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Der Papiermangel und seine Gründe

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UPM Ettringen
Diese Papiermaschine der Firma UPM ist seit 1995 in Ettringen in Betrieb. Ihr Name P5 ist historisch, da es üblich ist, die Papiermaschinen an einem Standort fortlaufend zu nummerieren. Seit 1897 ist die P5 die fünfte Papiermaschine am Standort Ettringen. © UPM

Schongau – Verlage und Druckereien schlagen seit Monaten Alarm: Das Papier für den Lesestoff im Print-Bereich ist zu knapp und zu teuer. Verlage klagen, weil Bücher nicht gedruckt werden können, Zeitungen müssen Seiten sparen, Firmen können keine Werbeprospekte drucken. Auch Kreisbote und Lechkurier erscheinen derzeit nur in reduziertem Umfang (wir berichteten). Doch woher kommt die Knappheit? Sie hat mehrere Gründe.

Spätestens seit den coronabedingten Hamsterkäufen bekam auch der Otto-Normal-Verbraucher am eigenen Leib zu spüren, was Papierknappheit im schlimmsten Fall bedeuten kann: Das ungehinderte Verrichten einer Notdurft ist in Gefahr. Nun sind Notdürfte nicht zwingend mit Toilettenpapier in Verbindung zu bringen, denn laut Duden ist eine Notdurft auch etwas „zum Leben Unentbehrliches“. Für alle Leseratten sind Bücher und Zeitungen mindestens so wichtig wie Klopapier, genau wie kein Illustrator auf ein leeres Blatt Papier verzichten möchte, um seinem Beruf nachzugehen. Doch genau dieses Medium, ohne das unsere Gesellschaft seit der Erfindung des Buchdruckes nicht das wäre, was sie heute ist, ist in Gefahr. Die Papierpreise sind explodiert.

Klassisches Zeitungspapier wird bis zu 100 Prozent aus Altpapier hergestellt, doch dieses wird immer knapper. Und nach den Gesetzen des Marktes werden Güter, die knapp sind, teurer.

Einer kürzlich veröffentlichten Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes zufolge haben sich die Preise für gemischtes Altpapier im September 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat mehr als verdreifacht. Dies sei auch auf Lieferkettenengpässe und die Folgen der Corona­krise zurückzuführen. Gerade für die Produktion von klassischem Zeitungspapier ist Altpapier unabdingbar. Doch gerade dieses ist Mangelware, was daran liegt, dass aufgrund der Digitalisierung weniger gedruckt wird. Für den sogenannten grafischen Sektor wurden 2010 in Deutschland noch 6,62 Millionen Tonnen Papier hergestellt, im Jahr 2019 nur noch 5,07 Millionen mit fallender Tendenz.

Corona bzw. die Lockdowns agierten wie eine Art Zeitraffer und haben die Entwicklung, die Experten der Digitalisierung zuschreiben, künstlich beschleunigt: Weniger Einkäufe im lokalen Handel, mehr Ware im Internet bestellt. Nach Ausbruch der Pandemie wurden zudem kaum Veranstaltungsflyer oder Werbematerialien benötigt, weshalb die Produktion im grafischen Sektor nochmals zurückging. Der Internethandel boomte und damit auch die Verpackungsindustrie. Die Papierherstellung im Jahr 2020 ging auf 4,49 Millionen Tonnen zurück.

Viele Papierhersteller fuhren die Produktion von Zeitungsdruckpapier zurück, haben ihre Produktion verlagert und widmen sich nun verstärkt der Herstellung von Verpackungspapieren und -pappen. In den letzten zehn Jahren ging die Papierproduktion um 42,6 Prozent zurück. Doch genau dieses Papier fehlt nun in Form von Altpapier für die Wiederverwertung und somit für die Herstellung von Zeitungspapier. Die Knappheit hat vornehmlich zwei Gründe: den Mangel an Altpapier und die Produktionsverlagerungen der Papierhersteller.

Wer zahlt, bestimmt

Der Kreisbote hat sich mit dem Werksleiter des Papierherstellers UPM, Wolfgang Ohnesorg, unterhalten, der für die Werke in Schongau und Ettringen zuständig ist. Er sieht mehrere Ursachen für die Papierknappheit. Einerseits sei vieles in den digitalen Bereich abgewandert. Unter Zeitungslesern finde ein Generationenwechsel statt: Immer mehr Menschen lesen digital und die Auflage von gedruckten Zeitungen geht kontinuierlich zurück. Corona, so Ohnesorg, habe den Rückgang im grafischen Sektor verstärkt und den Online-Handel zusätzlich angetrieben. Dort wuchs als Konsequenz die Nachfrage nach Verpackungsmaterial, für dessen Herstellung Altpapier auch ein wichtiger Rohstoff ist. Und der Versandhandel geht bei den Preissteigerungen mit – im Gegensatz zu vielen Verlagen. „Sie würden auch dem die Ware zusagen, der mehr zahlt“, resümierte Ohnesorg über die Entwicklung am Papiermarkt.

Es bleibt jedoch die Frage, ob nicht – wie bei den Energiepreisen – die Teuerung am Ende vom Verbraucher bezahlt wird, der diese Entwicklung durch sein Konsumverhalten maßgeblich vorantreibt. Irgendwo wird sich der Kreis schließen.

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