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Barbara Stamm zu Gast in Steingaden.

Gesprächsreihe „Menschen, die bewegen"

Barbara Stamm plaudert in Steingaden

„Menschen, die bewegen“: so heißt die lose Reihe von Interviews mit Menschen, die etwas oder auch andere Menschen bewegen, berühren, faszinieren. Nun konnten Josef Lieb und Sylvia Hindelang in Steingaden einen ganz besonderen Menschen auf ihrer Couch begrüßen: Die Präsidentin des Bayerischen Landtags, Barbara Stamm.

Wie ein Lauffeuer geht das „Oh“ durch den Raum, spontan brandet Applaus auf, als Josef Lieb den Gast begrüßt. In schwarzen Hosen und mit einer lindgrünen Jacke wartet Barbara Stamm, bis das Klatschen aufhört. Und bedankt sich für den Empfang. So beginnt die Bärbel, wie sie als kleines Mädel gerufen wurde, zu erzählen. Ein Kriegskind ist sie, sagt Stamm. Den Vater lernt sie nie kennen, wie so viele Kinder jener Zeit. Die Mutter auch nicht, jedenfalls die ersten acht Jahre ihres Lebens nicht, erzählt die Frau, die so etwas ist, wie das soziale Gewissen der bayerischen Politik.

Wenn der Ministerpräsident das Gesicht der Politik ist, so ist Barbara Stamm das Herz und die Seele, das jedenfalls wird im Laufe des Abends deutlich. Und auch, warum Barbara Stamm so „tickt“, wie sie tickt. Ihre Mutter ist gehörlos, weshalb man ihr die Tochter wegnimmt und in eine Pflegefamilie gibt. Die darauf hofft, die Bärbel adoptieren zu können und ihr deshalb nichts von der leiblichen Mutter erzählt. Deshalb, betont sie, sei es wichtig, dass adoptierte Kinder das Recht hätten, zu erfahren, wer sie sind.

Stamms Kindheit ist hart, sie verbringt viel Zeit in Heimen. Die Umstände verhindern, dass sie auf die Realschule gehen darf, so wechselt sie von der Volks- auf die Berufsschule. Und kann doch nicht Erzieherin werden, wie sie gehofft hatte – erneut, es fehlt am Geld. Sie verdient sich mit kleinen Arbeiten Geld in dem Heim, in dem sie schon als Kind war. Schließlich bekommt sie eine Stelle im Internat, wird zur Kindergärtnerin und Hortnerin ausgebildet.

Einem Zufall ist es zu verdanken, dass Stamm ans bischöfliche Jugendamt in Würzburg berufen wird – als Ausbilderin für die weiblichen Jugendleiterinnen. Damit beginnt beruflich eine wunderbare Zeit für Barbara Stamm. Das ist es auch, was sie bei heutigen Politikern vermisse, eine Arbeit im „vorpolitischen Raum“, stellt Stamm fest. Heutige Politiker kämen immer gleich im Anzug daher.

Die Geburt der ältesten Tochter 1970 unterbricht ihren beruflichen Werdegang und stellt auch ihre mütterliche Toleranz auf die Probe, wie sie zum Amüsement der Zuhörer erklärt. Denn Tochter Claudia gehört heute zu den „Grünen“. Aber zu Hause werde immer getrennt zwischen Familien und Politik.

Stamm wird, unterstützt von ihrem Mann, in den Würzburger Stadtrat gewählt. 1974 ist sie „Lückenfüller“ auf der Liste für die Landtagswahlen in Bayern und wird erste Nachrückerin für einen Kollegen, der 1976 in den Bundestag gewählt wird. Damit beginnt die Landtagskarriere der Barbara Stamm.

1987 beruft Franz Josef Strauß die dreifache Mutter in die Regierung, als Staatssekretärin im Sozialministerium. Als sie zu ihm gerufen wird, habe sie ganz erstaunt nachgefragt: „Mich?“ Wahrscheinlich ist es auch ihr Widerspruchsgeist, der den Parteichef beeindruckt. Bei der Übergabe der Urkunde erklärt ihr Strauß auch, wofür sie zuständig ist: die Leberkästasche. Und meint damit, die CSU sei die Partei der kleinen Leute, darum müsse man sich, vor allem im Sozialministerium, kümmern. Und sei nicht auf der Sekt-Etage unterwegs. Dort könne man keine Wahlen gewinnen, erinnert sich Barbara Stamm an das Gespräch mit FJS.

Und auch wenn viele sie als „emotionale Tante“ sähen, weiß Barbara Stamm, was sie nicht mehr tun muss. „Ich führe die Diskussion nach innen, ich muss mich nicht mehr profilieren.“ Weshalb sie die Politik an sich verändern kann, etwa mit ihrem Einsatz für die Frauen, mit einer Kita im Landtag oder Teilzeitstellen für Behördenleiterinnen, die ihre Kinder erziehen.

Woher sie nach all den Jahren die Kraft nimmt, sich noch immer so einzusetzen? Man müsse man das, was man tut, gerne machen. Auch ein Erfolg bei den Projekten gebe ihr Kraft. Und ein bisschen sei Politik auch wie eine Droge. Nach ein paar Tagen, da jucke es dann wieder in den Fingern.

Oliver Sommer

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