Das teure Spiel mit der Milchquote

Altenstadt/Schwabsoien - Kommendes Jahr läuft wohl die Milchquote aus. Trotzdem wollen manche Bauern bei der letzten Versteigerung noch einmal Quote dazukaufen. Zum Beispiel Helmut Thoma aus Altenstadt.

375 000 Kilogramm: Das ist die Menge Milch, die die 60 Kühe von Hubert Thoma aus Altenstadt in einem Jahr produzieren dürfen. Weniger wäre kein Problem, doch mehr dürfte es nicht sein. Denn dann schlägt im schlimmsten Fall die sogenannte Superabgabe zu, also Strafzahlungen. Und die können saftig ausfallen: Für das Milchwirtschaftsjahr 2013/14, das immer zum 1. April beginnt, müssen deutsche Landwirte 163 Millionen Euro zahlen, wie jetzt bekannt wurde. Sie haben 1,9 Prozent oder 588 000 Tonnen zu viel Milch geliefert.

Seitdem Thoma den Hof im Jahr 2004 übernommen hat, hat er die Quote immer eingehalten, wie er betont. „Ich will kein Überlieferer sein, dazu stehe ich“, sagt er bestimmt. Manche Bauern liefern bewusst mehr, als sie dürfen, in der Hoffnung, dass andere weniger liefern und sie so einer Strafe entgehen. Oder dass die Strafe so gering ausfällt, dass es sich trotzdem gelohnt hat. Das gab es in der Vergangenheit durchaus, doch nicht zuletzt: Fast 13 Cent pro Kilogramm betrug die Strafzahlung im Jahr 13/14 - das schmerzt, wenn plötzlich bei der monatlichen Milchgeld-Überweisung ein großer Batzen fehlt. Und für das laufende Wirtschaftsjahr dürfte es noch teurer werden, weil noch viel mehr Landwirte überliefern. Deshalb muss Thoma tätig werden: Er hat vor rund vier Wochen gemerkt, dass seine Kühe mehr Milch liefern als geplant und er droht, über die erlaubten 375 000 Kilo zu kommen. „Es läuft einfach gut: Bessere Futterqualität, keine Ausfälle - es sind kleine Faktoren, die oft den Ausschlag geben“, sagt Thoma achselzuckend.

Davon kann auch Georg Lang aus Schwabsoien ein Lied singen. Der 53-Jährige hat vor Jahren beim Milchstreik mitgemacht, sich unter anderem Kraftfutter gespart - „und danach haben meine Kühe ein halbes Jahr gebraucht, bis sie wieder auf dem Level von vor dem Streik waren“, erinnert er sich. „Kühe sind einfach keine Maschinen.“

Lang hat bei der Quote schon einen langen Weg zurückgelegt. Als er vor 17 Jahren den Hof seines Schwiegervaters übernommen hat, standen 25 Kühe im Stall, die Quote betrug nur 67 000 Kilo pro Jahr. „Es gab damals nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir hören auf, oder wir steigen gewaltig ein.“ Die Langs entschieden sich für Letzteres. Jahr für Jahr kauften sie Milchquote dazu, manchmal teuer, manchmal günstig. Denn auch an der Milchbörse können die Preise je nach Angebot und Nachfrage erheblich variieren. Voriges Jahr beispielsweise gab es das Kilo für einen Cent - also fast geschenkt. Thoma hatte das Glück, für 25 000 Kilo Milchquote nur 250 Euro zahlen zu müssen. „Ich dachte, das ist ein Fehler, als ich den Brief bekommen habe“, erinnert er sich.

Manchmal liegt der Preis aber viel höher, dann wird es richtig teuer. Vor allem, wenn man einen neuen Stall gebaut und den Kuhbestand massiv ausgeweitet hat. „Ich habe in einem Jahr einmal für 170 000 Mark Milchquote gekauft“, erinnert sich Lang. „Insgesamt habe ich locker den Wert eines schicken Einfamilienhauses in die Quote investiert. Und das nur, damit ich arbeiten kann.“ Einmal hat er überliefert, erinnert er sich noch. Ein trockener Sommer, Lang fütterte kräftig Kraftfutter zu - und lag am Ende 0,5 Prozent drüber. „6000 Mark hat mich das gekostet.“ Dieses Jahr glaubt er hinzukommen und verzichtet deshalb auf einen Quoten-Zukauf. Ihm wird es sowieso schon zu viel: Im Jahr 2008 hat er mit einem neuen Stall ausgesiedelt, weil im Schwabsoiener Ortskern keine Erweiterungsmöglichkeit mehr war. Dort stehen mittlerweile 95 Milchkühe, die 500 000 Kilo Milch im Jahr liefern dürfen. Mehr sollen es nicht werden. „Das können dann meine Söhne entscheiden“, drei potenzielle Hoferben stehen parat.

Thoma hat zwar 2009 auch einen neuen Stall gebaut, doch nur moderat von 40 auf 60 Milchkühe erweitert. „Ich will nicht größer werden, das ist mir wichtig“, sagt er. Für die 30 000 Kilo Quote, die er bei der letzten Milchbörse Anfang November dazukaufen will, rechnet er mit 3000 Euro Kosten. Er hat aber schon Sorgen, was nach dem Fall der Quote sein wird, wenn viele Landwirte schon jetzt mit Macht überliefern. „Das wird eine ganz neue Welt für uns“, schwant dem dreifachen Vater. „Viele kapieren offenbar nicht, dass sie uns alle damit schädigen“, sagt auch Lang mit Hinweis auf die derzeitigen Preissenkungen bei Milchprodukten.

Die knappen Gründlandflächen sind zwar eine natürliche Begrenzung für Wachstum, weil das Futter für die Kühe ja irgendwo herkommen muss. Doch notfalls kommen die Wiesen von anderen Landwirten: „Als ich vor 28 Jahren angefangen habe, waren wir in Schwabsoien noch 44 Landwirte“, erinnert sich Lang. „Jetzt sind wir nur noch neun.“

bo