Schongauer Brieftaubenverein Kominek Seemüller Deppe
+
Drei Säulen des Schongauer Brieftaubenvereins: Bernhard Kominek, Martin Seemüller und Rolf Deppe (v. links) vor dem Trainingsanhänger des Vereins.

»Hobby Brieftaube«

Brieftaubenverein Schongau: Eine kleine eingeschworene Gemeinschaft

  • VonHans-Helmut Herold
    schließen
  • Astrid Neumann
    Astrid Neumann
    schließen

Schongau – Was in der heutigen Zeit als Nachricht schnell, locker und problemlos per E-Mail oder per SMS von Absender zu Empfänger jagt, wurde in früherer Zeit durch einen Boten der Lüfte zu dem Bestimmungsort gebracht. Über weite Strecken haben damals Brieftauben diesen wichtigen Nachrichtendienst übernommen. Moderne Technik hat sie abgelöst, die Faszination Brieftaube ist geblieben. Ein Besuch beim Brieftaubenverein Schongau. 

Es herrscht ein geschäftiges Treiben an diesem Dienstagnachmittag an der Einsatzstelle der Brieftaubenzüchter in der Dießener Straße. Wenige Stunden vorher wurde per Rundruf bekannt gegeben, dass für Mittwoch ein Wertungsflug der Brieftauben geplant ist. Die Wettervoraussetzungen sind als geeignet eingestuft worden. Als Auflassort für die Tauben wurde Weil am Rhein ausgelost. Eine Strecke von zirka 280 Kilometern müssen also die Tiere bei ihrem geplanten Flug zurücklegen.

Die Züchter vor Ort in Schongau kennen sich. Eine kleine eingeschworene Mannschaft. Männer, die seit Kindesjahren sich mit dem „Hobby Brieftauben“ beschäftigen. Besser gesagt mit dieser Leidenschaft infiziert sind. So wie Bernhard Kominek (58), der seit seinem neunten Lebensjahr den Tauben verfallen ist. Damals, als er noch im Ruhrpott lebte, hatten all seine Nachbarn Brieftauben. „Das gehörte einfach zu unserem Leben“, erzählt er heute vor Ort. Als er den Wohnsitz wechselte und hier im Süden landete, hat er natürlich seine Leidenschaft mitgenommen. Und fand bei den Schongauern sofort Anschluss. Mit Martin Seemüller, der darüber hinaus im Penz­berger Verein Vorstand ist, bildet Kominek ein Team. Seemüller selbst steht an diesem Tag in der Verantwortung, alle Daten in einem Sammelcomputer zu speichern. Damit am Ende des Wettbewerbsfluges alles auf die Sekunde stimmt. Schummeln unmöglich.

Zu dem bevorstehenden Wettbewerbsflug haben die beiden ihre Tauben in hölzernen Transportkäfigen angekarrt. Genauso wie Alfred Sinn (79) aus Schwabsoien, der seit 1965 Mitglied in dem Verein ist. „Seit der Zeit bin ich auch Kassier“, setzt er gleich hinzu. Wie Sinn erzählt, hat er schon als kleiner Bub zuhause auf dem Hof Tauben gehabt. Reisetauben haben ihn das ganze Leben begleitet. Dabei gesteht er, während er eines seiner Tiere aus dem Käfig holt, dass er durch seine langjährige Erfahrung vor einem Wettbewerb nicht mehr aufgeregt sei. Das war in jungen Jahren. „Aber wenn alle wieder zurückkommen, sind wir schon heilfroh“, gibt er schmunzelnd zu. Setzt dazu aus langjähriger Erfahrung nach, dass „der Wanderfalke der größte Feind der Tauben“ sei.

Zur gleichen Zeit hat Walter Mesch sprichwörtlich alle Hände voll zu tun. Der Weilheimer ist an diesem Tag Einsatzstellen-Leiter. Durch seine Hände laufen an diesem Tag alle der 178 Tauben. Mesch nimmt sie einzeln von dem jeweiligen Züchter entgegen und führt sie über eine tellerförmige Metallschale. „Dabei wird der Chip, den die Taube am Fuß hat, in das tragbare ‚Tauben-Reise-Information-System‘ des Züchters eingescannt und registriert“, erklärt Mesch.

„Das war nicht immer so“, erzählt der Peitinger Rolf Deppe (79) in einer kleinen Nebenkammer, wo die alten Stoppuhren aufbewahrt sind. Deppe ist ebenfalls seit den Anfangsjahren Mitglied in diesem Verein. Hat an unzähligen Wettbewerben teilgenommen. Erinnert sich also an die Tage, als man den Tauben mit einer Spezialzange noch kleine Ringe mit Kennziffern um den Fuß klemmte. Nichts wurde digital registriert, alles per Hand notiert und eingetragen. Denn nach jedem Flug musste eine Preisflugliste erstellt werden, die auch an den Deutschen Brieftauben Züchter Verband geschickt wurde. Damals per Post, heute digital. Deppe hat ebenfalls schon in sehr jungen Jahren die „Faszination Brieftaube“ entdeckt, damals in Hannover. Hat natürlich seine Leidenschaft mit nach Bayern genommen. Gute eineinhalb Stunden verbringt er jeden Tag im Taubenhaus bei seinen Tieren.

Wie von dem alten Hasen zu erfahren ist, ist die Brieftaube eine Taubenrasse, die sich durch ihre besondere Orientierung und ihr ausgeprägtes Heimfindevermögen auszeichnet. Mit ihr war es möglich, noch vor der Erfindung der Telegrafie Nachrichten zu versenden. „Wenn‘s schnell gehen musste, wurden in Großstädten mit viel Verkehr sogar Blutproben mit Brieftauben versendet“, erzählt Rolf Deppe. Auch von Spionen hinter den Fronten konnten so Nachrichten über die Feindlage zur eigenen Einheit übermittelt werden. Selbst Sportfans von Großveranstaltungen profitierten von den Brieftauben. So hatten Reporter in den Stadien ihre Tauben in kleinen Käfigen mit dabei, um bei Spielende Berichte und auch Filmmaterial in die Redaktionen zu schicken.

Diese Zeiten gehören der Vergangenheit an, nicht so die Leidenschaft der Züchter. Und natürlich auch der „Schlachtruf“ aller, die ihre Tauben mit einem „Gut Flug“ auf die Reise schicken. An diesem Abend mit dem Kabinenexpress, der noch weitere Einsatzstellen abklappern wird. Mauerstetten, Landsberg, Bad Wörishofen und Memmingen. Dann geht‘s ab zum Auflass­ort nach Weil am Rhein.

Problematik in der Stadt

In Schongaus Altstadt hingegen sorgen Tauben teils für Verärgerung. Viele Menschen halten sich nicht an das seit 2019 bestehende Taubenfütterungsverbot. Vertreter des Tierheims, Tierschutzes und der Stadt Schongau bilden nun eine Kooperation, um sich gemeinsam der Tiere anzunehmen. Ziel dieser Kooperation soll ein Taubenhaus sein.

Dabei steckt der Mensch selbst hinter den teilweise überhand nehmenden Populationen in den Städten: Stadttauben sind oft ehemalige Brief-, Haus- und Hochzeitstauben oder deren Nachkommen. Sie brüten aufgrund des angezüchteten Brutzwangs bis zu sieben Mal im Jahr. Zudem sind sie enorm standorttreu.

Quelle: Kreisbote

Auch interessant

Kommentare