Die Domsingknaben aus Augsburg haben dem Wieskonzert Gesicht und Jubel verliehen.

Knabenstimmen bringen Wieskirche zum Schweben

Wies - Zum Jubiläumsauftakt hat man sich für eine noble Geste entschieden. So überlässt Christian Fröhlich, Künstlerischer Leiter der Konzertreihe „Musik im Pfaffenwinkel“, den Gästen den Vortritt.

Das Eröffnungskonzert der heuer in ihr 25jähriges Jubiläum gehenden erfolgreichen Konzertreihe war denn auch prominent ausgestattet. Die inzwischen mit großer Kontinuität international gefeierten Augsburger Domsingknaben unter Leitung von Domkapellmeister Reinhard Kammler waren quasi vom Westen her angereist, aus dem Osten Deutschlands durfte man sich auf Mitglieder des Leipziger Gewandhausorchesters, das Posaunenquartett „Opus 4“, freuen.

Als künstlerisch verlässliche „Heimat“-Konstante ergänzte der virtuose Wiesorganist Anton Guggemos das Programm, der in diesem Jahr die Jubiläumszahl mit seinem 40-jährigen Dienstjubiläum sogar noch ein bisschen übertrumpfen kann.

Eine Konzertreise durch Renaissance, Barock, Romantik und Moderne versprach das Programm. „Besinnlich und nachhaltig“ wünschte sie sich auch Wiesprälat Gottfried Fellner, der in seiner unumwundenen Klarheit darauf baute, „dass die Zuschauer etwas erahnen können von der tiefen Gläubigkeit der Komponisten“. Er sollte, genauso wie die zahlreichen Zuhörer, nicht enttäuscht werden. Die vier Musikepochen wurden in einer recht bunten Mixtur durcheinander gewürfelt, etwas mehr Struktur wäre für den Hörer wohl hilfreich gewesen.

Auf der Orgelempore entschied sich das Opus 4 mit Anton Guggemos für ein zartes Intro des bejubelten Lasso-Schülers Gabrieli, beeindruckte durch viel dynamische Bandbreite, ließ das Finale der Marini-Canzona gewaltig durch die Wies brausen, auch wenn die hallige Akustik der Wies die Transparenz erschwert, die Intonationsabstimmung zwischen Orgel und Posaunen eine Herausforderung für sich bedeutete.

Geschlossen mit satter, großer Bruckner-Wolke im Altarraum stehend, erlebte man hingegen den klanglichen Unterschied zwischen den eng mensurierten, milden Barockposaunen und den modernen Zugposaunen quasi Gänsehaut-nah. Wie aus einer pastellfarbenen Spieluhr perlte das Orgelsolo zum Lob der Gottesmutter Maria von Franz Liszt durchs Kirchenschiff, bevor sich im Choral sein romantisches Gewand entfaltete.

Mit Boëlys Orgel-Bravourstück „Fantasie und Fuge“ griff Anton Guggemos hingegen „in die Vollen“. Sich selbst dabei fast rechts überholend, goss er dabei ein Füllhorn an Lebensfreude in die Wies. Mit schwebender Leichtigkeit hallte es „Halleluja“ aus jedem Winkel der Wies. Offenbar kannte bereits Giovanni Gabrieli die Vorzüge des Surround-Systems.

Zwölfstimmig, in drei Chören aufgeteilt, beschenken die Augsburger Domsingknaben ihr Publikum im „Plaudite omnis terra“ mit anspruchsvollster Chorliteratur und schlicht himmlischem Herzensklang. Bereits im Alter von acht Jahren wird der begabte Nachwuchs in Augsburg aufgenommen, musikalisch in besonderer Weise geprägt.

Stolz sind sie, und Lausbuben bleiben sie trotzdem. Wie eine weiche Welle raunt die Seligkeit in Mendelssohns „Wer bis an das Ende beharrt“ durchs Weltkulturerbe. Nicht eruptive Momente, sondern ein warmes, weiches, beständiges Fließen zeichnet den Chorklang aus.

Domkapellmeister Reinhard leicht federnd, unaufdringlich souverän und angenehm zurückhaltend im Gestus, zaubert den Farbwechsel im Klang der Bach-Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ nachgerade locker aus dem Handgelenk. Rund und geschmeidig verdichten auch die jungen Männerstimmen das homogene Bild. Nein, dressiert wirken diese Domsingknaben mitnichten - aber gut erzogen schon. Ob Soli oder Tutti, so fein und filigran wird musiziert, man könnte süchtig werden. Auch in den leuchtenden Augen des Publikums spiegelt sich dieser Konzertgenuss wider.

fle

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