+
Angeregte Diskussion: Die Kommandeure Carsten Jahnel (l.) und Mark Emmerich (r.) im Gespräch mit SN-Redaktionsleiter Boris Forstner.

Interview mit den beiden Kommandeuren der Kaserne Altenstadt

„Es ist besser, zu zweit am Standort zu sein“

Altenstadt - Seit zwei Jahren sind die Fallschirmjäger nicht mehr allein in der Kaserne Altenstadt. Wie das Zusammenleben funktioniert, verrieten die beiden Kommandeure Oberst Carsten Jahnel und Oberstleutnant Mark Emmerich im Interview.

Die Luftlande-/Lufttransportschule in der Kaserne Altenstadt gilt als das Mutterhaus der Fallschirmjäger, das die Bundeswehrreform nur knapp überstanden hat – seit Februar ist der Fortbestand in Altenstadt gesichert, wenn auch unter anderem Namen als Ausbildungsstützpunkt Luftlande/Lufttransport. Eigentlich sollte in der Kaserne nur noch das neu aufgestellte Feldwebel-/Unteroffizieranwärter-Bataillon 3 untergebracht sein, das seit Juli 2013 dort stationiert ist. Jetzt müssen beide Platz finden. 

-Herr Emmerich, bei der Vereidigung kürzlich auf dem Schongauer Marienplatz haben Sie von einem symbiotischen Zusammenleben mit den Kollegen der LL/LTS gesprochen.

Emmerich: Ja, denn wir kommen uns in keinem Fall in die Quere. Es hat geheißen, solange wir den Luftraum nicht beanspruchen, ist alles in Ordnung (lacht). Und das habe ich nicht vor. Ich meine die Aussage ernst, denn wir teilen uns Aufgaben, die für die Bewirtschaftung eines solchen Standorts notwendig sind, wie Verpflegung oder gemeinschaftliche Einrichtungen zum Beispiel für den Sport. Aber bei der Ausbildung haben wir so wenig Überschneidungen, dass wir nicht einmal Koordinierungsbedarf haben.

-Herr Jahnel, Sie saßen bei den Zuhörern, als Herr Emmerich über die Symbiose sprach und sich persönlich bei Ihnen bedankt hat. So etwas hört man gerne, oder?

Jahnel: Ja, wir verstehen uns wirklich gut, wir fahren am Wochenende sogar oft im Zug in unsere Heimat nach Nordrhein-Westfalen. Hier vor Ort gibt es verschiedene gemeinsame Projekte, zum Beispiel die Kantine oder das gemeinsame Casino.

Emmerich: Wir leihen uns auch untereinander Material, das läuft oft auf dem kurzen Dienstweg und bekommen wir Kommandeure gar nicht mit, das machen die Ausbildungsleiter untereinander. Vergangenes Jahr beispielsweise haben wir die Luftlandeschule mit Schießlehrern unterstützt, weil das ja unser tägliches Brot ist. Darum das Wort Symbiose – es ist tatsächlich besser, als alleine am Standort zu sein.

-Für manche Soldaten der LL/LTS war es aber vermutlich ungewöhnlich, nach 60 Jahren den Standort plötzlich teilen zu müssen.

Jahnel: Der schwierige Schritt für uns war, dass wir die Führerausbildung nach Hammelburg abgeben mussten. Damit war klar, dass die Anzahl der Soldaten an der LL/LTS geringer werden wird. Weil aber jeder Standort eine gewisse Mindestgrenze an Personal haben muss, um wirtschaftlich arbeiten zu können, war ich persönlich sehr froh, dass das Ausbildungsbataillon gekommen ist. Denn ohne wären wir unter die magische 1000-Mann-Grenze gefallen.

-Wie viele Soldaten und Mitarbeiter haben beide Bereiche?

Jahnel: Wir haben hier 260 Soldaten und knapp 60 zivile Mitarbeiter. Während die Anzahl der Soldaten weitgehend gleichbleibt, werden die zivilen Mitarbeiter auf 21 reduziert. Während des Lehrgangsbetriebs sind natürlich immer wieder bis zu 500 Soldaten vor Ort. Diese Lehrgänge dauern unterschiedlich lang, manche nur eine Woche, manche sechs Wochen. Doch auch dafür reichen unsere Unterkunftskapazitäten aus, selbst mit den neuen Unterbringungsstandards, die kommen werden. Da gibt es dann nur noch Einzelzimmer mit Nasszelle, oder maximal zwei Soldaten pro Zimmer.

Emmerich: Bei uns ist das anders. Wir möchten, dass unsere Lehrgangsteilnehmer auf Stuben von zwei bis vier Mann untergebracht sind, damit die vielen Berufseinsteiger, die wir haben, lernen, wie es so ist, wenn man in einer Gemeinschaft leben muss. Das ist die einzige Möglichkeit, denn alles andere wird auf diesen Hotelzimmer-Standard umgebaut. Aber ich halte es für wichtig. Denn wenn man während eines Einsatzes längere Zeit in einem kleinen Container mit anderen Kameraden leben muss, sollte man das schon einmal erlebt haben und wissen, wie man darauf reagiert. Außerdem haben wir auch erfahrene Soldaten, die die Laufbahn wechseln, und dann ist es hilfreich, in jeder Stube einen zu haben, der sich auskennt. Wir reden ja hier über Berufsanfänger, denen man durchaus beibringen muss, wie man die Stiefel fürs Gelände richtig anzieht. Insgesamt wird das Bataillon dann eine Stärke von über 650 Soldaten hier in Altenstadt haben.

-Herr Emmerich, Sie machen ja gerne Werbung hier für die schönste Region Deutschlands – wie kommt das bei den Lehrgangsteilnehmern an?

Emmerich: Unterschiedlich. Für Ältere und Sportbegeisterte mag das zutreffen, aber andere sind wegen der Abgelegenheit des Standorts nicht unbedingt begeistert. Die wären vielleicht lieber in Celle. Aber wir haben durchaus auch Menschen, die kommen von der Nordseeküste, weil sie mal was anderes sehen wollen.

-Wenn wir von Umbauten sprechen: Wird hier jahrelang Baustelle sein?

Jahnel: Das wird Stück für Stück passieren. Alles auf einmal geht nicht, wir brauchen ja die Unterkünfte. Es gibt bereits einen Infrastrukturplan, wir werden mit dem Gebäude zwei nahe der Wache beginnen und die modernen Unterbringungsstandards umsetzen. Man muss aber auch sagen: Wir sind mit der jetzigen Unterbringung 60 Jahre gut gefahren, ich habe in Altenstadt auch diverse Springerlehrgänge absolviert. Das, was Oberstleutnant Emmerich sagt, ist nicht von der Hand zu weisen. Dass es nützlich sein kann, sich abends auf der Stube noch einmal unterhalten und den Tag rekapitulieren zu können. Aber man will attraktiv bleiben, und bei den jungen Leuten heute hat sich da einiges verändert. Deshalb wird das gemacht, und dafür ist dann auch Geld da. Das ist schon erstaunlich.

Emmerich: Zur Attraktivität muss man auch erwähnen, dass wir in allen Unterkünften kostenloses WLAN zur Verfügung haben. Da sind wir die einzige Liegenschaft bei der Bundeswehr.

Jahnel: Wobei es auch da lebhafte Diskussionen gab, ob man das kostenlose Internet auch auf den Bereich des Casinos ausweiten soll. Manche meinten, es mache keinen Sinn, wenn dort alle in ihr Smartphone starren. Aber auch da ändert sich die Welt: Junge Soldaten sind durchaus bereit, für die kostenlose Internet-Nutzung in einen öffentlichen Aufenthaltsraum zu gehen, wo es auch Essen und Trinken gibt. Wir haben uns dann aber für die Unterkünfte entschieden, auch weil das Casino derzeit umgebaut wird und mir der Spatz in der Hand lieber war als die Taube auf dem Dach.

Emmerich: Außerdem konnten wir die Arbeitsgemeinschaft katholischer Soldaten gewinnen, die 15 000 Euro in einen Betreuungsbereich investiert hat. Da gibt es Dart, einen Billardtisch, eine Playstation, einen großen Flachbildschirm, die stellen Filme zur Verfügung, auch Konzert- und Kinokarten können mit 50 Prozent bezuschusst werden. Es ist also viel gemacht worden, um die Abgelegenheit des Standorts auszugleichen, und das Angebot wird auch gut genutzt.

Jahnel: Das kann ich bestätigen. Es ist eine gute Möglichkeit, die Freizeit auch im Bereich des Kasernengeländes zu verbringen. Dazu kommen die Sportmöglichkeiten: Die Halle ist komplett erneuert worden, wir haben dort Spinning-Geräte und Laufbänder. Das ist vor allem im Winter wichtig, wenn wir bei vielem Schnee nicht nach draußen können. Außerdem haben wir einen Kraftraum und eine Sauna. Das alles ist wichtig, denn wie Oberstleutnant Emmerich schon gesagt hat, gibt es nicht so viele Möglichkeiten, in der Umgebung wegzugehen. Es sind dann immer die gleichen Lokale, in denen man die selben Leute trifft, Das mag manch einer mögen, andere aber nicht. Auch das nächste größere Kino, abgesehen vom Lagerhaus als Programmkino, ist weit weg in Penzing. Wobei man sagen muss: Viele sind ohnehin so beschäftigt, dass sie gar nicht zu viel Freizeitbeschäftigung kommen.

Emmerich: Das gilt noch mehr für die Berufsanfänger, die zu uns in die Ausbildung kommen. Es ist schon sehr begrenzt, dass da jemand nachts um 2 Uhr noch einmal Tatendrang verspürt und nach Gelegenheiten sucht, etwas zu unternehmen.

-Einen Zapfenstreich gibt es aber nicht?

Jahnel: Nein, wir sind ja quasi im Bereich der Erwachsenenbildung tätig.

Emmerich: Die Soldaten müssen eben morgens nüchtern und dienstbereit antreten können.

-Kommt es vor, dass manche nicht ganz nüchtern sind?

Jahnel: Da haben sich die Zeiten auch geändert. Ich bin seit 32 Jahren bei der Bundeswehr, wenn ich da früher an die Kutsche in Altenstadt denke: Da sind Dinge passiert, über die ich jetzt lieber nicht reden will. Da läuft das heutzutage viel kultivierter und zivilisierter ab.

-Von den Menschen zum Material: Herr Jahnel, Sie werden die Transall wegen der Probleme mit dem neuen Airbus A400m noch länger nutzen dürfen. Freuen Sie sich darüber, oder ist die Alternative mit der in Altenstadt stationierten Antonov sowieso besser?

Jahnel: Die Zahl der Transalls ist schon auf rund 50 abgebaut worden und soll letztendlich auf 20 reduziert werden. Quasi als Reserve für den taktischen Lufttransport. Es ist also für uns jetzt schon schwer geworden, Flugzeuge für die Fallschirmsprünge zu bekommen. Wir haben derzeit zwei zivile Flugzeuge hier, die SC7 Skyvan und eine Cessna, die meine Freifaller und die Sportfördergruppe nutzen. Ab dem vierten Quartal kommt eine Antonov 28 dazu. Zwei Maschinen diesen Typs werden der Bundeswehr zur Verfügung gestellt, um die automatische Fallschirmsprung-Ausbildung zu unterstützen. Eine wird in Altenstadt vor Ort sein, wenn wir sie brauchen.

-Zwei Flugzeuge für die Bundeswehr, und eines fast ausschließlich für Altenstadt?

Jahnel: Ja, mit Priorität für Altenstadt. Damit sind wir nicht mehr allein abhängig von der Transall und können deutlich effektiver und schneller werden. Denn in das Flugzeug passen 16 Fallschirmspringer rein, wir haben extrem kurze Lande- und Startintervalle. Außerdem fällt die langwierige Anfahrt nach Penzing weg, wo man letztlich auch nie wusste, ob die Transall einsatzbereit ist.

-Müssen Sie für die neue Maschine hier etwas umorganisieren?

Jahnel: Wir haben alles da, es wird nur ein zusätzliches Flugzeug vor Ort sein. Auch die Zahl der Luftbewegungen wird nicht sonderlich steigen, auch wenn die Transall natürlich mehr Fallschirmspringer aufnehmen kann.

-Herr Emmerich, Sie mussten eine Kompanie noch nach Füssen auslagern. Wann kommt die nach Altenstadt?

Emmerich: Sie wird planmäßig im Juni nächsten Jahres umziehen, wenn die nötigen Umbauten am Standort Altenstadt fertig sind. Das sind noch einmal 300 Soldaten.

-Ist der Standort dann so groß wie noch nie?

Jahnel: Nein. In den 90er Jahren hatte der Standort noch 1450 Soldaten. Da gab es noch acht Inspektionen hier und die Wehrpflicht, das ist der entscheidende Punkt. Damals hatte die Bundeswehr insgesamt 485 000 Mann, dazu noch die Streitkräfte der NVA aus der ehemaligen DDR, die integriert werden mussten. Heute sind es rund 185 000 Soldaten, das ist nur noch ein Drittel. Außerdem ist alles umstrukturiert worden, man kann die damalige mit der heutigen Bundeswehr nicht mehr vergleichen.

-Wie viele Soldaten werden es mit der zusätzlichen Kompanie sein?

Emmerich: Zwischen 1100 und 1200. Der Standort ist dann zu 100 Prozent voll, was auch ein Stück Zukunftssicherung ist. Denn dann hat man keine verlorenen Kapazitäten.

-Und Sie, Herr Jahnel, sind vermutlich froh, wenn nach der erfolgten Umgliederung der Luftlandeschule zum Ausbildungsstützpunkt Luftlande/Lufttransport endlich Ruhe einkehrt.

Jahnel: Gute Frage. Ich glaube, es wird immer weitergehen, es ist noch nicht alles fertiggedacht. Weil künftig alle Offiziere eine Einzelkämpfer-Ausbildung absolvieren sollen, was ich wegen der eher theoretischen Offiziersausbildung für sehr vernünftig halte, denkt man derzeit beispielsweise über die Aufstellung einer zweiten Einzelkämpferausbildungs-Inspektion nach. Und die hätte in Hammelburg keinen Platz. Wir dagegen haben den Sauwald bei Prem. Ich könnte mir vorstellen, dass wir bei dem Thema noch einmal ins Geschäft kommen. Das hätte den Charme, dass in Hammelburg nicht neu gebaut werden müsste und wir die Ausbildungseinrichtungen in Altenstadt nutzen können, die vorhanden sind.

-Glauben Sie wirklich, dass das noch einmal gedreht wird? Schließlich ist die Ausbildung erst vor einem Jahr von Altenstadt nach Hammelburg verlegt worden.

Jahnel: Wir haben das schon häufiger erlebt. Außerdem gehören wir ja dem Ausbildungszentrum Infanterie in Hammelburg an. Es wäre also eine Veränderung im eigenen Haus.

-Zwei verschiedene Einheiten in einer Kaserne: Gibt es eigentlich einen Chef? Weil Herr Jahnel als Oberst den höheren Dienstgrad hat?

Emmerich: Der Chef ist der Standortälteste, also derzeit der Kommandeur der Luftlandeschule. Das gilt für den sogenannten Territorialstrang, wenn es um Hilfeleistungen wie Überschwemmungen geht.

Jahnel: Aber grundsätzlich bin ich Oberstleutnant Emmerich gegenüber nicht weisungsbefugt. Außerdem bin ich hier schon fast Geschichte.

-Wann werden Sie versetzt?

Jahnel: Ich werde am 1. Oktober in Celle anfangen. Dort soll ich ein neues Ausbildungs- und Übungszentrum aufstellen.

-Das war eigentlich anders geplant.

Jahnel: Ja, die Versetzung kam viel früher als gedacht. Eigentlich sollte ich bis Ende 2016 hier bleiben. Aber natürlich muss ich mich dieser neuen Aufgabe stellen.

-Ist schon ein Nachfolger bekannt?

Jahnel: Das wird Oberstleutnant Christian Schoebel, mein derzeitiger Stellvertreter. Er wird Kommandeur des neuen Ausbildungsstützpunkts.

Emmerich: Wenn wir beim Thema sind: Mein Nachfolger wird bereits am 23. Juli Oberstleutnant Pietzsch, derzeit noch in der Panzerbrigade 12 in Amberg.

Boris Forstner

Auch interessant

Kommentare