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Zahlreiche Besucher ließen sich von Doris Dörrie (li) ihre Bücher signieren.

Lesung mit Doris Dörrie

26 Buchstaben für die Welt

Schongau - Ein Wunsch von Schongaus VHS-Leiterin Ursula Diesch ist in Erfüllung gegangen: Zum 70. Jubiläum der Volkshochschule konnte sie einen Abend mit Regisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie präsentieren. Über 150 Besucher kamen.

Nicht aus ihrem neuesten Buch „Diebe und Vampire“ las die Autorin mit Wohnsitz in Bernbeuren vor, sondern hatte sich kurzfristig zum Lesen der Erzählung „Der Mann meiner Träume“ entschlossen. Die Geschichte handelt von einem Model namens Antonia, das schon etwas zu lange im Geschäft ist, und ihrem Traummann, dessen Bild sie in Form einer Postkarte immer bei sich trägt. Nämlich das „Bildnis eines jungen Mannes mit Medaille“ von Sandro Botticelli.

Ein Ebenbild des jungen Mannes, der vor über 500 Jahren gelebt hat, glaubt sie in dem heruntergekommenen Bettler Johnny, den sie im Eingangsbereich eines Münchner Kaufhauses entdeckt, gefunden zu haben. Bei näherer Bekanntschaft stellt sich heraus, dass Johnny keinesfalls arm ist, sondern 100 000 Euro geerbt hat. Die Bettelei macht er nur zum Spaß, „um den Materialismus in den Hintern zu treten“, sprich aus Protest gegen die reichen Säcke, von denen er selber einer ist.

Soweit könnte es sich bei der Story durchaus um eine Rosamunde Pilcher-Schmonzette handeln, wären da nicht diese Sätze: „Gute Laune, die versprüht wurde wie Tannennadelduft auf dem Klo“ oder „Liebe ist wie ein Sandsack. Jeder, mit dem man schläft, macht ein Loch hinein, durch das der Sand herausrieselt. Übrig bleibt nur eine leere, alte Hülle“. Sätze, mit denen Doris Dörrie kunstvoll Geschichten malt.

Wie die Geschichte von Antonia und Johnny ausging, wurde nicht verraten. Nur so viel, dass es ein überraschendes Ende gebe. Dafür gab es überraschend freimütigere Einblicke in das Leben der sympathischen Autorin. Die Kunst, Geschichten zu erzählen, erschloss sich Doris Dörrie schon früh. Nämlich in der Grundschule. „Das Wunder, dass man mit 26 Buchstaben ganze Welten entstehen lassen kann“, beschreibt sie als ihr „Erleuchtungserlebnis“.

Der „unglaubliche Luxus, verschiedene Welten zur Verfügung zu haben“, war für sie in jungen Jahren sehr wichtig. „Ich war ein einsames Kind“, erzählte sie offen. Schuld waren die Zwillingsschwestern, die geboren wurden, als sie drei Jahre alt war und sie „vom Thron“ verdrängten, indem sie die ganze Aufmerksamkeit der Eltern forderten. Zur Strafe wurden sie bereits früh von der späteren Regisseurin „in Märcheninszenierungen geprügelt“, wie Dörrie frisch von der Leber weg erzählte. Aus dieser Zeit stammt auch ihre Weisheit, dass „für richtige Tränen eine Ohrfeige kurz vor dem Auftritt unheimlich bedeutend sein kann“. Eine Methode, die sie heute noch anwende.

„Wenn ich irgendwo im Publikum sitze und eine Frage stellen möchte, schaffe ich das nicht, weil ich so schüchtern bin“, ermunterte sie anschließend das Publikum bei der schleppend anlaufenden Fragestunde. Schüchternheit wollten sich die Anwesenden doch nicht vorwerfen lassen und löcherten sie mit Fragen wie: „Fliegen ihnen Ihre Sätze einfach zu?“, „Warum ist im Film „Grüße aus Fukushima“ so wenig Landschaft zu sehen?“ oder „Wann inszenieren Sie die Zauberflöte?“ Alles Fragen, denen sich Doris Dörrie ernsthaft und geduldig stellte, bevor sie mit einer Signierstunde die Veranstaltung beschloss. 

Ursula Fröhlich

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