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Wie eng es in den Stollen zuging, lässt dieses Foto erahnen, das Anton Fürst (Mitte) mit seinen Kameraden Franz Zwerger und Alois Magg zeigt.

50 Jahre Bergwerkschließung Peiting

„Die Gefahr war ein ständiger Begleiter“

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Die Geschichte der Marktgemeinde Peiting ist untrennbar mit dem Bergbau verbunden. Wie es war, unter Tage zu arbeiten, wissen heute nur noch wenige Zeitzeugen. Zwei davon sind die Peitinger Hans Heiß (82) und Anton Fürst (85), die viele Jahre als gelernte Hauer im Bergwerk arbeiteten. Ein Gespräch über harte Arbeit, gefährliche Situationen und alte Lohnzettel.

Am heutigen Samstag wird in Peiting mit einem großen Fest an die Schließung des Bergwerks vor genau 50 Jahren erinnert. Kommt bei Ihnen angesichts des runden Jubiläums Wehmut auf?

Hans Heiß: Irgendwie schon, schließlich war ich 18 Jahre im Peitinger Bergwerk beschäftigt. Ich bin erst kurz vor Ende ausgeschieden.

Anton Fürst: Geht mir ähnlich, auch wenn bei mir die Zahl an Arbeitsjahren nicht ganz so hoch ist. Ich war 13 Jahre dabei und hab zwei Jahre vor der Schließung aufgehört. Ich wollte nicht mehr nach Peißenberg. Die Peitinger hätten nämlich noch dorthin gehen können. Aber nach einer Besichtigung war mir der Unterschied zu krass.

Heiß: In Peißenberg waren die Stollen tiefer, da war es noch wärmer und dann der Staub, das waren schwierigere Bedingungen.

Der Bergbau hat Ihr Leben geprägt. Kommen an einem solchen Stichtag die Erinnerungen an diese Zeit wieder hoch?

Heiß: Klar. Ich hab am 3. April 1950 als Berglehrling angefangen. Drei Jahre war ich über Tage, denn erst ab 18 Jahren durfte man unter Tage arbeiten. Die Bohrmaschinen reparieren war als Lehrling eine der Hauptaufgaben.

Warum haben Sie sich für den Bergbau entschieden?

Heiß: Weil es damals keine andere Industrie in Peiting gab, nur einige kleine Handwerksbetriebe. Es gab also kaum Alternativen.

Sie kommen aus einer Bergbaufamilie. Ihr Vater arbeitete ebenfalls im Peitinger Bergwerk.

Heiß: Ja, er war quasi von Beginn an bis 1959 dabei. Ich habe noch einen Lohnzettel aus dem Jahr 1922 von ihm. Zwei Jahre vorher hat man mit dem Abteufen begonnen. Die Leute sind damals alle nach Peiting gekommen, weil es sonst nirgends Arbeit gegeben hat. Mein Vater zog aus Rott am Lech hierher.

Fürst: Mein Vater lebte zu dieser Zeit in Neuburg an der Donau. Es waren acht Kinder mit kleinem Anwesen. Im Allgäu hat man Arbeit gesucht, 1920 hat er mit dem Bergbau in Peiting angefangen und war dann bis zur Pensionierung hier beschäftigt.

Wie sind Sie zum Bergbau gekommen?

Fürst: Ich habe erst eine Zimmermannlehre gemacht. Als der Chef der Firma verunglückte, musste ich mich umorientieren und hab‘ in Schongau in der Papierfabrik angefangen. Damals war es als Zimmermann nicht so rosig, im Winter musste man zum Stempeln gehen. Die Zeit war immer bitter, da hat man kaum Geld gehabt. Die ehemaligen Schulkameraden, die im Bergbau waren, haben dagegen schon gut verdient. Für Veranstaltungen wie Fasching hat mir meine Mutter oft Geld zugesteckt, damit ich auch mitgehen kann. Bergbau war damals einfach der sicherste Arbeitsplatz. Dann bin ich mit Kollegen 1954 für ein Jahr nach Bochum ins Ruhrgebiet gegangen, um dort unter Tage zu arbeiten.

Wieso Bochum und nicht Peiting?

Fürst: In Peiting waren 200 vorgemerkt im Buch. Da gab es eine richtige Warteliste. Erst nach dem Jahr im Ruhrgebiet hatten sie hier eine Stelle für mich, weil ein Kumpel aus Rottenbuch in Pension gegangen ist.

Wie muss man sich die Arbeit unter Tage vorstellen?

Heiß: Die erste Zeit unter Tage war ich ja noch Lehrling. Meine erste Aufgabe war Motorbegleiter. Ich fuhr mit den großen Zügen mit und war fürs Rangieren und Einhängen verantwortlich. Später ging es dann in den Akkordbetrieb, wo man den Streckenvortrieb gemacht hat.

Wie muss man sich das vorstellen?

Heiß: Das bedeutet, dass man eine Vorgabe an Metern hatte. Nach dieser ist man bezahlt worden. Hat man mehr gemacht, hätte man eigentlich auch mehr Geld bekommen müssen. Meist ist dann aber der Vorgesetzte gekommen und hat die Auszahlung angepasst (lacht).

Bergbau war eine sichere Einnahmequelle. Was hat man damals verdient?

Fürst: Zimmerer und Maurer waren die bestbezahlten Handwerksberufe, aber im Bergbau gab es deutlich mehr.

Heiß: Als Lehrling hat man im ersten Monat 130 Mark bekommen. Ein normaler Handwerkerm, etwa ein Schreiner, hatte vielleicht 20 Mark im Monat.

Die Arbeit unter Tage war anstrengend, oder?

Heiß: Ja. Die Belastung hat auch über die Zeit zugenommen. Denn je tiefer man kam, desto wärmer wurde es. Jede 30 Meter ist es ein Grad wärmer geworden. In den Streben (schmaler langer Abbauraum, die Red.) war es zum Teil so eng, dass man sich nicht einmal umdrehen konnte. Ich kann mich erinnern, wie ich mit der rechten Hand mit dem Presslufthammer die Kohle herausgebrochen habe und zugleich den Streb mit Holz ausbauen musste. Ab und zu war es schwieriger, zum Arbeitsort zu kommen als die eigentliche Arbeit, weil der Stein so brüchig war und dauernd heruntergebrochen ist. Da musste man schauen, dass man irgendwie durchschlüpfen konnte.

Der Bergbau war nicht ungefährlich, 31 Arbeiter haben ihren Einsatz unter Tage mit dem Leben bezahlt. Haben Sie selber gefährliche Situationen überstanden?

Heiß: Allerdings. Ich erinnere mich an eine ganz genau. Wir waren zu dritt beim Streckenausbau und haben Eisenträger montiert. Einer war zu kurz, weshalb wir unten Gestein einbauen mussten. Grad als wir weg waren, ist ein Mordskoloss heruntergebrochen so groß wie drei Tische. Wären wir da gewesen, hätte es schlecht ausgeschaut. Das war ein Moment von drei, vier Minuten. Ein anderes Mal stand ich hinter einem Kollegen, der mit dem spitzen Pickel ausholte und nur um Millimeter mein Auge verfehlte. Das war ein Riesenglück.

Fürst: Die Gefahr war ein ständiger Begleiter. Am schlimmsten war es nach Feiertagen. Der Berg war ja immer in Bewegung, in der Rutsche hatte man dann teilweise nur ein Loch, wo man nicht gewusst hat, was kommt danach. Das waren Momente, wo ich richtig Angst hatte. Kritisch war auch, wenn Kohlenflöze versetzt im Berg waren. Die Verwerfungen durchzuarbeiten war eine miese Sache, weil alles locker und unberechenbar war.

Wie war es damals um die Sicherheitsbestimmungen und Ausrüstungen bestellt?

Heiß: Das war natürlich kein Vergleich zu heute. Als ich angefangen habe, gab es nur Lederhelme. Die Plastikhelme kamen erst später, genau wie Sicherheitsschuhe und Handschuhe.

Wie hat sich die Arbeit über den Lauf der Zeit geändert?

Heiß: Die Abbautechnik hat sich um hundert Prozent geändert. Am Anfang wurde beispielsweise alles mit Holz ausgebaut, später kamen die Eisenstempel.

Fürst: Und die Beleuchtung. Früher musste der Bergmann mit der Benzinlampe für Licht sorgen. Das kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass man da was gesehen hat.

Heiß: Die Kopflampen waren da schon eine deutliche Verbesserung. Später gab es dann auch noch Gaswarner, die vor Grubengase gewarnt haben. Und am Anfang musste man die Kohle noch per Hand aufladen, später gab es dafür sogenannte Auflader.

Ist dann auch die Arbeit leichter geworden durch die technischen Verbesserungen?

Heiß: Ja, aber dadurch, dass es immer tiefer ging, wurde es immer wärmer. Und auch gefährlicher. Ich erinnere mich, wie in Richtung Kurzenried in der sechsten Sohle auf 800 Meter das Wasser von den Wänden runtergelaufen ist und einen richtigen Bach gebildet hat. Das musste man damals alles aufwendig rauspumpen, sonst wäre alles vollgelaufen. Teils ist das auch über Nacht passiert. Die Pumpen mussten rund um die Uhr laufen.

Wie lang hat die Fahrt auf 800 Meter gedauert?

Fürst: Die Förderung ist mit sieben Meter pro Sekunde gefahren und Mannschaftsfahrten mit neun Meter pro Sekunde. Da fällt mir eine Anekdote ein. Wenn ein Kumpel verschlafen hatte und er war spät dran, dann war die Mannschaftsfahrung um 6 Uhr mit vier Körben schon durch. Dann wurde auf Kohlenförderung umgestellt. Mir ist das einmal passiert. Da blieb nur die Option, schwarz hinunter zu fahren mit der Förderung. Dann hat man sich in nen leeren Hund reinsetzen müssen und ist hintergefahren. Das war keine schöne Fahrt. Am besten und sichersten ist es deshalb gewesen, du bist in diesem Fall daheim geblieben und hast Urlaub oder eine Fehlschicht genommen.

Heiß: Später in den 60er Jahre hatte man Fahrräder entwickelt, die auf den Schienen liefen. Da war es einfacher, die kilometerlangen Schächte hinterzufahren. Aber ganz ungefährlich war auch das nicht, denn da unten war viel Betrieb. 36 Loks mit vielen Waggons, und die Stollen waren eng.

Hat der Bergbau Spuren an Ihrer Gesundheit hinterlassen?

Fürst: Mein Vater ist an Silikose gestorben. Er war viel auf Strecke. Der Steinstaub beim Bohren war nicht angenehm, vor allem zu Beginn als es noch keine Absaugung gab. Dazu muss man wissen, dass die Staublunge von der Knappschaft nie als Krankheit anerkannt worden war.

Heiß: Als ich gearbeitet habe, gab es bereits die Absaugung, da war es nicht mehr so schlimm. Der Kohlenstaub war nicht so giftig wie der Gesteinsstaub. Mein Vater war zum Glück nicht betroffen, er war nicht im Vortrieb, sondern beim Streckenunterhalt.

Gab es im Bergbau damals angenehmere und weniger angenehmere Tätigkeiten?

Heiß: Sagen wir‘s mal so: Es gab Flöze, wo die Kohle leicht herausging und welche, wo es saumäßig hart war.

Eine dunkle Episode der Bergbaugeschichte war die des Zweiten Weltkriegs. In Peiting arbeiteten damals viele Kriegsgefangene im Bergwerk. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Heiß: Ja, die sind jeden Tag vom Bergwerk zum Weilheimer Hof marschiert, wo es ein Lager gab. 258 Franzosen und 30 Serben. In Peißenberg hat man russische Kriegsgefangene beschäftigt. Die sind in ihrer Freizeit sogar bis nach Peiting gekommen. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ein Russe bei uns zur Tür hereingekommen ist. Ich hab’ eine Mordsangst gehabt, es war ja Krieg und ich vielleicht sieben Jahre alt. Nur meine Mutter war da, mein Vater war in der Arbeit. Er wollte nur ein bisschen Tabak und Zigarettenpapier. Dann ging er wieder. Viele haben so kleines Bastelzeug gemacht und verkauft, um ein bisschen was zum Essen zu bekommen.

1957 waren mit 929 Personen rund zehn Prozent der Peitinger Bevölkerung im Bergbau beschäftigt. 1961 war die höchste Förderung erreicht. Hat sich damals abgezeichnet, dass es zu Ende geht?

Heiß: Ja. Öl wurde in den 60er Jahren zu einem billigen Ersatz für die Kohle. Viele haben umgestellt auf Öl. Eine Peitinger Bäckerei, die das gemacht hat, wurde dann sogar eine zeitlang boykottiert. Doch den Lauf der Dinge konnte man dadurch natürlich nicht aufhalten.

Sie haben drei Monate vor der Schließung aufgehört. Was haben Sie dann gemacht?

Heiß: Ich habe bei der Papierfabrik angefangen. Nach zwei Jahren bin ich dann zu Agfa gewechselt.

Fürst: Ich hab nach meinem Ausstieg bei Haseitl als Zimmerer angeheuert. Nach zweieinhalb Jahren bin auch ich dann zu Agfa gekommen.

Also waren Sie wieder Arbeitskollegen?

Heiß: Das kann man so sagen, auch wenn wir in anderen Abteilungen beschäftigt waren. Das war aber auch im Bergbau schon so, da haben wir auch nie zusammengearbeitet (lacht). Der eine war im Osten, der andere im Westen. Im Übrigen sind wir schon lange mehr als Kollegen. Meine Frau ist seine Cousine.

Gibt es noch Kontakt zu ehemaligen Kumpels?

Fürst: Die Kameradschaft im Bergbau, das muss man betonen, war bemerkenswert. Jeder war für jeden da. Das hat auch nach der Schließung angehalten, auch wenn natürlich mittlerweile die Zahl der ehemaligen Bergleute überschaubar geworden ist.

Haben Sie der Zeit hinterhergetrauert?

Fürst: Den Staub und das ganze Milieu habe ich ehrlich gesagt nicht vermisst, das war schon eine große Erleichterung danach. Man darf das nicht verklären, es war ein hartes Stück Arbeit.

Heiß: Wenn man als Lehrling anfängt, dann wächst man rein und bleibt dabei. Jemand von außen würde so etwas nicht mitmachen, die Bedingungen waren wirklich nicht angenehm. Auch wenn es natürlich schöne Zeiten gab.

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