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Bis auf den letzten Zentimeter haben Marcel Reintsch (31) re. und Tobias Heiland (29) den 40-Tonner mit 1200 Paketen beladen. Für Tobias, der beim TSV Landsberg Torwart ist, ist es Ehrensache, einen Fußball mitzunehmen. Auch die 5-jährige Sarah Thoma hat zwei Pakete mitgebracht. Wie sie verraten hat, sind viele Kuscheltiere mit eingepackt. Der Rest bleibt Engelsgeheimnis

Aktion Weihnachtstrucker

1200 Pakete für strahlende Kinderaugen

Schwabbruck - Man kann sich im Leben ja für viele Dinge begeistern, sie mit Leidenschaft betreiben. Eine besondere, uneigennützige Leidenschaft hat Marcel Reintsch gepackt: Zum achten Mal steuert er einen Hilfstruck Richtung Bosnien, voll beladen mit Geschenkpaketen.

Als sich Marcel Reintsch im Jahr 2008 das erste Mal als Fahrer an der Weihnachtsaktion der Johanniter beteiligte, ahnte er noch nichts von den Auswirkungen auf sein Inneres. Hinter dem Lenkrad seines Lkw sitzt der Berufskraftfahrer ja nahezu täglich, fährt um die 200 000 Kilometer pro Jahr. Das Führerhaus ist sein Arbeitszimmer, in dem er sich wohl fühlt.

Doch dann war eben dieses erste Mal. Die Fahrt in ein fremdes Land. Straßen, die Marcel im Alltag umfahren hätte. Gebiete, von denen er vorher nur vom Hörensagen gewusst hat. Bilder, die er ausschließlich vom Fernsehen kannte. Und dann das Schlüsselerlebnis, das ihn geprägt hat. Eingebrannt in sein Inneres. Es waren die Augen der Kinder und alten Menschen, die ihn beim Verteilen der Pakete gefesselt haben. „Wenn Du in diese Augen siehst, vergisst Du alles um dich herum“, erzählt Marcel mit gedämpfter Stimme.

Augen voller Hoffnung, Augen voller Freude, aber auch Augen völliger Leere. Jedes Augenpaar erzählt eine Geschichte.

Weit abgelegene Dörfer warten noch auf die Paketverteiler, auch sie sollen mit einem Lichterstrahl von Weihnachtsfreude bedacht werden. Mit dabei ist Freund Tobias Heiland. In früheren Jahren haben die beiden miteinander Fußball gespielt, jetzt werden sie sich die Fahrerkabine teilen. Auch das Lenkrad des 40-Tonners wird von Hand zu Hand wechseln.

„Ruhepausen müssen eingehalten werden, wie bei einem normalen Transport“, erklärt Marcel Reintsch. Deshalb ist er froh, in Tobias den passenden Partner gefunden zu haben. „Der fährt im Betonwerk bei Lang & Haberstock die ganze Fahrzeugpalette, da hat er mit meinem Viehtransporter bestimmt keine Probleme“, verrät Marcel mit einem Schmunzeln.

Schon in der Vorbereitung hatten die beiden alle Hände voll zu tun. Noch am Heiligen Abend wurden bis in die Nachmittagsstunden die Paket-Sammelstationen abgeklappert. Aus dem Raum Landsberg und Augsburg mussten 1200 weihnachtlich verpackten Geschenkpakete in den umfunktionierten Viehtransporter geladen werden. Um Lücken zu vermeiden, wird manches Paket drei- bis viermal gedreht.

Ein großes Kompliment spricht Reintsch den Spendern der Pakete aus. „In einer Zeit, wo sich alles um Asylbewerber dreht, werden diese Menschen schnell vergessen“, erinnert Marcel. Dabei bezieht er auch Siegfried Röck aus Altusried im Allgäu mit ein. Reintsch hat den Firmenchef der gleichnamigen Transportfirma auf einer Fahrt in Spanien kennengelernt und ihn für das Projekt begeistern können. Röck stellt den 40-Tonner kostenlos zur Verfügung.

Wenn alles gut verläuft, werden die beiden Schwabbrucker an Silvester wieder zuhause sein. Ein bisschen Ungewissheit liegt schon in der Luft. Gut, die Hinfahrt ist (fast) per Routenplan festgelegt. Nach dem traditionellen Gottesdienst in Landshut geht es am zweiten Weihnachtstag los. Dann setzte sich der „Bosnien-Konvoi“, bestehend aus fünf Sattelzügen, in Richtung Tusla in Bewegung. „Aber was uns entlang der serbischen Grenze erwartet, steht in den Sternen“, erklärte Reintsch vor der Abfahrt.

Aufgrund der dort anhaltenden Flüchtlingsströme kann es durchaus zu einigen Änderungen kommen. Viel Ungewissheit also für die Heimfahrt. Aber eines ist gewiss: Schon Tradition, die auch nicht alltäglich ist – jeder Rückkehrer dieses Weihnachts-Hilfstransports tritt auf Höhe Prien am Chiemsee nochmal fest in die Bremsen. Der Wirt vom Gasthof Schalchenhof lädt zur „Heimkehrer-Brotzeit“ ein. Alle Jahre wieder. Ein kleines Dankeschön an all die Engel in Menschengestalt, die so viel Gutes getan haben.

Hans-Helmut Herold

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