Ein Leben für den Herrgott und die Historie

Rottenbuch - Heuer wäre Jakob Mois 100 Jahre alt geworden - Weggefährten erinnern sich an den Geistlichen und Geschichtsschreiber.

Würde Jakob Mois heute noch leben, so darf man vermuten, dass er die Ausstellung zu seinem 100. Geburtstag im Rottenbucher Rathaus (9. bis 23. September) tunlichst meiden würde. "Es war mir noch nie etwas an Titeln und Ehrungen gelegen", schrieb er am 24. Oktober 1975 an Dr. Karl Braun, den späteren Erzbischof von Bamberg. Ein Vierteljahr zuvor hatte Papst Paul VI. Mois den Titel "Monsignore" verliehen. Wie er seinem Freund mitteilte, trug Mois schwer daran: "Deshalb ist es mein Wunsch, dass der Titel Monsignore, der weder zu meinem Lebensstil noch zu meiner Geistesrichtung passt, baldmöglichst wieder in Vergessenheit gerät!" Man darf vermuten, dass ihm der Dr. h.c. in Theologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Titel eines Rottenbucher Ehrenbürgers nicht weniger unangenehm waren. Vornehme Zurückhaltung zeichnete ihn aus. Gerade in der Stille des Studierzimmers leistete er Herausragendes.

Der Historiker

"Rottenbuch war Ausgangspunkt und Mittelpunkt seines wissenschaftlichen Arbeitens", sagt Prof. Hans Pörnbacher. Der renommierte Germanist betont aber, dass Mois' Horizont nie auf sein Heimatdorf beschränkt gewesen sei. Aus seiner Feder stammen wichtige Untersuchungen über die Barockbaumeister Asam, Arbeiten zu Rokokomaler Matthäus Günther, zu Bildhauer Anton Sturm, zur heiligen Crescentia von Kaufbeuren oder zu den Kirchen in Altenstadt, Oberammergau, Unterammergau oder Hohenpeißenberg. Pörnbacher lobt zudem Mois' "grundlegende Studien zur Entwicklung des Augustiner-Chorherrenordens im deutschen Sprachraum". Niemand habe die Quellen zur Geschichte Rottenbuchs und zur Entwicklung des Ordens so gut gekannt wie er.

Die Detailkenntnisse brachten nicht nur Vorteile. "Sein umfangreiches Wissen machte es ihm schwer, einen kleinen Kirchenführer zu schreiben", erinnert sich Walter Kronast, von 1970 bis 2001 Pfarrer in Rottenbuch. "Er konnte sich nicht entscheiden, was alles wegfallen sollte und kam deshalb nicht zu einer Vollendung."

Die Frage drängt sich auf, warum Mois' Weg auf die Kanzel geführt hat und nicht auf einen Lehrstuhl für Kirchen- oder Kunstgeschichte. "Die Qualitäten hat er sicher gehabt", meint Pörnbacher. "Es ist ihm aber immer darum gegangen, seine Pflicht in der Seelsorge zu tun." Der Schaffensdrang des Historikers trieb ihn an bis zuletzt. Noch auf dem Sterbebett arbeitete er an der Neuauflage seines Buches über die Rottenbucher Stiftskirche ­ bis heute unerreichtes Standardwerk. In 90 Lebensjahren sind mehr als 50 Veröffentlichungen entstanden. Erzbischof Braun resümiert: "Ich bin überzeugt, dass er mit seinem heimatgeschichtlichen Forschen und Wirken einen unschätzbaren Beitrag nicht nur für die Bekanntheit und Wertschätzung Rottenbuchs, sondern für die Identität des Pfaffenwinkels insgesamt geleistet hat."

Der Geistliche

Als Theologe vertrat Mois eine konservative Linie. Manchen Impulsen der innerkirchlichen Erneuerung, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausgingen, konnte er wenig abgewinnen. "Als Kunsthistoriker hat er die Volksaltäre, die man überall vor die Hochaltäre gepflanzt hat, als Watschn ins Gesicht empfunden", erinnert sich Pfarrer Kronast. Zwar habe Mois das Konzil grundsätzlich befürwortet. "Allerdings tat es ihm leid, dass vieles, was er als bewahrenswert gesehen hat ­ gerade im Bereich der Liturgie ­ weggefallen ist." Ein konservativer Kardinal habe es Mois immer angetan: Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI. ­ vom Temperament ebenfalls ein feinsinniger Intellektueller. "Vom theologischen Niveau her, lag er ganz auf seiner Ebene", sagt Kronast und meint: "Von unserem Papst wäre er sicher begeistert."

Als Präfekt des Freisinger Knabenseminars unterrichtete Mois auch Georg Lohmeier. Der Schriftsteller ("Königlich Bayerisches Amtsgericht") rechnet ihn "zu den wichtigsten Persönlichkeiten, die ich in meinem Leben kennen lernen durfte und dem ich viel verdanke." Einmal habe Mois den künftigen Pfarrern erklärt, worauf es bei der Namensgebung für die Taufe ankomme. "Wir sollten da ja an eine gute, bodenständige Heilige denken." Besonders bei den Mädchen werde viel Unsinn getrieben. "Bitte keine Freija und keine Birgit! Oder gar verlangt so eine uneheliche Mutter, eines Einödbauern Dienstmagd, man solle das Mädchen auf den Namen Eleonore taufen. Gewiss, eine Selige, aber doch eher ein Name für eine Adelige. Nicht für eine bäuerliche Rotznase." Das blieb Lohmeier in Erinnerung. Schließlich wurde er kein zölibatärer Pfarrer, sondern heiratete selbst eine Eleonore.

Der Rottenbucher

"Jakob Mois war Rottenbucher von Geburt und er war Rottenbucher aus Neigung", sagt Pörnbacher. Kraft schöpfte er aus den Besuchen bei seinem Bruder Michael, Wirt des Gasthofs "Zum Koch". Walter Kronast erinnert sich, was "unser Dr. h.c." sagte: "Menschen wie seinen Bruder, die echt in ihrer Heimatliebe und Traditionsverbundenheit waren, hielt er für nicht minder gebildet als ,Studierte', nur weil sie nicht das Glück hatten, studieren zu können." Den Lebensabend verbrachte Mois in seinem Heimatdorf, die letzten Jahre gepflegt von den Don-Bosco-Schwestern.

Zwar trug er sich mit dem Gedanken, in ein Altenheim zu gehen, um die Schwestern nicht zu belasten, erinnert sich Pfarrer Kronast. "Aber als er sich in einem umschaute und im Keller eine seelenlose, moderne Kapelle sah, ist ihm der Gedanke schnell vergangen." In diesem Fall stellte er seine Bescheidenheit dann doch einmal zurück.

 

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