„Sonstiger Laubbaum, Leittrieb verbissen“: Markus Heinrich (mitte) übermittelt seine Erkenntnisse an Kollege Ludwig Rabl (r.), die Jagdgenossen Wolfgang Scholz und Martin Eberle schauen interessiert zu. foto: bo

Verbissgutachten: Die Förster mit den roten Wäscheklammern

Sachsenried - An frischer Luft fehlt es den Mitarbeitern der Forstverwaltung grundsätzlich nicht. Derzeit sind sie aber besonders oft draußen unterwegs: Sie erheben die Daten für das forstliche Gutachten zur Situation der Waldverjüngung, kurz Verbissgutachten.

119 Termine hat allein Förster Ludwig Rabl in seinem Notizblock stehen. 119 Mal in Waldstücken Markierungspfosten aufstellen und dann nach kleinen Bäumchen Ausschau halten, die vom Wild verbissen sind oder eben nicht.

Doch erst einmal muss der passende Punkt gefunden werden - und das ist gar nicht so einfach, wie sich am Mittwochvormittag am Ortsrand von Sachsenried herausstellt. Rabl zeigt unter anderem Revierförster Georg Prestele und Jagdvorsteher Wolfgang Scholz an seinem handlichen Computer ein Luftbild mit dem vorgegebenen Rasterpunkt, wo die Aufnahme erfolgen soll. Der liegt mitten auf einer Wiese, mit herrlichem Blick auf die Alpenkette - nichts mit kleinen Bäumchen. Der nächste Wald ist aber nicht weit weg, ein rund zwei Hektar kleiner Streifen. „Da fahren wir einfach über die Wiese“, sagt Scholz, setzt sich in seinen Schlepper und fährt voraus. Als Jagdvorsteher ist er quasi der Chef aller Grundbesitzer in dem Revier, und die haben natürlich ein Interesse daran, dass der Wald natürlich nachwachsen kann und nicht völlig vom Rehwild verbissen wird. „Bei mir im Wald stehen seit 20 Jahren vier große Tannen, aber in der ganzen Zeit ist nur eine weitere durchgekommen. Der Rest kommt nicht hoch“, sagt Scholz.

Das kennt Rabl. Mit Ausnahme der Hegegemeinschaft Peiting war vor drei Jahren überall im Landkreis der Verbiss zu hoch oder sogar deutlich zu hoch, und das Revier von Prestele macht da keine Ausnahme. Vor der Begutachtung hat Rabls Forstamt-Kollege Markus Heinrich aber Probleme, in dem Mini-Wald eine ausreichend große Fläche mit Naturverjüngung zu finden. Die vorgeschriebene Länge muss mindestens 50 Meter betragen. Schließlich markiert Heinrich die nächstgelegenen 15 Bäumchen zwischen 20 und 130 Zentimeter Größe - also die in Verbiss-Höhe - mit roten Wäscheklammern, dann geht es schon los: „Sonstiges Laubholz, Stufe eins, Verbiss oberes Drittel. Sonstiges Laubholz, Stufe zwei, Leittrieb verbissen“, rattert Heinrich herunter, und Rabl gibt alles per Touchpen in den Computer ein. Stufen eins bis drei bedeuten die Größe des untersuchten Baums, „sonstiger Laubbaum“ bedeutet in diesem Fall Vogelbeere, die dort in großen Mengen nachwächst.

So geht es weiter, insgesamt fünf Aufnahmepunkte müssen die Förster registrieren. Dazu kommen an jedem Punkt zusätzlich noch die fünf nächstgelegenen Pflanzen unter 20 Zentimeter, die oft kaum zu erkennen sind, und die Bäume, die der Verbisshöhe bereits entwachsen sind. Die Fachleute müssen dabei genau hinschauen, dass nicht zwischendurch ein Holunder oder eine Heckenkirsche aufgenommen wird - die zählen nicht als Baum.

Nicht gezählt wird auch ein Bäumchen mit schiefer Verbissspur. „Das ist ein Hase gewesen“, klärt Heinrich auf. Doch dann kommt sogar der Fachmann ins Schleudern. „Ist das eine Eiche?“, fragt er und prüft zweifelnd den dürren Stengel in seiner Hand. „Die ist bis zur Unkenntlichkeit verbissen, und ohne Knospen fällt das identifizieren schwer.“ Nachdem auch Rabl und Forst-Abteilungsleiter Martin Kainz einen Blick darauf geworfen haben, einigen sie sich: eine Eiche.

Rabl will und darf noch keine Wertung über diesen Aufnahmepunkt abgeben, doch eines sei klar: „Auch wenn es ein schwieriges Waldstück ist, sollten nicht 90 Prozent der Bäume verbissen sein.“ Jäger Prestele sieht es nicht so dramatisch, verweist auf den nahen Spazierweg und die schwierigen Bedingungen in dem Waldstück: „Das ist eine unruhige Ecke, da ist ständig Betrieb.“ Seinen Abschuss habe er sogar übererfüllt, und ob ein Baum wie die Vogelbeere verbissen sei, interessiere keinen Menschen: „Das ist kein Nutzholz.“ Der Grundstücksbesitzer, der an diesem Tag nicht anwesend ist, sieht es offenbar genauso: Er hat nur einige halbwüchsige Fichten mit gelben Klammern am Leittrieb vor Verbiss geschützt. Dass aber sogar die Fichte dort nicht natürlich hochkommt, ist schon bezeichnend - denn die frisst das Rehwild als allerletztes.

Zum Trost für Prestele: Im zweiten Erhebungspunkt seines Reviers in einem größeren Wald schaut es mit dem Verbiss besser aus. Diese beiden Punkte fließen als Stichprobe in das Ergebnis der übergeordneten Hegegemeinschaft mit ein. Für die Aussage über das Revier aber verschafft sich der Förster einen Gesamt-Überblick. Doch es könnte sein, dass im Herbst, wenn alles ausgewertet ist, bei Prestele wieder ein „Verbiss zu hoch“ als Urteil bei seinem Jagdrevier prangt.

bo

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