Im Schlepperkorso durch die Nacht nach Berchtesgaden

Weilheim-Schongau - Milchbauern aus dem Landkreis Weilheim-Schongau sind in der Nacht zum gestrigen Donnerstag zu einer gemeinsamen Fahrt in Richtung Berchtesgaden aufgebrochen.

„Die Schweine wechseln, die Tröge bleiben die selben“ ist eine der Botschaften, die in großen Buchstaben auf einer Holztafel an der Frontseite eines Bulldogs angebracht und unterwegs auf dem Weg nach Berchtesgaden war. Bauern aus der ganzen Republik setzen in diesen Tagen ein Zeichen gegen die zu niedrigen Milchpreise und die unbefriedigende Mengensteuerung. Sie fahren in verschiedenen Gruppen in zwei Nächten Richtung Berchtesgaden.

Während das weibliche Geschlecht vorwiegend per Reisebus das Ziel ansteuert, setzen die Männer stärkere „Waffen“ ein: Mit Schleppern, Bulldogs und anderen Zugmaschinen rollen sie in langen Konvois Richtung Osten. Das Bild der Lichterkegel gleicht in der Dunkelheit einer Kette aus Perlen - fein säuberlich aneinandergereiht.

Kurz nach Mittenacht ist in Schongau Treffpunkt der Allgäuer Landwirte. Die Milchbauern aus unserer Region formieren sich zwei Stunden später in Huglfing und Obersöchering: Die Parkplätze eines Supermarktes und eines großen Landmaschinenhändlers eignen sich bestens als Sammelbecken und Standplatz der PS-starken Bulldogs. Über 30 dieser Ungetüme sind es in Huglfing, auf weiteren Stationen stoßen zahlreiche Gleichgesinnte dazu.

Bernhard Heger, Kreisvorsitzender im Bund Deutscher Milchviehhalter, gibt in einer Lagebesprechung vor Ort die wichtigsten Infos rund um Streckenführung, Reihenfolge, Beleuchtung und Absicherung, um nur ein paar Punkte zu nennen. Er überlässt nichts dem Zufall, alles ist durchdacht. Schließlich will man mit geballter Kraft bei den Ministern am Obersalzberg vorfahren.

Die Stimmung unter den Milchbauern ist in der Nacht nachdenklich, gedrückt - keinesfalls Volksfeststimmung. Aber die Landwirte sind solidarisch, stehen zu ihren Forderungen. Wollen Veränderungen, wollen vor allem überleben. Dieser Überlebenswille steht an erster Stelle.

Er hat bis jetzt überlebt, sorgt sich aber um die Zukunft „der Jungen“: Josef Gretschmann aus Schönberg. Er hat seinen Hof mit allen Milchkühen an Tochter Martina und Schwiegersohn Michael übergeben. Mit 66 Jahren arbeitet er nur noch, wie er es nennt, „ehrenamtlich“ im Stall. Doch er sorgt sich um das Weiterbestehen der bäuerlichen Milchwirtschaft. Der Slogan „Wachsen oder weichen“ stößt bei ihm auf Widerstand.

Deswegen nimmt er die knapp 200 Kilometer Fahrstrecke von Schönberg nach Berchtesgaden auf sich, um am Freitag am großen Schlepperkonvoi von Inzell aus auf den Obersalzberg dabei zu sein - alleine im Führerhaus seines 70 PS starken Fendt 306. Nur Proviant und die geliebten Süßigkeiten in greifbarer Nähe. Er ist gespannt auf das Erwachen des neuen Tages und die unbekannten Landschaften, die er durchfährt. Ehefrau Heidi kann ihn leider nicht begleiten. Sie macht Kindsmagd für die Enkelkinder.

Zu den „Eintägigen“ gehört Richard Strobl aus Rottenbuch. Der 18-Jährige, dessen Arbeitgeber ihm für diesen wichtigen Tag extra Urlaub gegeben hat, wird mit Beifahrer Tommy Speer erst am heutigen Freitagmorgen um 1 Uhr mit einer weiteren Gruppe von Rottenbuch aus gestartet sein. Nach Kundgebung und Schlepperkonvoi ist schon wieder die Rückfahrt geplant.

Ein Mammutprogramm, die Ernsthaftigkeit der Lage stets vor Augen. Vater Thomas Strobl muss derweil auf dem Hof die 50 Milchkühe alleine versorgen. Er ist mit Leidenschaft Milchbauer, denkt positiv. Trotzdem stellt er sich immer wieder die Frage, warum man mit dieser Anzahl an Milchkühen und täglicher Stallarbeit derzeit nicht überleben kann. Deshalb auch seine Forderung: „Die Bauern brauchen einen fairen Preis, 50 Cent pro Liter.

Hans-Helmut Herold

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