank befindet sich die Technik, die Strom in Wasserstoff verwandelt und umgekehrt.

Das Herz der Anlage namens „Picea“ ist in einem großen blau-weißen Schrank im Keller des Hauses untergebracht. Von dort führt eine Leitung hinter die Garage, wo 60 Flaschen in Bündeln den Wasserstoff speichern. Die Abwärme der Anlage, die beim Umwandeln entsteht, wird per Lüftung ans Haus abgegeben oder für die Warmwasserbereitung genutzt. Man komme so auf einen Wirkungsgrad von 90 Prozent, so Spatz.

Bis hierhin war es für Mayer freilich ein längerer Weg, denn wie das so ist bei neuen Technologien, galt es, den ein oder anderen Stein aus dem Weg zu räumen. Das begann damit, dass der Fertighaushersteller beim Wunsch des Bauherrn, statt der Wärmepumpe das HPS-System zu installieren, abwinkte. „Schlussendlich haben wir uns darauf geeinigt, dass er ein Ausbauhaus liefert und wir den Rest mit örtlichen Firmen machen“, blickt Mayer zurück.

Um den Wärmeverbrauch möglichst gering zu halten, wurde das Haus im hohen Effizienzstandard 40plus errichtet. Aus der anfangs geplanten 19,3 KWp-PV-Anlage wurde eine doppelt so große, um auch die beiden elektrisch betrieben Autos der Familie laden zu können. „Wir haben alles auf Strom umgestellt, was geht“, sagt Mayer. Und auch beim Netzbetreiber stieß der Birkländer auf Hürden. „Die haben Monate gebraucht, um zu verstehen, was eine Brennstoffzelle ist“, sagt Mayer lachend.

Auch wenn bereits alles funktioniert, ist noch Optimierung nötig

Den ersten Winter im neuen Haus hat die Familie bereits hinter sich. „Es hat alles funktioniert“, freut sich der 49-Jährige. Auch wenn man noch nicht ganz ohne Strom aus dem Netz ausgekommen sei, wie er zugibt. Doch der gelernte Elektriker ist guter Dinge, dass die völlige Autarkie zu schaffen ist. In seinem Büro im Keller deutet Mayer auf den Monitor und zeigt auf eine Grafik, die den Stromverbrauch seines Hauses zeigt. Mittels Smarthome sollen künftig die Verbraucher so gesteuert werden, dass Stromspitzen vermieden werden. „Man muss auch sein eigenes Leben dahingehend optimieren“, sagt der 49-Jährige.

Langfristig soll sich die Energiewende im Kleinen für die Mayers auch finanziell auszahlen. Unterm Strich rund 80 000 Euro habe die Anlage gekostet, rechnet der Birkländer vor. Er geht davon aus, dass sich die Investition dank eingesparter Kosten für Strom und Benzin schon nach 13 Jahren bezahlt gemacht haben wird.

Noch ist das Wasserstoff-Haus des Birkländers das einzige im Landkreis. Bei der Energiewende Oberland verfolgt man das Projekt daher mit Interesse. „Die Kombination von Brennstoffzelle, Wasserstoff und Photovoltaik ist durchaus etwas Innovatives“, sagt Energiemanager Andreas Scharli. Ob sich weitere Nachahmer finden, wird sich zeigen. Bei HPS jedenfalls ist man zuversichtlich, die Auftragsbücher seien voll. „Die Nachfrage ist größer, als wir bedienen können.“ Und auch in Birkland hat sich Mayers Wasserstoff-Haus längst herumgesprochen, wie der 49-Jährige augenzwinkernd verrät: „Das halbe Dorf war schon da.“

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