Entsetzter Aufschrei der Fußballfreunde beim 1:0 für Italien im Wohnzimmer von Kai Schmidt (rechts), der bis zu diesem Zeitpunkt noch das Trikot seiner Ehefrau Paola trägt. Foto: herold

So leiden (deutsche) Fußball-Fans in Denklingen

Denklingen - Was tut man nicht alles (aus Liebe), damit der Frieden im Hause nicht in Schieflage gerät! Vor allem bei der Fußball-Europameisterschaft, wo das Fernsehgerät im Wohnzimmer mit Vorrang von der Männerwelt beschlagnahmt wird.

Eine besondere Idee dazu hatte Kai Schmidt aus Denklingen, der seit fast sechs Jahren mit Paola, einer Italienerin, verheiratet ist. Kai, dessen große Leidenschaft das Thema Fußball ist, ist bekennender Fan seines Heimatvereins Osnabrück und des HSV. Kein Spiel versäumt er, auf einer Großleinwand im Wohnzimmer zu verfolgen, natürlich immer im Trikot „seiner“ Mannschaft. Dann ist vollste Konzentration angesagt, Zurufe oder gar unqualifizierte Einwände seiner Paola sind für ihn wie Nadelstiche.

Und jetzt kam es im Spielverlauf der EM zu einer Situation, die im Hause Schmidt eine gewisse Nervosität auslöste: Die deutsche Mannschaft trifft im Halbfinale auf Italien, ausgerechnet Italien. Als die Paarung feststand, brummte es in Kais Kopf wie in einem Bienenstock. Er malte sich alle erdenklichen Situationen aus, mit seiner Paola das Spiel verfolgen zu müssen. Und dann ist ja da auch noch der 16 Monate alte Stammhalter Niklas, der immer im unpassendsten Moment durch das Wohnzimmer robbt. Ein ruhiger genussvoller Fußballabend nach Männervorstellung - undenkbar.

So bot Kai seiner Paola ganz spontan an, sie und Söhnchen Niklas zum Flugplatz zu bringen, damit beide wieder mal die Familie in Pordenone bei Udine besuchen können. Paola nahm das Angebot gerne an, sie zog den Besuch ihrer Familie einem Halbfinale im Wohnzimmer mit Ehemann Kai vor.

Doch so ein Spiel alleine anzusehen, für Kai undenkbar. Eine kurze Umfrage bei seinen Mitarbeitern bei Hochland in Schongau genügte, um ein richtiges fußballbegeistertes Team zu sich nach Hause zu locken. Alleine die Großbildleinwand mit Geräten für HD-Qualität stellte den gefüllten Kühlschrank mit Geränken in den Schatten. Die Stimmung locker, fast übermütig, die Erwartungen hoch. Wetten werden abgeschlossen, alle setzen auf das deutsche Team. Die Variationen reichen von einem 2:1 bis zu einem gewagten 4:0 für Jogis Jungs.

Ein Aufschrei vor dem Beginn, Kai hat das italienische Trikot seiner Paola übergestreift, er wollte per Handy einen Amore-Fotogruß nach Pordenone schicken. Als er eine Deutschlandflagge an der Wand befestigt, beruhigen sich die Gemüter. Das Spiel kann beginnen.

Bei der Nationalhymne stehen sie alle, mit Hand aufs Herz und sicher im Text. Dann Stimmungsmache mit zwei Vuvuzelas - der Sieg ist felsenfest in der Tasche. Doch dann schon die ersten Fachkommentare, die Fans scheinen mit dem Spielverlauf in Dissonanz zu stehen. Stimmen werden laut betreffend Fehlplanungen in der Startformation, Podolski bekommt sein Fett ab.

Dann nach 20 Minuten der Aufschrei, gepaart mit Entsetzten in den Gesichtern. Balotelli köpft Italien in Führung. Kai ringt nach Fassung. Er wird hektisch, reißt sich das Trikot seiner Paola vom Leib und wirft es seinen Freunden zu. Die Dusche hat gesessen, aber die Jungs sind Patrioten. Sie feuern ihr Team weiter an, geben Ratschläge. Ausdrücke von fachlich bis zu nicht jugendfrei übertönen den Reporter. Es hilft nicht - Balotelli trifft erneut. Er schlägt den Ball ins Netz, die Jungs die Hände vors Gesicht. Zur Halbzeitpause wird Nervosität sichtbar, einer der Besucher läuft mit Schwung durch die geschlossene Terrassentür ins Freie. Nach dem verwandelten Elfmeter von Özil ein letztes Aufbäumen der Fans im Wohnzimmer von Kai Schmidt, dann der Abpfiff. Die Stimmung am Boden, der Schampus bleibt im Kühlschrank. Aus, Ende. Nicht einmal der Telefonanruf von Paola nach dem Spiel kann Kai aufrichten. Am heutigen Samstag wird er zum Flughafen fahren, um seine Familie wieder abzuholen. Wenn er dann seine Paola und seinen Niklas wieder in die Arme schließen darf, wird er hoffentlich erkennen, dass es Wichtigeres und Schöneres gibt, als Europameister zu werden.

Auch interessant

Kommentare