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Gemeinsam unter freiem Himmel feierte man am Bürgermeister-Schaegger-Platz den Gottesdienst.

Leonhardi-Ritt in Schongau

"Wir sind Gefangene unseres Konsums"

Schongau - Eine Augenweide in den Vormittagsstunden in Schongaus Altstadt: Prächtig herausgeputzte Pferde, gepflegte Kutschen, Reiterinnen und Reiter hoch zu Ross in ihren Trachten, goldgelb schimmerndes Laub auf den Bäumen – Szenen wie aus dem Bilderbuch.

Die vielen Zuschauer, die sich am Frauentor eingefunden haben, hören das Hufgeklapper schon von  weitem. Die Leonhardi-Reiter sind im Anrücken. Für dieses Jahr wurde eine andere Strecke durch die Stadt gewählt. Der Grund, man wollte gemeinsam einen Gottesdienst unter freiem Himmel feiern. Der Bürgermeister-Schaegger-Platz erweist sich als idealer Ort für dieses Vorhaben.

Dann dieser beeindruckente Moment: Die drei Vorreiter Franz Reßle, Thitikorn Pramchuen und Franz Reßle jun. reiten durch das Frauentor. Franz trägt als Mittelreiter das Kreuz, darüber breitet Maria auf dem gemalten Bild auf dem Torbogen ihren Mantel schützend über Mensch und Tier aus. Nicht inszeniert, einfach Momente, die „von oben“ gesteuert sind. Ein Augenblick zum Innehalten.

Oben in der Christophstraße reihen sich die Kutschen ein. Landrätin Andrea Jochner Weiß mit Bürgermeister Falk Sluyterman und den beiden Pfarrern Norbert Marxer und Hartwig Obermüller als Quartett winken den Zuschauern aus dem Landauer von Franz Ressle aus Forst zu.

Diakon Hans Steinhilber hat schon einen gewissen Vorsprung. Er reitet hoch zu Ross hinter dem Kreuzträger. Nicht allein gelassen, Anna und Johanna Reßle rahmen ihn ein. Der Gottesdienst wie ihn sich Franz Reßle gewünscht hat: Alle miteinander hoch zu Ross mit Blick auf den Altar. Seitlich mit einbezogen die Gäste, das Miteinender im Mittelpunkt.

Pfarrer Norbert Marxer erinnert in seiner Predigt, dass der Hl. Leonhard nicht nur als Schutzpatron der Tiere verehrt wird, sondern vor allem in erster Linie Schutzpatron der Gefangenen ist. Deshalb wird er mit der gesprengten Eisenkette wie symbolisch auf dem Pferde-Brunnen am Friedhof dargestellt.

„Wir sind Gefangene unseres Konsums“, spannt Marxer den Bogen in die heutige Zeit, und er fragt weiter: „Ist das normal, wie uns der Wohlstand gefangen nimmt?“ Jeder kann sich die Antwort selbst geben.

Der Gottesdienst wird von der Stadtkapelle unter Dirigent Marcus Graf musikalisch begleitet. Marschmusik zum gemeinsamen Umritt im Doppelpack. Da muss sich der Himmel von seiner besten Seite zeigen. Einmal in Marschformation die Schongauer Stadtkapelle, eine Nummer bequemer die Musikkapelle Rottenbuch auf dem Musikerwagen. „Vierspännig sauber eingspannt, Süddeutsches Kaltblut“, erwähnt Trommler Thomas Zeller nebenbei. Hermann Mayr hat hier die Zügel fest im Griff, der neunjährige Max Till sein Praxer.

Mit dem „Regimentsgruß“ der Schongauer wird der letzte Wolkenfetzten verjagt, die Rottenbucher pollieren den Himmel mit dem „Fridericus Rex“ auf Hochglanz. Im Kastenwagen eine wahrlich kostbare Fracht. Die Trachtenfrauen werden von Reinhard Bair aus Tannenberg durch Schongaus Straßen kutschiert. Die reiferen Damen tragen den Schalk, die Frauen in Festtagstracht bieten ein abgerundetes Bild. Wie auch der gesamte Festzug, der in diesem Jahr besonders beeindruckte.

Ohne Zweifel hat der im vergangenen Jahr verstorbene Josef Reßle da oben mit an der Schraube gedreht. Man erinnere sich: 1979 hat er mit vier Pferden dem Leonhardi-Ritt in Schongau Leben eingehaucht, heute ist die Veranstaltung „eine beeindruckende, bärige Sach, bei der Tradition ganz groß gelebt wird“, so Landrätin Andrea Jochner-Weiß. Sie ist in diesem Jahr das erste Mal in Schongau dabei und von den Trachten geradezu begeistert.

Leonhardiritt in Schongau in Bildern

Bürgermeister Falk Sluyterman sieht in der Tradition eine fantastische Bereicherung für die Stadt. „Hier fällt auf, dass die Ross besonders liebevoll hergerichtet sind“, komplimentiert Susanne Bichlmayr aus Penzberg. Sie trägt passend zur Tracht einen Fuchspelz um den Hals, von ihrem Vater geschossen. „A boarisches Madl braucht des“. Ihr Partner Hans Glenz mit Gamsbart am Hut – Chappeau!

Dass es an Nachwuchs nicht fehlt, erkennt an Noemi Ostler aus Wessobrunn. Ganze neun Jahre alt und schon mit dabei. Daneben Reitlehrerin Jade, die ihr alles beigebracht hat. Ein wahres Marathonprogramm hat Andreas Ellenrieder an diesem Wochenende zu absolvieren. Pferdenarrisch sozusagen. Freitag Forst, Samstag Schongau, Sonntag Rottenbuch. Sein Süddeutsches Kaltblut nimmt´s gelassen.

Und Organisator Franz Reßle? Er erinnert, dass die Rösser über Jahrhunderte treue Helfer der Menschen waren. „Deshalb haben sie unsere Wertschätzung verdient.“ Dabei hebt er hervor, dass er es toll findet, dass gerade die Jugend diese Tradition weiter pflegt. „Es kunnt nimmer scheener sein“, ruft Reßle den Gästen zu und: „I bin der Franz und do bin i dahoam!"

Hans-Helmut Herold

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