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Musik erreicht, wo Worte nichts mehr ausrichten. Verena Kraus mit Schellenrassel, Keyboard und Trommel in der Musikstunde im Heilig Geist Spital. Wie nach einem langen Schlaf holt sie die Senioren aus ihrer Apathie.

Musikschule und Heilig-Geist-Spital testen Musikgeragogik

Zeit des Erwachens

Schongau - Mit einem gemeinsamen Projekt von Musikschule und Seniorenheim soll die Versorgungsqualität der dementen Bewohner im Heilig Geist Spital in Schongau verbessert werden.

Es wirkt, als ob die Frau aufgewacht wäre. Sie reagiert auf die Pfleger, ergreift freudig ein Stofftier und knuddelt es. Ihre Nachbarin lächelt, eine andere wiederholt selig, dass sie auch Klavier am Institut gespielt habe. Das Video, das Leiter des Spitals Günther Scherer den Anwesenden vorspielt, dauert wenige Momente und zeigt, worauf alle gehofft haben. Zu sehen sind einige Bewohner des Heilig Geist Seniorenheims in Schongau, die an Demenz erkrankt sind, genauer gesagt sich im Spätstadium der Krankheit befinden und normalerweise nicht mehr auf ihre Umwelt reagieren. Sie zu erreichen, an diese Menschen heranzukommen, das ist das Ziel des Projektes „Musik und Demenz“.

Nun sei man mittendrin, so Cornelia Funke. Musikgeragogik heißt die neue Fachdisziplin in der Pädagogik, mit der sich Verena Kraus beschäftigt. Die Silbe „Ger“ deutete es an, es geht um die musikalische Bildung im Alter. Quasi das Gegenstück zur musikalischen Früherziehung bei Kindern. Bis zum vergangenen Herbst, als Karl Höldrich, Leiter der Musikschule, sie auf eine Fortbildung an der Landesakademie in Ochsenhausen aufmerksam machte. Ein Zertifizierungskurs der Sing- und Musikschulen in Bayern und Baden-Württemberg zur Musikgeragogin.

Doch wo das Gelernte umsetzen? Höldrich spricht im Heilig Geist Spital vor und rennt „offenste Türen“ ein, wie sich Günther Scherer erinnert. Selbst seit mehr als 30 Jahren in der Seniorenarbeit tätig, weiß Scherer um die Möglichkeiten. Und wenn er erzählt, was in den ersten „Musikstunden“ mit seinen Bewohnern passiert ist, strahlt Scherer über das ganze Gesicht. Es sind vor allem Kinderlieder, aber auch manche Kirchenlieder, die die dementen Bewohner aus ihrer Apathie herausholen.

Drei Gruppen von dementen Bewohnern wurden für das Projekt ausgewählt, wobei einerseits die Biographie ausschlaggebend war, aber auch die Angehörigen beteiligt wurden. Die erste Gruppe leide an einer leichten Demenz, die zweite an mittelschwerer, die letzte, mit vier Bewohnern kleinste Gruppe schließlich an der schwersten Form. Mit der Musik ergebe sich eine Erlebnissituation, man locke die Menschen aus der Reserve. „Sie wachen auf aus ihrer Apathie“, erzählt Scherer.

Die Beteiligten sind begeistert von den Möglichkeiten, die sich ergeben haben. So sehr, dass der Förderverein der Musikschule spontan beschlossen hat, eine größere Summe für das Projekt und seine Finanzierung zur Verfügung zu stellen, so Cornelia Funke. Dass der Bedarf wächst, kann Scherer mit Zahlen belegen, inzwischen sind 60 der 110 Bewohner des Heimes an Demenz erkrankt. Als Günther Scherer seine erste Stelle als Heimleiter im Jahr 1987 angetreten hatte, seien 90 Prozent der Bewohner nicht pflegebedürftig gewesen. Zur Relativierung muss gesagt werden, dass erst seit den 1980-iger Jahren das Krankheitsbild wahrgenommen und entsprechende Behandlungsweisen angewendet wurden.

Die Geragogik müsse ebenso selbstverständlich werden, so Verena Kraus, wie die Früherziehung. „Das bedeutet ein Stück mehr Lebensqualität für die Menschen im Alter“, ergänzt Cornelia Funke.

os

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