Dieter Marczinek war erst 20 Monate alt

Im letzten Sonderzug nach Schongau

Schwabniederhofen - Tausende Familien aus Oberschlesien mussten vor 70 Jahren die Flucht aus ihrer geliebten Heimat antreten. Darunter Christl Wetzler und Dieter Marczinek.

Der 1. April 1945 ist ein Datum, das im Kopf von Christl Wetzler (83) fest verankert ist. Wie in Granit eingemeißelt. An diesem Tag hat eine Odyssee ihr Ende gefunden. An diesem Ostersonntag kam die 13-Jährige mit einem Sonderzug am Bahnhof in Schongau an. Kriegsgebeutelt, seelisch verwundet, ohne jedes Hab und Gut. Nur die zerrissenen Fetzen am Körper sind ihr geblieben.

Im selben Sonderzug ein kleiner Bub, gerade mal 20 Monate alt. Auch er hat die abenteuerliche Fahrt aus seiner nicht bewusst erlebten Heimat überstanden. Eine Irrfahrt von Großpeterwitz (heute Polen) nach Schongau. Tagelang auf irgendwelchen Eisenbahnlinien. Dieter Marczinek teilt das gleiche Schicksal wie Christl Wetzler. Die Heimat Oberschlesien, der letzte Sonderzug, Endstation Bahnhof Schongau, neugewonnene Heimat Schwabniederhofen.

Die beiden haben auf der Eckbank im Hause Wetzler Platz genommen. Vor sich eine historische Landkarte, auf der die Städte ihrer alten Heimat noch in deutscher Sprache zu lesen sind. Nach 70 Jahren wollen sie ihre Flucht nochmals gedanklich durchleben. Es soll kein Klagen sein, nur ein Erinnern. Ein stilles Erinnern, bei dem unvorstellbare Gefühle und Erinnerungen frei werden. Vor allem bei Christl Wetzler, die alles bewusst selbst erlebt hat. Dieter Marczinek hat viel später die traurige Geschichte durch seine zehn Jahre ältere Schwester Gitta erfahren. Sie war und bleibt für ihn eine wahre Heldin, ihr hat er sein Leben zu verdanken.

16. März 1945. In Leobschütz (heute Polen), der Heimatstadt von Christl Wetzler, ist nichts mehr, wie es war. Die 13 000-Seelen-Stadt gleicht einem Trümmerfeld. Bomben haben alles zerstört. Rossmarkt, Rathausturm, Josephplatz, alles nur noch Schutt. Der Vater vermisst, die Russen im Anmarsch. Die Mutter entscheidet: Flucht. Ein hölzerner Kohlehandwagen der Familie der fahrbare Luxus. Auf ihn werden die letzten Habseligkeiten gepackt. Dann setzt sich der Tross in Bewegung.

Die 12-jährige Christl ist Zugpferd, Mutter und Tante geben den Weg an, Bruder Hubert (6) und seine Cousine (6) tippeln ängstlich neben dem Leiterwagen. Zwei alte Damen, die in ihrer Hilflosigkeit nicht weiter wissen, schließen sich der Familie an. Christl muss den Wagen durch die Trümmer ziehen, beide Hände hinter dem Rücken in die Deichsel verkrampft, den Blick nur auf die Hindernisse gerichtet. Es fällt schwer, unendlich schwer, die Großmutter alleine zurückzulassen.

Gitta Marczinek hört die dröhnenden Sirenen und die Aufrufe aus den noch intakten Lautsprechern in Großpeterwitz. Diese Hinweise sind bestimmt nicht für ein elfjähriges Mädchen bestimmt. Doch Gitta muss diese Informationen ihren Eltern übermitteln: Vater und Mutter Marczinek sind gehörlos und stumm. Sie hören weder Luftschutzsirenen, noch können sie irgendwelche Nachrichten per Gehör aufnehmen. Dafür ist Gitta da. „Die Russen sind schon an der Oder“, erklärt sie ihren Eltern. Vaters Entschluss: Nur weg, einfach Richtung Westen. Gepäck? Fehlanzeige. Nur was man tragen konnte, ging mit. Rettung des nackten Lebens.

Horror für Christa Wetzler und ihre Familie: Der Bahnhof Leobschütz ist total überfüllt. Der Mensch ist Egoist, selbst den Kindern gegenüber. Ellenbogen gewinnen die Oberhand. Dann eine Lautsprecherdurchsage: „Alle Flüchtlinge müssen sofort den Ort verlassen!“ Für Christl so, als hätte man ihr ein Brandeisen auf die Haut gepresst. Jetzt wird ihr vollends bewusst, sie ist Flüchtling. Ein Wort wie ein Peitschenhieb. Hinterlässt für immer grässliche Wunden. Der Entschluss der Mutter, die drei Kilometer in den Nachbarort weiterzuziehen. Drei Kilometer, zwölf Stunden Fußmarsch durch die verregnete Nacht. Scheunen oder dichter Wald geben tagsüber Sichtschutz vor den Tieffliegern, nachts wird marschiert. Teilweise ein Vorwärtsfallen bis zur totalen Erschöpfung.

Ein Geschenk des Himmels? Ein Volkssturmmann mit Pferd und Geschütz steht nachts plötzlich vor ihnen. Der Mann hat Herz und zeigt Gefühle. Er spannt das Geschütz aus und hängt den Leiterwagen an. Bringt sie ein gutes Stück weiter. Sein Gebet, dass ihn die „Kettenhunde“ (Feldgendarmerie der Wehrmacht und Waffen-SS) nicht erwischen, wird erhört. Es hätte seinen sicheren Tod bedeutet.

Christls Mutter und eine der alten Damen wagen es, in Pilgersdorf die Kirche aufzusuchen, um für die Tat des Volkssturmmanns zu danken. Bomben fallen auf die Häuser, die Kirche bleibt erhalten. Pilgersdorf ist eingeebnet.

Die Familie schleppt sich weiter. In Tropplowitz muss alles zurückgelassen werden, um eine Chance zu nutzen. Ein weiterer Volkssturmmann bietet an, die Flüchtlinge bis Freudenthal zu bringen. 34 Personen auf der Ladefläche eines 3,5-Tonners, die Kinder auf Dieselfässern sitzend. Wird der Fahrer erwischt, ist es sein Todesurteil. Das nächtliche Versteck ist ein großer Saal. „Dort ist geboren und gestorben, dort wurde geliebt und gestritten“, erinnert sich Christl Wetzler mit wässrigen Augen.

Bahnhof Olmitz am 26. März 1945. Der letzte Sonderzug. Weiß gestrichen mit roten Kreuzen gekennzeichnet. Elf Personen im kleinen Abteil, die Kinder im Gepäcknetz. Egal, Hauptsache Richtung Westen. Immer wieder Halt auf offener Strecke, Deckung gegen die Tiefflieger im Wald, Wechsel der Lokomotiven. Über Prag, Pilsen, Regensburg und Augsburg nach Schongau. „Hier konnte sich keiner vorstellen, dass wir nie wieder nach Hause kommen werden“, erinnert sich Wetzler. Ihre Stimme versagt, ihr Gesichtsausdruck spricht Bände. Das Passwort „Flüchtling“ wurde wirklich aktiviert.

„Die ersten Jahre war ein distanziertes Verhältnis zwischen Flüchtlingen und Einheimischen zu beobachten“, erklärt Dieter Marczinek diplomatisch. Er heiratete eine Schwabniederhoferin und war über 35 Jahre in der Papierfabrik beschäftigt. Als Vorsitzender des Veteranenvereins und Leiter von Gesangsverein und Kirchenchor, ist er voll ins Dorfleben integriert.

Christl Wetzler hat die Flucht geprägt. Ihr wurde geholfen, sie hat später geholfen. Vor allem setzte sie sich für die Altenpflege ein. Jahrelang sammelte sie für Kriegsgräber, ein Muss dafür, dass sie auf der Flucht so viele Tote gesehen hat. Dafür wurde sie 1990 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Hans-Helmut Herold

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