23 Jahre war Karl-Heinz Schneider Mesner der Herzogsägmühler Martinskirche.
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23 Jahre war Karl-Heinz Schneider Mesner der Herzogsägmühler Martinskirche.

Keine große Abschiedsfeier geplant

Vom Bundespräsidenten-Besuch bis zur verbrannten Bibel: Mesner erlebte in 23 Jahren viel Kurioses

  • Barbara Schlotterer-Fuchs
    vonBarbara Schlotterer-Fuchs
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23 Jahre lang war Karl-Heinz Schneider Mesner in Herzogsägmühle. Ende März geht er in den wohlverdienten Ruhestand und blickt nun auf eine ereignisreiche Zeit zurück.

Herzogsägmühle – Karl-Heinz Schneider zückt das Handy: Die Martinskirche von außen, die Martinskirche von innen. All diese Bilder hat er übrigens auch auf seinem Laptop. Sogar das Glockenläuten der Martinskirche kann er hier anhören.

Schneider lässt keinen Zweifel daran: Diese Kirche, sie ist sein ein und alles. Ebenso wie die Menschen, denen er hier mehrmals in der Woche begegnet. Er kennt sie. Sie kennen ihn. Seit immerhin 23 Jahren ist Karl-Heinz Schneider der Mesner der Martinskirche. Ende März begibt er sich in den wohlverdienten Ruhestand.

Abschied fällt dem Mesner schwer

Der Abschied: Er fällt ihm mehr als schwer. Mehr als einmal wollte er schon aufhören. Und dann auch gleich wieder anfangen. „Die Martinskirche ist mein Leben“, sagt der 76-Jährige. Seit 30 Jahren lebt er in Herzogsägmühle. Fast zweieinhalb Jahrzehnte davon ist er der Mesner der Kirche im Diakoniedorf. „Damals, da haben sie mich überredet – und ich habe Ja gesagt.“

So lange, dass Karl-Heinz Schneider als Mesner längst seinen Stammplatz hat. Beim Gottesdienst sitzt er auf dem Stuhl ganz hinten rechts, gleich neben der Türzur Sakristei. „Da habe ich die ganze Kirche im Auge.“ Karl-Heinz Schneider zählt die Leute. Er hat Blick auf den Pastor. Was ist als nächstes gefragt? Muss die Glocke geläutet werden?

Mesner bewahrt halb abgefackelte Bibel auf

Kennengelernt hat er in seiner Zeit als Mesner alles, erklärt Karl-Heinz Schneider launig. Trauriger, aber auch spektakulärer Höhepunkt eines solchen Mesner-Daseins: Irgendwann kommt Schneider abends zur Kirche. „Alles war voller Qualm.“ Der Altar steht in Flammen. Die Kerzen. Brandstiftung? Wahrscheinlich schon. Irgendjemand hat die Kerzen am Altar angesteckt. Polizei und Spurensicherung sind dran. Ergebnislos. Vorsichtig, als würde er die Kronjuwelen des englischen Königshauses präsentieren, hält Karl-Heinz Schneider die halb abgefackelte Bibel in der Hand. Seit dem Brandgeschehen bewahrt er sie wie einen Schatz in der Sakristei auf.

Der Mesner-Alltag scheint beim Gespräch mit Schneider gar nicht dröge. Schneider bringt die Blumen zum Altar. Und schwupps, sind sie weg. Nicht nur einmal. Ein älterer verwirrter Herr mopst nicht nur einmal den Blumenschmuck am Tisch des Herrn. Das Mesner-Amt in der Martinskirche in Herzogsägmühle: Es ist ein besonderes Amt, das viel Geduld erfordert. Außerdem Selbstständigkeit und Handfertigkeit. „Man muss alles selbst machen können.“ Kein Wunder, dass Mesner Schneider in der Martinskirche nach 23 Jahren „jede Ecke in der Kirche in- und auswändig“ kennt.

Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen: Alles hat Schneider erlebt. „Jeder Tag ist anders.“ Und weil manche Tage auch ein Ende haben, besucht er jeden Tag den Friedhof in Herzogsägmühle. „Dann denke ich an meine Schäfchen, die da liegen.“

Auch seinen früheren Chef, Pfarrer Lutz, besucht er da. „Von dem krieg ich noch 18 Mark“, erklärt Schneider feixend. Als der Pfarrer damals seine Stelle angetreten hatte, war Mesner Schneider beim ersten Einkauf zur Stelle. Das ausgelegte Geld forderte er anstandshalber nie mehr ein.

Mesner sollte lange Begrüßungsansprache für Bundespräsidenten halten - seine Worte überraschten

Apropos Anstand: Der war mehr denn je gefordert, als Roman Herzog, damals Bundespräsident in Deutschland, dem Diakoniedorf einen Besuch abgestattet hatte. Eine Mords-Rede hatt ihm der damalige Rektor des Diakoniedorfs Dürr da auf ein Blatt geschrieben. Auf die vorgefertigte Begrüßungsansprache verzichtete Mesner Schneider und begnügte sich bescheiden mit folgenden Worten: „Ich heiße Sie willkommen, wünsche Ihnen alles Gute und einen guten Aufenthalt.“ Untermalen kann Schneider das Szenario vom Treffen mit dem bereits verschiedenen Staatsmann mit Bildern. Noch heute muss er über die Antwort von Herzog lachen. „Der hat gesagt: Man kann auch mit wenig Worten viel sagen.“ Stimmt.

Viel wäre zu sagen,wenn Karl-Heinz Schneider sich Ende März in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Der Mesner, der alle seine Schäfchen kennt. Der Mesner, der immer für alle Kinder Schokoladen-Überraschungen bereithält.

Eine pompöse Verabschiedungsfeier wird es wohl nicht geben. Nicht nur wegen Corona. Karl-Heinz Schneider ist kein Mann der großen Worte. Er arbeitet still im Hintergrund. Jeden Hebel weiß er in der Martinskirche zu betätigen, jedes Rädchen zu drehen. Im Gottesdienst, da säße er da und denke an Kleinigkeiten, erzählt er. Und wenn, dann alles geklappt hat, am Ende: „Dann klopfe ich mir selber auf die Schulter.“ Allerdings nur in einer ruhigen Minute. So dass es keiner mitbekommt. 23 Jahre: Eine lange Dienstzeit für einen stillen Held, der der Herzogsägmühler Martinskirche eine Seele gegeben hat.

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