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Ab in die Röhre: Ein Spezialist schickt Rosalinde in den Computertomografen.

Moorleiche Rosalinde: das Rätsel in Lederstiefeln

Peiting - Rosalinde, die unbekannte Leiche aus dem Moor, kommt doch nicht aus Peiting! Das und weitere verblüffende Forschungs-Ergebnisse haben Experten der Archäologischen Staatssammlung München jetzt zu Tage gefördert – und den Mythos von der im Moor verscharrten Frau damit ins Wanken gebracht.

Wer war die unbekannte Frau, die vor hunderten von Jahren in einem Holzsarg im Schwarzlaichmoor bei Peiting (Kreis Weilheim-Schongau) begraben wurde? Darüber rätseln die Wissenschaftler in München noch 53 Jahre nach dem Fund. Monatelang haben sie die Peitinger Moorleiche untersucht. Vom Mythos Rosalinde – der armen Schwangeren, die im Moor verscharrt wurde – bleibt den aktuellen Forschungs-Ergebnissen zufolge nicht mehr viel übrig. So war Rosalinde – gelinde gesagt – äußerst wohlgenährt und offenbar nicht besonders attraktiv. „Sie hatte richtige Speckschichten und garantiert keine Mangelernährung“, erklärt Brigitte Haas-Gebhard von der Archäologischen Staatssammlung München. Sie hat Rosalinde gemeinsam mit ihrem Kollegen Klaus Püschel unter die Lupe genommen.

Die Peitinger Moorleiche ist um einiges jünger, als die Forscher der 50er und 60er Jahre zunächst angenommen hatten. Die hatten darauf getippt, die Moorleiche sei zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert gestorben, „tatsächlich wurde sie zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert begraben“, sagt Ärchäologin Haas-Gebhard und beruft sich auf die Obduktion kleiner Leichenteile. Allerdings war die Auswahl an Untersuchungsmaterial ziemlich eingeschränkt, denn: Alle Präparate, die Rosalinde nach dem Fund entnommen worden waren – darunter alle Innereien sowie das Gehirn – sind spurlos verschwunden. Bis nach Japan, wo Teile des Gehirns vermutet werden, haben die Forscher ihre Fühler ausgestreckt. Vergebens. Kein Wunder also, dass die rechtsmedizinische Untersuchung in Hamburg, geleitet von Klaus Püschel, nicht ganz einfach war.

Herausgefunden haben die Wissenschaftler trotz aller Hürden so viel: Rosalinde wurde nicht „beseitigt“, sondern regulär, und auch pietätvoll, bestattet. Dafür sprechen sowohl die Ausrichtung des Sarges als auch die Haltung der Arme. Weil ihr Grab in der Nähe eines alten Bohlenweges lag, könnte es sich bei ihr auch um eine Fremde oder eine Reisende gehandelt haben – deren Bestattung am Wegesrand sei im Mittelalter keinesfalls unüblich gewesen, weiß Haas-Gebhard. Oder war Rosalinde eine Adlige, oder gar doch eine Verfemte? Hier tappen die Wissenschaftler noch im Dunkeln.

Rosalinde war zwischen 20 und 25 Jahre alt und nach der fürs Mittelalter ungewöhnlich guten Ernährung zu schließen keinesfalls arm. Außerdem war Rosalinde wahrscheinlich bei ihrer Bestattung nicht schwanger.

Brigitte Haas-Gebhard spricht zurückhaltend von einem „exotischen“ Aussehen der Moorleiche: Der von einer Kieferorthopädin untersuchte Überbiss von zwei bis drei Zentimetern dürfte damals ein auffälliger optischer Makel gewesen sein. Ein solches Erscheinungsbild müsste heute auf jeden Fall operiert werden. „Sie muss greislig ausgeschaut haben“, mutmaßt Ärchäologin Haas-Gebhard, die sich trotzdem schon auf eine Gesichts-Rekonstruktion der Moorleiche freut. Diese aufwändige Arbeit ist als krönender Abschluss des Projekts geplant.

Bis sich die Wissenschaft irgendwann ein Bild von Rosalinde machen kann, muss die Marktgemeinde Peiting erst noch eine bittere Pille der Untersuchung schlucken: Tatsächlich ist Rosalinde nämlich am 23. Juli 1957 auf Hohenpeißenberger Flur und nicht etwa auf Peitinger Gemeindegebiet aus dem Moor gebaggert worden. Jahrelang war der Fundort nicht genau bekannt, und jetzt das! „Sie bleibt trotzdem weiterhin eine Peitinger Moorleiche“, betont Bürgermeister Michael Asam, der „seiner“ Rosalinde im Jahr 2008 sogar schon einmal einen Besuch im Staatsmuseum abgestattet hat.

Hohenpeißenbergs Gemeindechef Thomas Dorsch hat Rosalinde noch nie gegenübergestanden. „Aber wir haben schon lange vermutet, dass die Moorleiche eigentlich bei uns gefunden worden ist“, sagt er. In der zweiten Auflage der „Hohenpeißenberger Haus- und Hofgeschichte“ ist der Moorleichen-Fund schon als Hohenpeißenberger Rarität vermerkt. Doch deshalb möchte Dorsch den Peitingern ihre Rosalinde noch lange nicht streitig machen. Die „Grenzleiche“ gönnt er genauso den Peitingern – „nur dürfen die die Rosalinde nicht ganz vereinnahmen“.

Der Mythos Rosalinde: Er ist längst nicht entzaubert. Die Archäologische Staatssammlung München plant eine Sonderausstellung zur Peitinger – oder Hohenpeißenberger – Moorleiche. Und zwar gemeinsam mit einer südamerikanischen Mumie, die genauso alt ist wie Rosalinde. Zu Forschungszwecken wird Rosalinde weiterhin in der Archäologischen Staatssammlung aufbewahrt. So ist es im Übrigen auch mit den Nachkommen des Finders, den Grundstückseigentümern des Fundorts, und der Gemeinde Peiting vereinbart. Eine Ausstellung der Peitinger Moorleiche in ihrer Heimat ist aus biomedizinischen Gründen schwer zu bewerkstelligen – „wir bräuchten dann einen Stickstoffsarg und einen Fachmann, der Rosalinde ständig bewacht, damit es keinen Schimmelbefall gibt“, weiß Bürgermeister Michael Asam. Stattdessen soll die Gemeinde Peiting von den Wissenschaftlern ein dreidimensionales Modell von Rosalinde fürs Heimatmuseum bekommen. Dort findet dann zumindest die Doppelgängerin der exotischen Moorleiche endgültig ihren Frieden.

von Barbara Schlotterer-Fuchs

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