Leeder entging 1983 nur knapp einem Raketenangriff

Fuchstal - Dass das ehemalige Munitionsdepot in Leeder im Jahr 1983 um ein Haar zum Angriffsziel der Sowjets geworden wäre, wurde in der Öffentlichkeit seinerzeit gekonnt verschwiegen.

Die genauen Hintergründe haben die Detektive der Geschichte in der Doku-Sendung „ZDF-History“, die jüngst im Fernsehen lief, ausgegraben.

Autor Guido Knopp rekonstruierte die Ereignisse, die sich im Herbst 1983 abspielten und zeigte auf, wie der Kalte Krieg damals fast in einen Dritten Weltkrieg gemündet wäre - mit Leeder als einem der ersten Angriffsziele. Der Grund: Auf dem Radar der Sowjets waren plötzlich US-Raketen aufgetaucht - weshalb die Russen schon mal alle Hebel in Bewegung setzten, um sich zum atomaren Gegenschlag zu rüsten.

Wie die Geschichtsdetektive darlegten, seien die Raketen nur noch Minuten vor dem Start gestanden - als sich kurz vor knapp dann alles doch noch zum Guten wendete: Es hatte sich nämlich heraus gestellt, dass der sowjetische Satellit wegen einer fehlerhaften Software Sonnenstrahlen mit dem Startblitz einer Rakete verwechselt hatte - ein Programmierfehler, der beinahe zum Schlagabtausch der Supermächte geführt hätte.

Dass sie derart knapp einem Anschlag entgangen war, davon hat die Zivilbevölkerung in Leeder damals nichts mitbekommen. Überhaupt hatten die Fuchstaler - einschließlich der Gemeinde selbst - nur wenig Kenntnis davon gehabt, was sich im Munitionsdepot alles abspielte: „Man hat so wenig darüber gewusst“, beklagt Franz Xaver Haibl, der von 1972 bis 1990 zweiter und dann von 1990 bis 2002 erster Bürgermeister der Gemeinde Fuchstal war.

Die Leute hätten lediglich immer gemutmaßt, dass dort vielleicht Atomsprengköpfe lagern könnten - „aber man hat nichts genaues gewusst“, so Haibl. Dass die Sprengköpfe tatsächlich in den Bunkern in Leeder waren, war nur Insidern wie etwa den Soldaten bekannt - wie zum Beispiel dem heutigen Veteranenvereinsvorstand Erich Linder, welcher in den Jahren 1971 und 1972, als das Munitionsdepot gebaut wurde, gerade beim Bund war. Doch die Soldaten seien damals zu strikter Geheimhaltung über diese Tatsache verpflichtet worden, berichtet Linder.

Die Sprengköpfe der Pershing-Raketen seien vor der Fertigstellung des Fuchstaler Munitionsdepots in Igling untergebracht gewesen. Das Gelände bei Leeder wurde strengstens bewacht: „24 Stunden lang brannten auf den ganzen 18 Hektarn die Lichter“, erzählt Linder.

Eine „Lichtverschmutzung“ sei das gewesen - „es hat keine Nacht mehr da hinten gegeben“, meint Altbürgermeister Haibl, dem das Waffenlager ein Dorn im Auge war - schon deswegen, weil für das Gelände eine wunderschöne Landschaft zerstört worden sei. Um sich den Frust von der Seele zu schreiben, hat er damals ein Lied über das Depot gemacht und auf der Kleinkunstbühne in Leeder aufgeführt.

Gut kann sich der Altbürgermeister noch an die Friedenskundgebung erinnern, die am 15. Oktober 1983 am Kriegerdenkmal in Leeder stattfand. Laut Zeitungsartikeln, die der 73-Jährige bis heute aufgehoben hat, waren damals mehr als 100 Friedenaktivisten nach Fuchstal gekommen und protestierten gegen die geplante Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen.

Die Demonstration sei sehr friedlich verlaufen, betont Haibl. „Die Initiatoren haben damals Friedenstauben verteilt“, erinnert er sich - „ich habe mir die Taube danach bei mir ins Auto gehängt“. Allgemein wohnten die Einheimischen der Friedensveranstaltung aber eher als „Zaungäste“ bei, wie aus den Presseberichten hervorgeht: In den Artikeln heißt es übereinstimmend, die Leute aus dem Ort und der Umgebung hätten der Demo eher „skeptisch zugeschaut“.

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