Die Zöliakie hat ihr Leben verändert: Emily (wird im Juni vier Jahre alt) mit Mama Kristina Barth und Bruder Lukas (wird im Juli zwei). Foto: Schlotterer-Fuchs

Leben mit Zöliakie

Peiting - Was, wenn die ganz natürlichen Nahrungsmittel zum Feind des eigenen Körpers werden? Familie Barth aus Peiting hat das am eigenen Leib erlebt. Tochter Emily (vier Jahre) hat Zöliakie.

Es geht los, als Emily noch ganz klein ist. „Immer, wenn sie die Flasche bekommen hat, hat sie geschrien und Bauchweh gehabt“, erinnert sich Mutter Kristina Barth. Emily ist ein ernstes Kind. Dünner als andere Kinder in ihrem Alter. Vor einem Jahr dann die Diagnose, die zwar endlich Gewissheit, aber nicht unbedingt Erleichterung gebracht hat: Zöliakie, eine Erkrankung des Dünndarms, eine Unverträglichkeitsreaktion des Körpers auf Gluten.

Und Spuren von Gluten sind in Lebensmitteln, in denen man es nie vermuten würde: in Tiefkühlspinat, Schokolade oder Eistee zum Beispiel. Aber auch Kosmetika oder Knetmasse enthalten den feinen Staub. „Mehl hat ja auch viele gute Eigenschaften, es macht haltbar und bindet“, erklärt Mama Kristina.

Gluten: Für die Industrie ein billiger Alleskönner, für Familie Barth eine Katastrophe. Egal ob Weizen, Dinkel, Gerste, Roggen oder Hafer - das alles ist vom Speiseplan strikt gestrichen. Erlaubt sind nur Mais, Reis oder Buchweizen. Inzwischen macht die ganze Familie mit. Alles andere lässt sich im Alltag kaum umsetzen. Schon ein Toaster mit herkömmlichen Brotkrümeln kann ein Stück glutenfreies Toastbrot für einen Zöliakie-Patienten zum Höllen-Essen machen.

Was kommt also bei Familie Barth auf den Tisch? Gar nicht so einfach, erklärt Mama Kristina. Eingekauft werden kann nur im Bioladen, im gut sortierten Drogeriemarkt und übers Internet. Sogar Emily mit ihren knapp vier Jahren kennt schon das Glutenfrei-Zeichen, auf das die Mama beim Einkaufen immer so sehr achtet: die durchgestrichene Ähre.

Hier ist kein Mehl drin, auch keine Spur. Das darf Emily essen. Die durchgestrichene Ähre steht für keine Bauchschmerzen. Aber sie steht auch für einen dicken Geldbeutel. Menschen, die eine Glutenunverträglichkeit haben oder unter Zöliakie, der verstärkten Form, leiden, müssen viel für Essen bezahlen, das der Körper nicht bestreikt. „Es ist wahnsinnig teuer“, bestätigt Kristina Barth mit Durchsicht alter Supermarkt-Rechnungen. Ein Kilo Maismehl kostet 3,85 Euro. Im Vergleich dazu: Ein Kilo herkömmliches Supermarkt-Mehl schlägt mit gerade mal 60 Cent zu Buche. Glutenfreie Nudeln kosten 2,65 statt 39 Cent. Eine Packung Spezial-Toastbrot macht satte 3,10 Euro statt 80 Cent. Ein kleines Packerl Kekse haut mit satten drei bis vier Euro rein.

Doch nicht jede Lebensmittel-Packung mit Glutenfrei-Zeichen - sei sie auch noch so teuer - enthält trotz Hammer-Preis auch ein kulinarisches Schmankerl. „Manche Sachen schmecken grausam“, weiß Kristina Barth aus Erfahrung.

Mit Spezialmehl wird deshalb auch viel selber gebacken bei Barths. Es gibt glutenfreie Pizza, glutenfreie Nudeln. „Aber Essen gehen oder wenn wir eine Einladung haben: das ist oft ein Riesenproblem“, erinnert sich Kristina Barth an den ein oder anderen Besuch im Restaurant. Oder den einen Kinder-Geburtstag, an dem die Kinder Mehlschneiden spielen sollten. Aber: Bei Einladungen im Freundeskreis geben sich alle immer Mühe, für Emily ein alternatives Essen vorzubereiten. „Viele aus der Spielgruppe und aus dem Turnen befassen sich mit dem Thema, um Emily zu helfen“, freut sich Kristina Barth über so viel Akzeptanz.

Mehl: Ein Grundnahrungsmittel für den Menschen. Für Emily ein natürlicher Feind. Ein Feind, der im Verborgenen lauert und darauf wartet, wieder alles kaputt zu machen. Ein Löffel Mehl genügt und der Dünndarm ist wieder so kaputt wie vor einem ganzen Jahr der Enthaltsamkeit. Die Folgen: Die Patienten fühlen sich wieder krank, sind nur eingeschränkt leistungsfähig und zum Teil sehr übellaunig. Sie sind geschwächt und verlieren an Gewicht. Besonders für Kinder ist das schlimm.

Eigentlich haben sich die Barths inzwischen auch mit Hinblick auf die Konsequenzen ganz gut mit der Krankheit arrangiert. Sie haben gelernt, alles umgestellt. Und doch gibt es den ein oder anderen Moment, in dem auch ohne Bauchschmerzen alles wieder ganz schlimm ist für Emily. Im Fasching zum Beispiel. Da haben alle Kinder nach dem Turnen einen Mohrenkopf bekommen. Nur Emily musste zuschauen. „Da hat sie fast geweint“, erzählt Mama Kristina. Auch ihr hat es da fast das Herz gebrochen. Doch: Selbst wenn man die Waffel entfernt, bleiben Glutenreste am süßen Zuckerschaum haften.

Doch Gott sei Dank werden diese Momente immer seltener. Steht doch die Freude über die verbesserte Lebensqualität darüber. Alleine dass Emily ein Jahr lang kein Gramm Gluten mehr zu sich genommen hat, zahlt sich schon sichtbar aus. „Sie hat vier Kilo zugenommen in der Zeit.“ Bei einem dünnen Kind ein Riesen-Gewinn - trotz der traurigen Aussicht auf eine lebenslange Diät.

Von dieser Aussicht auf Zurückhaltung bis zum Lebensende sind immer mehr Menschen betroffen - die Zöliakie gilt inzwischen als Volkskrankheit. In den Industrienationen sind schätzungsweise ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Dies liegt Wissenschaftlern zufolge unter anderem daran, dass es mittlerweile leistungfähige Tests gibt, mit deren Hilfe sich auch die atypischen Formen der Krankheit diagnostizieren lassen.

Was bleibt, ist bei all dem Negativen jedoch auch die Erkenntnis, dass sich die Betroffenen bewusster ernähren. Schließlich muss von jedem Produkt die Zutatenliste studiert werden. Und da kann einem der Appetit durchaus auch mal vergehen.

Barbara Schlotterer-Fuchs

Info:

Kristina Barth tauscht sich gelegentlich mit Bekannten aus, die auch unter Zöliakie leiden, diesen Kreis würde sie gerne vergrößern. Kontakt: 0170/8020505.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schongauer Volksfest überraschend abgesagt - was dahinter steckt
Fans des Schongauer Volksfests wird diese Nachricht nicht freuen: Die eigentlich für Anfang September geplante 159. Auflage ist überraschend abgesagt. 
Schongauer Volksfest überraschend abgesagt - was dahinter steckt
Kunstausstellung in Bernbeuren: Ausdrucksstark und ernsthaft
„Kunstausstellung auf ernste Art“: 30 Werke von Andrea Ernst sind im Auerbergmuseum in Bernbeuren zu sehen. Die Werke umspannen einen Zeitraum von 50 Jahren.
Kunstausstellung in Bernbeuren: Ausdrucksstark und ernsthaft
Übler Freinacht-Scherz: „Konfetti-Bombe“ verschmutzt Gärten - Peitingerin fordert Verbot
Wenn Konfetti durch die Luft fliegt, ist Feiern angesagt. Außer natürlich, die kleinen bunten Schnipsel landen ungebeten im eigenen Garten. Diese Erfahrung mussten in …
Übler Freinacht-Scherz: „Konfetti-Bombe“ verschmutzt Gärten - Peitingerin fordert Verbot
Landkreis Weilheim-Schongau verlässt Metropolregion
Der Landkreis tritt aus dem Verein Europäische Metropolregion München aus. Dies beschloss der Kreisausschuss. Der Schritt hatte sich abgezeichnet. Denn die …
Landkreis Weilheim-Schongau verlässt Metropolregion

Kommentare