+
Begeisterten mit purer Himmelssinfonik.

Letztes Sommerkonzert der Reihe Festlicher Sommer in der Wies

Schwebende Transzendenz und klingende Spiritualität

Wies - Für das letzte Sommerkonzert der Reihe „Festlicher Sommer in der Wies“ hatte man zum Auftakt „Unvollendetes“ ausgewählt.

„Bei einer andächtigen Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart“, konstatierte vor über 300 Jahren einer, der es wissen musste wie kaum ein anderer: Johann Sebastian Bach. Auch für Wiesprälat Gottfried Fellner, Bach zitierend, leuchtet sakrale Musik im Weltkulturerbe Wies als Vorgeschmack von Gottes Gnade und Erbarmen. Er ist sich gewiss, dass am Ende des irdischen Weges, behütet und ummantelt vom Geschenk der Erlösung, nichts mehr unvollendet bleiben wird.

Für das letzte Sommerkonzert der Reihe „Festlicher Sommer in der Wies“ hatte man zum Auftakt „Unvollendetes“ ausgewählt. Geheimnisse und Legenden umranken Franz Schuberts „Unvollendete“. Nicht einmal in der Zählung des zweisätzigen Fragments ist man sich einig: Manche zählen sie als Schuberts Siebte, andere als Sinfonie Nr. 8.

Dirigent und Künstlerischer Leiter Christoph Garbe tastet sich mit unendlicher Sanftheit in die Eröffnung dieses schwebenden Beweises von Himmelssinfonik. Behutsam, mit wenigen Gesten entlässt er die Neue Süddeutsche Philharmonie, hervorragend besetzt mit Mitgliedern der drei großen Spitzenorchester Münchens von Philharmonikern, BR und Staatsoper, in eine delikate künstlerische Gestaltungsfreiheit. Garbe ruht in seiner Mitte, sehr klar und stets präzise in der Zeichengebung. Ein extrovertierter Pultmatador ist er nicht. Ihm gelingt es, diese Musik unprätentiös wie uneitel mit tiefer innerer Ruhe und liebevoller Hinwendung, die keine Zweifel an Gewissheit und Größe lässt, zu gestalten. Weniger das bedrohliche Moment, die Spaltung einer geängstigten Seele, stehen in seinem Schubert im Vordergrund. Er verlässt sich mit wonniglichem Holz und Hörnern, mit subtilen Celli auf die Überwindung dämonischer Gedanken, bleibt fließender Schönheit und elegantem Blühen verbunden. Die Zeit in der Wies abwarten zu können, damit sich der volle Klang im Raum entfaltet, ist eine Kunst, die Garbe inzwischen großartig entwickelt hat.

Für die chorischen Programmteile hat Garbe dem Chor der Stadt Schongau einen Ideal-Partner an die Seite gestellt: die Sängerinnen und Sänger des Berufsfachschulchores für Musik der Akademie in Krumbach. In Arvo Pärts meditativ kraftvollem „Triodion“ mischt sich die bewährt geschulte, feine Klangkultur der Schongauer mit den jungen Stimmen zu einer herrlichen Klarheit und Frische. Das äußerst anspruchsvolle A-cappella-Werk kriecht direkt unter die Hörerhaut. Die Wechselwirkung von Aufschrei „O Jesus, have mercy“ Anbetung, Flehen, Sehnen „save us“ und Gewissheit „our only hope“ dringt mit unglaublich schwebendem, vollkommen geschlossenem Chorklang in jede Pore der Zuhörer. Spätestens am Ende der ersten Ode verfestigt sich die Erfahrung, dass man hier einen besonderen musikalischen Moment, in dem Chorgesang und Spiritualität des Ortes ganz verschmelzen, miterleben darf. Die ganze Wies schöpft in atemloser Stille aus diesem Augenblick der Transzendenz. Kristallin leuchten die extremen Höhen der Soprane „that our souls may be saved“, wie ein Schicksalspendel schwingt das „pray unto God for Us“.

Dass jede Stimmgruppe in guter Balance arbeitet, der Gesamtklang geschliffen die Wies erobert, wird auch bei Mendelssohn-Bartholdys seltener zu hörendem „Lauda Sion“ nach lateinischen Sequenzen des Thomas von Aquin deutlich. Garbe am Pult führt Chor, Orchester und Solisten-Quartett energisch raumgreifend mit flüssigen Tempi, die das Werk wie ein Herzschlag durchpulsen. Schicht um Schicht weicher und runder türmt sich da ein satter, prächtiger Chorgesang in den typischen Mendelssohn‘schen Farben auf. Im Nachwuchs-Solisten-Quartett ist es vor allem das dunkle Timbre der Sopranistin Anna Karmasin, was Garbes Farbpalette gut ergänzt. Selig darf man im lautmalerisch hoch ambitionierten Orchester vor allem immer wieder die Solo-Oboe genießen. Fein schwingt das Orchester-Tutti, den Chorklang nie zudeckend oder übertrumpfend. Der Mut, nicht allein den Gaumen der Konzertgänger mit geliebtem wie bekanntem Repertoire zu verwöhnen, sondern auch abseits der Publikumsmagneten in und aus großer Musik zu schöpfen, wird am Ende mit überzeugtem Jubel bedacht.

Dorothe Fleege

Auch interessant

Kommentare