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Mit Miniaturbauten Parkinson überlisten

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Schongau - Weil er sich seiner Parkinson-Erkrankung nicht geschlagen geben wollte, hatte Bernd Stemmler eine zündende Idee: Er baute in seinem Wohnzimmer die Wieskirche nach - aus Streichhölzern.

Vor einem knappen Jahr hatte Bernd Stemmler aus Schongau mit einem Miniaturbauwerk auf sich aufmerksam gemacht. Er hatte aus über 4000 Streichhölzern eine historische Mühle nachgebaut. Das Besondere an der Sache: Stemmler hat Parkinson. Doch er lässt sich nicht gehen oder gibt sich gar der Krankheit geschlagen. Stemmler ist ein Kämpfer, Tag für Tag aufs Neue. Nach der Fertigstellung der Streichholz-Mühle war er zu einer weiteren Herausforderung bereit. Als ob er die Krankheit überlisten wolle, die Krankheit, die Unruhe in seine rechte Hand bringt. Etwas, was er bei seiner Arbeit am Bau der Kunstwerke überhaupt nicht brauchen kann.

Irgendwie scheint es zu klappen, dieses Überlisten. Denn wenn Stemmler ein Streichholz mit der Pinzette an den bestimmten Platz setzen muss, ist von dem Zittern nichts mehr zu erkennen. Nachdem die Mühle fertig war, ist in Stemmler ein neuer Plan gereift. Er wollte ein Bauwerk nachbauen, welches ihn schon immer fasziniert hat: die Wieskirche. Nach der Operation eines Nabelbruchs startete er sein Projekt. Immer wieder fuhr er mit Ehefrau Steffi zur Wies, machte Fotos, kaufte Postkarten und maß mit einem Maßband einzelne Stücke der Kirche ab. Zwei Bau-Versuche schlugen schon in den Anfängen fehl, die Maßstäbe erschienen Stemmler ungeeignet. Erst im dritten Anlauf zeigte sich Stemmler zufrieden.

Unterstützt wurde er bei den Planungen von der Wirtschafterin der Wies, die ihm Zugang zum Wirtschaftsgebäude ermöglichte. Denn Stemmler wollte sich nicht nur auf die Kirche, sondern auch auf das nahe Umfeld konzentrieren. Zuhause wurde an dem Plan gearbeitet, gefeilt. Jeden Tag, jede freie Minute. Stemmler fertigte Schablonen für Erker, Dachform, Zugänge. Über 70 verschiedene zählte er am Ende.

Dann kam eine letzte Begehung der Wies. Stemmler wollte in seinen Plan eintragen, auf welcher Seite Fenster und Türen ihre Beschläge und vor allem Scharniere haben. Für Ehefrau Steffi schwer zu verstehen, aber sie kennt ihren Bernd. Wenn er etwas macht, dann genau.

Die Bauphase beginnt. Stemmler hat sich mit genügend Streichholzpäckchen eingedeckt, der Holzleim ist angerührt. Stück für Stück schneidet er mit einem Skalpell die Hölzer auf ihre richtige Länge. Er hat sich ein Depot eingerichtet, wo diese nach Millimeter geordnet liegen. So wird Zeit gespart. Denn das fertige Bauwerk soll zu Weihnachten neben dem Christbaum stehen - mit Innenbeleuchtung.

Am Ende werden die Stunden exakt aufgelistet sein, genauso wie das Baumaterial. 480 Stunden hat Stemmler in aller Präzision Hölzchen an Hölzchen gereiht, 480 Stunden hat er dabei seine Krankheit im Griff gehabt. Dabei wurden genau 7200 Hölzchen verbaut, Tag für Tag, Woche für Woche. Nur einmal gab es eine Zwangspause, angeordnet von Ehefrau Steffi: Im Oktober wurde Geburtstag gefeiert, Stemmler wurde 70. Seine Frau organisierte einen Kurztrip zum Sohn nach Leipzig.

Auf die Frage, was Stemmler als nächstes Bauwerk vorschwebe, ist nur ein gepresstes „Burg“ zu hören. Der kleine Ellenbogenstoß von Ehefrau Steffi, die einen Baustopp angeordnet hat, ließ „Die Wart“ förmlich untergehen.

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