1. Startseite
  2. Lokales
  3. Schongau
  4. Kreisbote

Seit einem halben Jahr Kreisheimatpfleger: Jürgen Erhard im Gespräch

Erstellt:

Von: Rasso Schorer

Kommentare

Kreisheimatpfleger Jürgen Erhard Bestellung Landrätin Jochner-Weiß
Kreisheimatpfleger Jürgen Erhard bei seiner Bestellung mit Landrätin Andrea Jochner-Weiß. Gut ein halbes Jahr ist das nun her. © Landratsamt

Schongau – Seit 1. Mai und damit gut einem halben Jahr ist Jürgen Erhard nun Kreisheimatpfleger für die Bereiche Denkmalschutz und Baukultur. Zeit für ein Zwischenfazit mit dem 37-jährigen Schongauer, Master in Vermittlungswissenschaften, Geschichtsdidaktik und politischer Bildung und Dr. des., über seine Anfänge, seine Aufgaben und seine Ziele. 

Ein halbes Jahr als Kreisheimatpfleger – ist es so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Erhard: „Nein, ist es nicht. Ich habe mich zuvor natürlich schlau gemacht, die letzten Monate haben aber gezeigt, dass viel dahinter steckt, das eher im Hintergrund läuft – zum Beispiel über die vielen Verflechtungen mit dem Landesamt für Denkmalpflege und der unteren Denkmalschutzbehörde. Das macht es interessanter, als ich eh schon angenommen hatte; ich bin positiv überrascht. Und ich wurde von allen sehr nett aufgenommen.“

Wie viel Zeit wenden Sie für die Tätigkeit des Kreisheimatpflegers auf? Schließlich ist es ein ehrenamtlicher Posten, vergütet wird er monatlich mit 292 Euro Aufwandsentschädigung.

Erhard: „Das Geld ist eine Form der Anerkennung, meine Hauptmotivation ist aber meine Leidenschaft für die Themen, die die Tätigkeit mit sich bringt. Zum einen sind da ungefähr einmal im Monat Tagesfahrten von jeweils rund zehn Stunden, bei denen es entweder um die Inventarisierung oder ganz konkrete Umbau- oder Restaurationsarbeiten geht. Im Büro, Zuhause und bei Ortsterminen bin ich jeden Wochentag zwei bis drei Stunden beschäftigt.“

Wie sieht so ein üblicher Arbeitstag als Kreisheimatpflegers aus?

Erhard: „Los geht es wie in wahrscheinlich vielen Büros: Zunächst einmal mit dem Blick ins Postfach, was dort aufgelaufen ist. Da dreht sich vieles um Bauleitplanung und Stellungnahmen sowie den Kontakt mit der unteren Denkmalschutzbehörde, mit deren Räumlichkeiten sich mein Büro ja in der Münzstraße 33 befindet. Als Kreisheimatpfleger geht es aber auch darum, sich seine Projekte aktiv zu suchen. Das Beste ist es natürlich, wenn ich auf ein Thema gestoßen werde oder es mir über den Weg läuft. Vieles ergibt sich draußen.“

Wurde das während Ihrer Anfangsphase durch Corona erschwert?

Erhard: „Ja, als ich Anfang Mai angefangen habe, fielen die Tagesfahrten noch ganz aus. Danach musste jeder von uns vieren im eigenen Auto anreisen. Das ist jetzt nicht mehr der Fall, doch ist in dieser Zeit schon einiges liegen geblieben. Und für mich brachte das ein anfängliches Warten, bis ich meine Erfahrungen sammeln konnte. Als Neuer in meinem Amt finde ich es wichtig, Veranstaltungen zu besuchen, auch mal zufällig Kontakte zu knüpfen und so eine Basis zu schaffen, die die Kommunikation erleichtert. Das hat gefehlt und deshalb bin ich noch dabei, die Gemeinden anzufahren. Pläne gibt es überall, ein Austausch dazu, ein ‚Was steht an?‘ erleichtert vieles.“

Stichwort ‚Was steht an?‘: Welche Aufgaben haben Sie als ihre aktuell wichtigsten ausgemacht, welche Themen beschäftigen Sie wiederkehrend?

Erhard: „Auffällig war von Anfang an, dass Friedhöfe ein größeres Thema sind. Das ist auch klar, denn zunächst einmal sind das Orte, die die Geschichte eines Ortes dokumentieren und die für jeden eine Bedeutung haben. Immer wenn zum Beispiel auf dem denkmalgeschützten Stadtfriedhof ein Grab aufgelassen wird, schaue ich, ob es historisch bedeutsam ist und gebe eine Stellungnahme ab; zum Beispiel, weil der oder die Bestattete eine historisch bedeutsame Person ist oder der Grabstein künstlerisch spannend ist – davon gibt es im Bestand mehr als man meint. Mein Ziel ist es nun, die Gräber nicht erst beim Auflassen und einzeln zu sichten, sondern eine umfassende Übersicht zu erstellen, die dann bei Bedarf herangezogen wird. Außerdem erleben wir einen Wandel der Bestattungskultur, der sich sichtbar auf die Friedhöfe auswirkt – auch dafür sollte es ein Konzept geben. Überhaupt handelt es sich bei vielen meiner Aufgaben zwar um unterschiedliche Projekte, aber um wiederkehrende Fragen. Das will ich ein Stück weit vereinheitlichen, um Aufwand zu sparen.“

Warum ist das wichtig?

Erhard: „Aktuell wird noch viel über Einzelfälle diskutiert. Das ein Stück weit zu vereinheitlichen, verschlankt meinen Aufwand und schafft eine nachlesbare Sicherheit für alle – und wenn es sich nur um die Frage nach der Farbe einer Hausfassade dreht. Es kann zum Beispiel auch hilfreich sein, Kommunen auf die Vorteile einer Erhaltungssatzung aufmerksam zu machen, in der steht, dass ein bäuerlicher Dorfcharakter erhalten bleiben soll. Es geht da nicht um ein Einmischen, sondern um ein Aufzeigen von Möglichkeiten. Auch wenn das Thema für Außenstehende etwas trocken wirken mag.“

Wann geht es denn als Kreisheimatpfleger weniger trocken zu?

Erhard: „Man trifft viele Leute und kommt an viele unterschiedliche Flecken, die man sonst nicht sehen würde – alte Sägereien, verwinkelte Höfe, Kirchendachstühle oder barocke Bauernhöfe, die weit außerhalb gelegen sind. Die Ortstermine sind extrem spannend, wenn alles real und lebendig wird – die alte Hammerschmiede in Schwab­soien, die leider noch nicht unter Denkmalschutz steht, oder die Schongauer Stadtmauer, die eine echte Perle ist. Es ist toll, dass sich ihr jetzt mehr gewidmet wird und das Thema Mittelalter drängt sich in Schongau ja geradezu auf.“

Auch interessant

Kommentare