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Menschen XXL Trend zunehmend

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Schnell satt, schnell wieder Hunger.
Schnell satt, schnell wieder Hunger.

Schongau - Der Durchschnittsmensch wird immer größer und breiter. In der heutigen Generation ist der Sohn bereits um sechs Zentimeter größer als sein Vater, bei den Frauen sind es fast vier.

„Wir werden größer als unsere Eltern, viele werden später auch schwerer. Es ist kein Geheimnis, dass das auf die Ernährung zurückzuführen ist.“ So sieht es auch die Ernährungsberaterin Rita Mühlbauer aus Altenstadt. „Der Wandel im Essverhalten in den letzten zehn, fünfzehn Jahren gibt den Ausschlag.“ Sie spricht von „Kohlenhydratfallen in Sättigungsbeilagen“, also in Nudeln oder Pommes Frites. Das sind häufig Produkte aus Weißmehl. „Diese kurzkettigen Kohlenhydrate können vom Körper schnell aufgeschlüsselt werden, der Blutzuckerspiegel steigt kurzfristig und damit auch das Insulin, dessen Aufgabe es ist, den Blutzucker in die Zellen zu bringen.“ Dabei ist es gerade dieses Proteohormon Insulin, das wirklich dick macht.

Es ist ein Gefühl, das wohl jeder kennt, nach einem großen Teller Spaghetti oder einem Besuch im Restaurant zum Goldenen M. Die Sättigung stellt sich schnell ein, hält aber nicht lange an. „Nach zwei Stunden verspürt der Körper bereits wieder Hunger. Infolgedessen rät Mühlbauer dazu, „vier bis fünf Stunden nichts zu essen“ und zudem weniger Beilagen, dafür mehr Gemüse und Fleisch zu sich zu nehmen. Ja, auch Fleisch, weil Fleischfett nicht gleich Körperfett ist.

Doch die Industrie weiß, sich an die veränderten Körper der Menschen anzupassen. So werden heute in der Möbelzentrale XXL-Fernsehsessel angeboten für Menschen mit 120 Kilogramm aufwärts. Das hat es vor 20 Jahren noch nicht gegeben. Darüber weiß auch Ines Zorn vom Matratzen Concord zu erzählen. „Matratzen mit 2,20 Meter auf 1,40 Metern sind längst keine Ausnahme mehr.“ Den kräftigen Menschen angepasst werde müsse das ganze Bett, es gibt „Xtreme Plus“-Lattenroste und Bettgestelle mit zusätzlichen Traversen und Querverstrebungen. Nebenbei steigt auch die Schlafhöhe, weil dann das Aufstehen leichter fällt.

Doch auch medizinische Einrichtungen müssen sich auf ihre beleibten Gäste einstellen. Im Krankenhaus Schongau sei man aber gut versorgt, wie Aguedita Afemann, die Pressesprecherin der Krankenhaus GmbH Landkreis Weilheim-Schongau, berichtet. „Ein normales Bett reicht aus für bis zu 170 Kilogramm.“ Die Hersteller sehen allerdings dem Trend entgegen und bauen bereits jetzt alle Betten für Menschen mit 220 Kilo. Wenn das Schongauer Krankenhaus nun nachrüstet, werden auch nur diese Betten bestellt. „Dass Menschen mit solchen Ausmaßen zu uns kommen, ist aber nur selten der Fall“, erklärt Afemann.

Häufiger mit Menschen mit größeren Ausmaßen zu tun hat auch Physiotherapeut Christian Faisst vom Physiotherapie Centrum Schongau. Die Probleme der Großen sind meist „orthopädische Haltungsschäden“, vom unbewussten und absichtlichen Ducken an Türen oder „Kleiner-wirken-wollen“ um nicht so aus der Menge herauszustechen. Ein weites Feld sind dagegen die Probleme der Übergewichtigen. Von der Überbelastung der Knochen und Sehnen bis zur Verlagerung des Körperschwerpunkts gibt es unzählige Symptome. Als Ursache für die äußerlichen Veränderungen sieht er eine „Mischung aus schlechterer Ernährung und verändertem Energiehaushalt“.

Im Zeichen des Wandels steht auch die Automobilbranche. Die Familienvans und SUV’s gehen gut, die Preise werden immer niedrieger und viele wünschen sich in ihrer zweiten Heimat einfach mehr Geräumigkeit, mehr Platz. Das sieht auch Daniel Haager vom Autohaus Max Becher so. „Der Audi Q5 oder der VW Tiguan werden ziemlich häufig verkauft.“ Dabei ist mit diesen Maßen das Einparken oft nicht gerade leicht. Gerade bei der Parksituation in der Schongauer Altstadt stößt da so mancher schon mal an seine Grenzen - oder an den Randstein.

„Die Richtlinien für die Parkplätze liegen bei 2 Meter mal 5 Meter für Längsparker und 2,50 Meter auf 5 Meter bei Senkrechtparkern“, erläutert Alexander Joseph vom Tiefbau der Stadt Schongau. „Das sind zwar nur Richtwerte, die Stadt Schongau wird aber in ihrer Planung auch in den kommenden Jahren nichts verändern.“

Dem stehen aber die Abmessungen der Autos gegenüber. Ein Audi Q5 hat die Maße 2,09 Meter auf 4,52 Meter, ein VW Tiguan kommt immerhin auf 2,04 Meter mal 4,52 Meter. Dazu kommt dann aber noch der Türöffnungswinkel, denn häufig wollen Fahrer und Beifahrer nach dem Parken auch noch aussteigen. „Dann sind wir beim Tiguan schon bei 3,65 Meter“, so Haager weiter.

Alexander Joseph vom Tiefbau sieht da aber auch viele Fahrer in der Schuld. „Wenn die Leute ordentlich parken würden, dann reicht der Platz. Schlechte Parker gibt’s auch bei breiteren Plätzen.“ Den Fehler sieht Haager vom VW Becher dagegen bei den Stadtplanern. „Es ist falsch mit der eigentlichen Fahrzeugbreite von 1,81 Metern beim Tiguan zu rechnen. Das hilft nichts, wenn ich dem Nachbar dann den Seitenspiegel aufs Dach legen muss.“ Doch viele Stadtplaner wollen den Platz maximal ausnutzen, denn für jeden Platz weniger geht Parkgebühr verloren. Eigentlich widersinnig, denn so sind einfach ein Teil der Plätze nicht „parkbar“.

Dieses Problem kennt auch Alexandra Bodmann, Zahnärztin in der Stadt. Sie selbst fährt einen großen Mercedes und das Parkplatzfinden dauert manchmal etwas. „Das Einparken geht dann zwar dank Einparkhilfe recht leicht“, meint sie lachend, „aber im Winter ist es oft wirklich problematisch. Wenn die Längsparker dann noch von Schneehaufen eingeengt werden, trauen sich viele gar nicht mehr einzuparken.“ Von vier Plätzen bleibt also einer ungenutzt.

Gelegentlich mit Übergrößen zu tun hat auch Irmgard Mayr vom Sanitätshaus Gürtner. Sie haben auch Textilien im Angebot, die in anderen Läden, weil zu wenig verkauft, gar nicht (mehr) im Sortiment sind. „Bei den Damengrößen ist in anderen Bekleidungsgeschäften oft schon bei Konfektionsgröße 42 Schluss“, so Mayr, „dabei sollte es mindestens bis 46 reichen“. Sie sieht dabei vor allem die großen Modelabel in der Schuld. „Viele dieser Unternehmen sind nur gewinnorientiert, jeder mit einem Körper außerhalb der Normen ist betriebswirtschaftlich nicht relevant.“ Auf der anderen Seite steht das Leitbild der Markenfirmen, das sie als Käufergruppe definieren - die Idealmaße. „Jeder, der die nicht hat, den wollen die Firmen nicht mit ihrem Logo auf der Brust laufen sehen.“ Diskriminierung im Sinne der globalen Wettbewerbsfähigkeit. Also gilt für viele die Suche im Internet, oder die Fahrt zu speziellen Geschäften ist nötig. „Das war aber vor zehn oder fünfzehn Jahren definitiv noch anders“, betont Mayr. Doch im Zuge der Globalisierung sind viele Nischenprodukte verschwunden, Familienunternehmen wurden aufgekauft. Ein Wandel vom kunden- zum gewinnorientierten Markt.

Aus der Reihe fallen aber nicht nur Menschen mit größerem Umfang, sondern auch überdurchschnittlich große oder kleine. „So zum Beispiel die 17-jährige Missy Franklin, die Ausnahmeschwimmerin der Olympischen Spiele in London. Sie würde mit ihrer Schuhgröße 45 auch ganz schön auf Suche gehen müssen.“

Pirmin Meier

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