+
In einem Schongauer Gasthof hat Sieglinde Kastenmüller ein kleines Zimmer gemietet. 350 Euro Miete zahlt die verwitwete 63-Jährige dafür. Ein Heim auf Dauer ist es nicht, doch ihre Wohnungssuche lief bislang erfolglos.

„Hatte nicht einmal ein Bett“

Frau verliert Wohnung - jetzt macht sie der Obdachlosenhilfe schwere Vorwürfe

  • Christoph Peters
    VonChristoph Peters
    schließen

Nach einem Streit mit ihrem Vermieter verlor Sieglinde Kastenmüller ihre Wohnung in Altenstadt. Seitdem ist sie heimatlos - und macht der Obdachlosenhilfe schwere Vorwürfe.

  • Weil sie Streit mit ihrem Vermieter hatte, verlor Sieglinde Kastenmüller Mitte September ihre Wohnung in Altenstadt. 
  • Seitdem ist die 63-Jährige auf der Suche nach einer festen Bleibe. Enttäuscht zeigt sie sich von der Obdachlosenhilfe der Herzogsägmühle. 
  • Im Diakoniedorf ist man überrascht über die Vorwürfe.

Herzogsägmühle – Diesen Tag wird Sieglinde Kastenmüller so schnell nicht vergessen. Am 17. September muss sie ihre Wohnung in Altenstadt für immer verlassen. Kündigung, Zwangsräumung. Ihr Streit mit dem Vermieter war eskaliert. Die 63-Jährige wird zum Fall für die Wohnungslosenhilfe der Herzogsägmühle. Sie kommt im Gasthaus des Diakoniedorfs unter, der Herberge für wohnungslose Menschen. 

Einen Monat darf man dort bleiben pro Kalenderjahr, Kastenmüller erhält darüber hinaus zehn Tage Fristverlängerung. Man habe ihr im Anschluss einen Platz im sogenannten Clearinghaus angeboten, erzählt die 63-Jährige. Doch sie habe abgelehnt. Denn dort hätte sie sich eine WG mit zwei jungen Frauen teilen müssen. Und auch ihre karge Witwenrente hätte sie an Herzogsägmühle abtreten müssen – bei 120 Euro Taschengeld.

+++ Lesen Sie auch über diesen dramatischen Fall von Dezember 2019 aus Bad Tölz: Sie hatte ihr Leben lang als Krankenschwester gearbeitet. Heute ist die Krankenschwester aus Bad Tölz obdachlos. Eine neue Wohnung zu finden, ist nahezu aussichtslos.

In einem Gasthof in Schongau findet die 63-Jährige ein kleines Zimmer

In ihrer Not kommt Kastenmüller eine Woche bei einem Bekannten in Peiting unter. Sie klappert die Rathäuser in Schongau und Altenstadt ab, doch die Suche nach einer Sozialwohnung ist vergeblich. 

„Mir konnte keiner helfen. Man hat mir gesagt, dass alle Wohnungen belegt seien.“ 

In einem Gasthof in Schongau findet die 63-Jährige schließlich ein kleines Zimmer zur Miete. Mehr als ein Dach über dem Kopf ist es nicht, Möbel gibt es keine. „Ich hatte nicht einmal ein Bett.“

Ihre alten Möbel aus ihrer Altenstadter Wohnung seien auf Rat des zuständigen Mitarbeiters der Wohnungslosenhilfe entsorgt worden. Zu teuer käme die Einlagerung. Außerdem habe Kastenmüller Anspruch auf eine Erstausstattung, sollte sie in eine neue Wohnung ziehen. 

„Bekommen habe ich aber nichts“, klagt sie. Von ihrem letzten Geld und mit finanzieller Hilfe durch das Jobcenter kauft sich Kastenmüller ein Bett, um nicht auf dem Boden schlafen zu müssen. Von Herzogsägmühle sei sie nach diesen Erfahrungen „schwer enttäuscht“.

Im Diakoniedorf ist man überrascht über die Vorwürfe. „Ich stehe nach wie vor mit Frau Kastenmüller in Beratungskontakt“, sagt Stefan Schütz von der Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit im Landkreis. Erst kürzlich habe sich die Altenstadterin „herzlich für sämtliche Hilfen“ bedankt. Noch bis am Abend vor der Räumung habe man sich gemeinsam bemüht, diese zu verhindern, sagt Schütz. „Leider in diesem Fall ohne Erfolg.“

Ein Wohnungsverlust versetze viele Betroffene – nicht zuletzt aufgrund des angespannten Wohnungsmarktes – in eine durchaus prekäre Lebenslage, weiß Schütz aus der Erfahrung seiner täglichen Arbeit. „Die bedarfsorientierten, regionalen Hilfeangebote von Herzogsägmühle setzen sich aus diesem Grund das Ziel, Menschen in besagten prekären Lebenslagen nach allen Möglichkeiten fachlich zu unterstützen.“ Genau das sei auch im Fall von Sieglinde Kastenmüller geschehen. „Sie hat eine Vielzahl fachlicher Hilfen erhalten und diese auch angenommen, so zum Beispiel die Unterbringung in unserem Gasthaus.“

Dass die 63-Jährige sich gegen die stationäre Aufnahme entschieden habe, sei ihr gutes Recht. „Wir können nur ein Angebot machen“, erklärt auch Martin Holleschovsky, Teilbereichsleiter für Regionale Angebote in Herzogsägmühle. Dabei handle es sich um eine vollfinanzierte Leistung, sprich, die Betroffenen bekommen neben der Unterbringung im Einzelzimmer Verpflegung, Kleidung und Taschengeld. Einkünfte wie eine Rente müssten jedoch für die Finanzierung herangezogen werden. „Das verlangt der Bezirk als Kostenträger.“

Das Hilfeangebot der Fachstelle besteht nach wie vor

Prinzipiell seien bei akuten Fällen von Obdachlosigkeit die Gemeinden zuständig, erklärt Holleschovsky. „Sie müssen sich um die Unterbringung kümmern.“ Allerdings gehe es dabei nicht um eine Wohnung, sondern erst einmal um ein Dach über dem Kopf. Für das hat Sieglinde Kastenmüller in diesem Fall durch die Anmietung des Pensionszimmers selbst gesorgt. Dass jemand mit einer solchen Wohnsituation unzufrieden sei, sei nachzuvollziehen, sagt der Teilbereichsleiter. Das Hilfeangebot durch die Fachstellen stehe nach wie vor, betont Schütz.

Sieglinde Kastenmüller will sich jedoch erst einmal selbst weiter um eine eigene Wohnung bemühen. Zumindest einen kleinen Lichtblick gibt es: Der Sozialhilfeträger habe die durch die Beratungsstelle begleitete Antragstellung hinsichtlich der Ausstattung der Unterkunft mit Möbeln zwischenzeitlich bewilligt, teilt Schütz mit.

Auch interessant:

Heimaufsicht fordert Blitz-Konzept fürs Peitinger Marienheim

Finanzspritze für Stadion-Sanierung in Schongau

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare