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Zauber in der Wies (vorne v.li.): Konzertmeister Julian Shevlin, Christian Fröhlich, Solocellist Floris Mijnders.

Musik im Pfaffenwinkel

Dröhnender Glanz in jedem Wieswinkel

Wies - Anton Bruckners musikalisches Schaffen entströmte einem tiefen Glauben an Gott. Dass sein „Te Deum“ wie in die Wies hinein gegossen wirkt, mag also nicht verwundern.

Anton Bruckner wuchs in einem streng katholischen Haus auf und wurde im Sinne der christlichen Moral seiner Zeit zu Frömmigkeit, Demut und Enthaltsamkeit erzogen. Von Kindheit an war er mit der Kirche stets eng verbunden. Auch später, als er selbst den Beruf des Lehrers ausübte, als Stifts- bzw. Domorganist in St. Florian und Linz tätig war, stand er unter dem Einfluss kirchlicher Autoritäten, wenngleich er den geistlichen Würdenträgern doch nicht als völlig hörig galt. Aufgrund seiner Verbundenheit mit der Kirche und seiner brennenden Religiosität nennt man Bruckner bisweilen auch heute noch den „Musikanten Gottes“.

Prälat Gottfried Fellner deutete auf den Kern dieser Musik, die die Begegnung mit dem wahren Schöpfergott ermöglichen könne, mit eindringlichen Worten hin. Gewidmet hatte der Gemischte Chor im Pfaffenwinkel den großen Konzertabend dem Gedenken an Otto Bauer, Gründungsmitglied der Konzertreihe Musik im Pfaffenwinkel, der erst in der vergangenen Woche im Alter von 88 Jahren abberufen worden war.

Von Beginn an groß und wuchtig, schallt das fünfteilige Sakralwerk für Soli, Chor und Orchester, das Bruckner als „Stolz meines Lebens“ bezeichnete, durch die Wies. Christian Fröhlichs Nerven scheinen zu vibrieren, energiegeladen federt er wie ein asiatischer Kampfkünstler auf dem Pult, dirigiert diesen Bruckner-Abend stets mit weit ausholendem Gestus. Im wahrsten Sinne vollmundig agiert der Gemischte Chor im Pfaffenwinkel, der sich allerdings der Versuchung, im Fortissimo mehr laut als rund zu singen, nicht immer ganz entziehen kann, was bisweilen die Textverständlichkeit leider mindert.

Beeindruckend raumgreifend nimmt er die Führung des Dirigenten Fröhlich ab. Reduziert er die Lautstärke, fokussiert sich z.B. beim „In Aeternum“ auf die suggestive Botschaft, leuchtet er warm und rund. Mit Susanna Martin, Sopran, und Monika Strohmayer, Alt, wählte Fröhlich für das Solistenquartett bewährt Wohlklang verbreitende, erfahrene Stimmen. Mit Thaissen Rusch, Tenor, und Bassist Thomas Stimmel eröffnete er dem Nachwuchs eine Plattform. Rusch konnte vor allem mit seiner weichen Mittellage überzeugen, samtig geführt wärmten die Basslinien des ehemaligen Tölzer Knabenchormitglieds Stimmel.

Einen blütenzarten Teppich streut die Kontrabassgruppe des Orchesters mit den ersten Pizzicati von Bruckners fünfter Sinfonie, bevor das schwere, „heilige“ Brucknerblech seine massigen Akkorde in die Wies stellt. Fast leuchtet der Altarraum der Wallfahrtskirche eine Spur goldener im Glanz dieser Klänge, obwohl draußen schwer die Wolken dräuen. Welch ein Glück für den Künstlerischen Leiter Christian Fröhlich, ein Orchester vornehmlich aus den Reihen der Münchner Philharmoniker um sich versammeln zu können. Gilt doch gerade dies internationale Spitzenorchester als quasi mit der großen romantischen Sinfonik verheiratet. Fröhlich durchtanzt diese Partitur raubkatzenartig zum Sprung bereit in aufgeregter Ekstase.

In der minimalistischen Kürze der zur Verfügung stehenden Probenzeit gilt Fröhlich ein Sonderapplaus, denn er formt trotz nur kurzer Verständigungsmöglichkeiten mit dem exzellenten Orchesterapparat eine erhabene Fünfte in den Raum. Die wird vom stets ambitionierten Konzertmeister Julian Shevlin klug und mitreißend geführt, findet in den wunderbar glänzenden Celli und Bässen, der geschmeidig balancierten Horngruppe, dem immer mit Delikatesse Größe erzeugenden Solopauker Walter Schwarz ideale Partner.

Die blockartigen imposanten Wechsel zwischen Hörnern, Holz und tiefem Blech, die wie eine riesige Welle anbrandenden Tutti-Crescendi tauchen die in den Bänken dicht gedrängten Hörer in einen wahren Bruckner-Rausch. Mit elastischem Puls, eine Prise Wiener Charme als augenzwinkernde Zutat im Gepäck, walzert man durchs Scherzo. Um dann in abrupten Farbwechseln anzukündigen, dass sich der bäuerlich anmutende Tanz nicht harmlos dreht, sondern mit Macht zuschlagen kann.

„Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen“ sagte Anton Bruckner einst. An diesem Abend konnte man verstehen, wie ernst es ihm mit seinen großen Bauwerken gewesen ist. Lang anhaltender Applaus. Übrigens: Am Ende, wenn bereits das Publikum in die Nachtkühle geeilt ist, sind es dann unermüdliche Chordamen, die Stühle tragen, Platznummern, Pulte und allerlei Organisatorisches aufräumen. Die Freude über den gelungenen Abend steht ihnen ins Gesicht geschrieben, die Anstrengung aber auch.

Dorothe Fleege

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